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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-10-14 · 42 (14.10.1904) · p. Seite 590

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
42 (14.10.1904)
Date
1904-10-14
Page
Seite 590 (sequence 6)
Language
German
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Seite 590. Israelitische Wochenschrift. Nr. 42 zeichneter Linguist. Die hebräische Sprache und die talmudische Literatur beherrschte er wie ein Gelehrter von Beruf und viele Jahre lang hat er verschiedenen hebräischen und jüdischen Zeitschriften interessante wissenschaftliche Beiträge geliefert. In „Jewish Chronicle" veröffentlichte er einst eine Uebersetzung der talmudischen Verordnungen über den Wucher, „um den Bekennern anderer Konfessionen zu beweisen, wie streng die Strafen gegen solche Gelddarleiher waren, die unberechtigt hohe Zinsen nahmen". Im Jahr 1871 regte Guedalla die Begründung eines jüdischen Literaturvereins in London an, der die Uebersetzung der Professor Zunzschen „Gottesdienstlichen Vorträge" und der „Synagogalen Poesie des Mittelalters" desselben Autors veranlassen sollte. Er trat zu diesem Zweck mit Professor Zunz in Briefwechsel und erlangte auch die Einwilligung zur Uebersetzung der genannten Werke. Aber auch in praktischer Richtung konnte Haim Guedalla seine Kenntnisse der hebräischen Sprache verwerten. Wie schon sein Vater interessierte er selbst sich in seltenem Eifer für die Juden in Palästina, und dieses Interesse konnte sich noch intensiver betätigen, als er 1840 eine Nichte von Moses Montefiore, Miß Jemima Sebag, als Gattin heimführte. Mit dieser begleitete er 1855 Sir Moses und Lady Montefiore auf ihrer dritten Reise nach Palästina, und von dieser Zeit bis zu den nicht weit zurückliegenden Tagen, da die Beschwerden des Alters alle Tätigkeit untersagte, hat Haim Guedalla ununterbrochen für seine Glaubensbrüder im heiligen Land gewirkt. Viele Jahre lang hatte er die Gelder zu verwalten, die die Mitglieder der Londoner spanisch-portugiesischen Gemeinde regelmäßig für die armen Juden in Palästina sammelten. Nach dem Ableben des Sir Moses Montefiore wurde der Ehrentitel „Nafi", der diesem von dem Chacham Baschi und einem Konklave von Jerusalemer Rabbinern beigelegt worden, auf dessen Neffen Haim Guedalla übertragen; denselben Titel erhielten Sir Joseph Sebag Montefiore, Lord Rothschild und der verstorbene Dr. Adler. Als 1863 Sir Moses mit seinem Neffen auf dem Weg nach Marokko durch Spanien reiste, machten die Herren in Madrid die Bekanntschaft hervorragender Staatsmänner, darunter des Premierministers General Prim. Diese Bekanntschaft hatte eine sehr große Bedeutung, denn im Jahr 1869 erlangte Haim Guedalla vom Marschall Prim die Erlaubnis zur Rückkehr seiner Glaubensgenossen nach Spanien, das ihnen seit vierhundert Jahren verschlossen gewesen war. Diese einfache Erlaubnis genügte ihm jedoch nicht. Als 1876 in den Kortes die spanische Konstitution beraten wurde, überreichte der Vorstand der Madrider jüdischen Gemeinde Alphons XII. ein Memorandum, in dem der König gebeten wurde, den Juden ausdrücklich freie Relionsübung zuzusichern, da der § 11 der Verfassung leicht zu Ungunsten der Juden ausgelegt werden könnte. Dieser Schritt war ohne Erfolg, der § 11 blieb unverändert. Im Juli 1881 richtete Haim Guedalla an den derzeitigen spanischen Ministerpräsidenten Don Sagasta ein Schreiben, in dem er ihn auf die mögliche den Juden ungünstige Auslegung des § 11 aufmerksam machte und ihn um ausdrückliche Genehmigung für die Juden ersuchte, in den spanischen Städten Synagogen zu bauen und Grundstücke für Friedhöfe zu erwerben. Don Sagasta betonte in seinem Antwortschreiben, daß der Artikel 11 der spanischen Konstitution allerdings die römisch-katholische Religion als