Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 28 (1904)
- Issue
- No. 19. (1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 19■ — 1904. ' Jüdisches Jahrg. XXVII. Zur Beleuchtung aller Judentum und Juden betreffenden litterarischen Eracheinungen auf dem Gebiete der Philosophie, Geschichte, Ethnographie, Theologie, Orientalia, Exegese, Homiletik, Liturgik und Pädagogik. Begründet von Rabbiner Dr. M. Rahmer. Verantwortlicher Redakteur: Rabb. Dr. L. A. Rosenthal in Preußisch Stargard. Verlag und Expedition: Arthur Scholem, Berlin C., Roß-Straße 3. Bücher der einschlägigen Litteratur, deren Besprechung in diesem Blatte gewünscht wird, sowie Briefe und Manuskripte sind an die Redaktion, Inserate u. Beilagen an die Expedition franco einzusenden. Rahmer’s ״Jüdisches Litteratur - Blatt“ erscheint monatlich zwei Mal und kostet bei allen Buchhandlungen (oder bei direktem Bezüge durch Arthur Scholem, Berlin, Roßstr. 3) vierteljährlich eine Mark. — Die Abonnenten der in demselben Verlage erscheinenden ,,Israelitischen Woohenschrift“, welche bei allen Postanstalten und Buchhandlungen vierteljährlich 3.— M. kostet, erhalten das ״Jüdische Litteraiur-Blatt“ als Gratis-Beilage. — Inserate werden mit 20 Pfg. die viergespaltene Zeile berechnet und sind an die Expedition in Berlin zu senden. Abdruck einzelner Artikel nur mit der Angabe: ״Aus Rahmer’s Jüd. Litteratur-Blatt“ gestattet. Wissenschaftliche Arbeiten. Prophetie und Psychologie. Dr. Kurtz. Zur Psychologie der vorexilischen Prophetie in Israel. Feigenspahn, Pössneck i. T. 102 S. 2 Mk. Die heutige Betrachtung der Propheten schließt das Uehernatürliche völlig als Begründungsmittel aus, indem sie es nur als innere Erfahrung behandelt und somit zu einem Gegenstand der Forschung macht. Die Frage lautet da nicht: Wie ging es vor sich? sondern: Wie drang es in das Gefühlsleben des Propheten ein und wie kam es ihm zum Bewußtsein? Man legt zu diesem Zweck die biblischen Quellen dem Verfahren zu Grunde, indem man sie auf ihre Echtheit prüft;* das dem Verfasser gehörige oder als ihm gehörig angenommene Gut wird nun wie ein anderes Werk auf seinen Inhalt geprüft, aus diesem die dahintersteckende Persönlichkeit erraten und in ihrer Entwicklung aus ihrer Zeit und Umgebung hergeleitet. Ein anderes Verfahren kennt die heutige Bibelwissenschaft nicht. Ein anderes hat im Grunde genommen auch Kurtz nicht angewandt, höchstens die Formeln der neuzeitlichen Beelenlehre hier eingesetzt. Daß nämlieh die Gemeinschaft mit ihrem ganzen Denken, Fühlen und Leben auf den Einzelnen einwirkt, daß er als Einzelner auf sie zurückwirkt und so aus Wirkung und Gegenwirkung immer neue Gebilde entstehen, daß auch der Meister und Vorgänger den Schüler und Nachgeborenen beeinflußt, daß die Enge des Gefühlslebens der Weite des Bewußtseins sehr lange vorausgeht und dies nur ein kleiner meist unverstandener Ausschnitt des Innenlebens ist, daran hat man schon lange vor dem Entstehen dieser Schrift nicht gezweifelt. Es läßt sicht durch angebliche Erforschung des Gemütslebens meist restlos der zum Bewußtsein kommende Gedankengang, hier selbst der Offenbarungsglauben, erklären. Wer ist aber imstande, das Gefühlsleben jener Vorzeit mit Sicherheit zu durchdringen? Ueberhaupt ist man bei solchen Forschungen bald in Gefahr, die Lücken der betreffenden Entwicklungskette mit erborgten Gliedern zu füllen. Nichts ist leichter als das. Da Verf. außerdem sich mit dem die Propheten betreffenden Schrifttum vertraut gemacht hat, so geht er nicht voraussetzungslos an sein Werk, sondern er wird von den Theologen beeinflußt. So kann auch nicht von einem unwillkürlichen Zusammentreffen seiner Auffassungen mit den Ergebnissen der heutigen Wissenschaft, und deshalb von einer unbeabsichtigten Bestätigung derselben die Rede sein. Der Urbegriff des Verhältnisses Israels zu Gott war der des Bundes und der darauf begründeten Forderung, alles Leben und Streben einheitlich danach zu regeln. Aber Israel nahm später in Palästina Leben und Sitten der höherstehenden. Landesbewohner an. Mit dem Hinneigen nach deren Lebensgenüssen verlor die gehorsamheischende Gottheit ihre Kraft, mit fremden Sitten zogen fremde Götter ein, das Einheitsgefühl hörte auf, das Einzelstreben nach Genüssen brachte die rücksichtsloseste Ausnutzung des Mitmenschen. Bessere Kreise erkannten die Gefahr völliger Verweltlichung, und die Nathan und Elia strebten danach, Gott wieder zum Regler aller Lebensbestrebungen zu machen. Wer Gott suchte, entsagte, wie Elia, dem damaligen Leben und fand durch Entsagung, losgelöst von den abziehenden Lebensgenüssen, das einheitliche Streben in Gott wieder. Sollten aber die Besserungsbestrebungen einen Erfolg haben, so mußte alles versittlicht werden. So findet Arnos in den Stürmen seiner Zeit den Gott der Sittlichkeit, der rücksichtlos auch sein Volk verwerfen kann, Hosea die Liebe im Wesen Gottes durch die Sonderverhältnisse seiner Ehe, Jeremia, angesichts des nahen Untergangs ganz hesonders Herr seines Bewußtseins und seines Einzelmenschentums, kann seine Befriedigung nur darin finden, daß er alle Menschen zu allen und zu Gott selbst in Beziehung bringt und somit den Gott der Völker verkündet. Mit Bewußtsein ausgesprochen werden solche Wahrheiten nicht, trotzdem sie, wie bei Elia der Sittengedanke, schon vorhanden sind und den ganzen Menschen beeinflussen. Die Gesichte sind innere Erlebnisse infolge des Bewußtseins vom Piophetenberuf und dem durch die Zeitverhältnisse notwendigen Worte Gottes; daher das Gesicht, das