Staatsreligion vorschreibt, daß aber derselbe Artikel feststellt, es solle auf spanischem Gebiet niemand wegen seiner religiösen Ueberzeugung oder wegen Ausübung seines entsprechenden Gottesdienstes belästigt werden. Das schließe den Besitz eines eigenen Gotteshauses oder eigenen Friedhofs nicht aus und gelte in gleicher Weise für Juden und Protestanten. Andere Garantien könne die Regierung nicht geben, die Juden dürften ganz unbesorgt sein. Einige Monate später teilte Don Sagasta Herrn Guedalla mit, daß für die Juden in Spanien genau dieselben Naturalisierungs-Vorschriften gelten würden wie für sonstige Ausländer. Als sich späterhin in Spanien der „Cercle Jsraelite Espagnol" bildete, wurde Haim Guedalla in Anerkennung seiner Verdienste um die Juden Spaniens zum Ehrenpräsidenten gewählt. In der spanisch.portugiesischen Gemeinde ist der Verstorbene in den verschiedensten Ehrenämtern tätig gewesen und hat seit 61 Jahren den „Aeltesten", dem Vorstand, angehört. Der Senior-Aelteste ist er seit dem Tod von Jacob Montefiore gewesen. Für wohltätige Zwecke hatte er immer eine offene Hand, auf Wohltätigkeitsfesten war er von verschwenderlscher Freigebigkeit. Er hat vielen wissenschaftlichen und philanthropischen Vereinen angehört und hat in öffentlichen Versammlungen gern und mit großer Gewandtheit gesprochen. Sein Andenken wird überall ein gesegnetes sein. Sir Barry lohnsion über das Ostafrika-Projekf. Der Sekretär der englischen ziomstischen Vereinigung, Herr L. I. Greenberg, hat sich an Sir Harry Johnston, den ehemaligen Gouverneur des für eine eventuelle zionistische Niederlassung in Betracht kommenden Gebiets in Ostafrika, mit dem Ersuchen gewendet, ihm in Hinblick auf die demnächst nach Ostafrika zu entsendende Forschungsexpedition seine Ansicht über die projektierte Ansiedlung in einem zur Veröffentlichung bestimmten Schreiben darzulegen, und hat darauf folgende Antwort erhalten: Geehrter Herr Greenberg! In Beantwortung Ihres Briefes vom 26. September habe ich Ihnen mitzuteilen, daß ich die Frage einer jüdischen Kolonie in Britisch-Ostafrika mit Berücksichtigung Ihrer letzten Information sorgfältig in Betracht gezogen habe, und daß ich bereit bin, Ihrem Wunsch zu entsprechen und Ihnen in folgendem meine persönliche Meinung darzulegen. Zunächst ist das Gebiet näher zu betrachten, das die britische Regierung zu einer jüdischen Kolonie vorgeschlagen hatte. Das von Ihnen auf der Karte bezeichnete Stück Land verlangt einige unbedeutende Veränderungen, ehe ich mich dazu verstehen könnte, es als absolut für den Zweck passend anzusehen. Wenn das jüdische Komitee mit den von mir durch einen roten Strich auf der Karte bezeichneten Aenderungen einverstanden ist, und wenn diese Grenzenänderung von der Regierung zugestanden wird, so darf ich wohl behaupten, daß auf allen Gebieten Ostafrikas und Ugandas keine bessere Wahl getroffen werden könnte. Als im vorigen Jahr das Projekt zuerst erwogen wurde, nahm man an, daß die britische Regierung dem zionistischen Komitee ein beträchtliches Landgebiet im sogenannten Tanaland oder weiter nördlich im Galaland zur Verfügung gestellt habe. Natürlich war diese Geschichte nicht korrekt, aber trotzdem hatte ich es für nötig gehalten, dieses Anerbieten als ein ironisches zu bezeichnen. Man hätte dort den Juden aus Osteuropa einen Landstrich gegeben, der entweder sehr heiß und ungesund oder ganz ohne Wasser und von wilden Eingeborenen bedroht gewesen wäre. Das hätte natürlich ein Zugreifen von seiten der Juden nicht gelohnt. Dann wurde uns gesagt, diese Annahme wäre unrichtig; das zu wählende Land sollte entweder in der Umgegend von Kikuju an der Uganda-Eisenbahn oder auf dem Nandi-Plateau liegen. Gegen diese Pläne hatte ich wiederum einzuwenden.

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