Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 42 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- Seite 589 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 42. Israelitische Wochenschrift. Seite 689. Es ist blamabel und betrüblich zugleich, daß ein Mann, der nach seinem Beruf zu den Gebildeten zu rechnen ist, sich herausnehmen darf, vor Juden über jüdische Dinge mit dem Anspruch der Belehrung zu reden, während er von diesen jüdischen Dingen nichts versteht. Die Laien hören es und werden irre. Die Kundigen hören es und schweigen. Ich will nicht schweigen, denn ich will kein Mitschuldiger sein. Es ist eine Anmaßlichkeit, wenn Herr Professor Philippson über diese jüdischen Dinge spricht. Zum Schluß erzählte Herr Professor Philippson, daß der Verband der deutschen Juden demnächst sich zeigen und betätigen werde, und daß der Verband der deutschen Juden als „die offizielle Vertretung der deutschen Judenheit" anzusprechen sei. Vor wenigen Wochen hat derselbe Herr Professor Philippson drucken lassen und verbreitet, daß „der Deutsch-Israelitische Gemeindebund der berufene Vertreter der deutsche Judenheit ist." Wann hat nun die Wahrheit Schiffbruch gelitten? Beide Male. Herr Philippson spricht „bald so — bald so — wie's trefft." häufiger Irrtum. In der Eröffnungssitzung des Internationalen Kongresses gegen die unsittliche Literatur war der Brief eines Dr. Lautensack aus Montreux zur Verlesung gekommen, in dem von „inferioren jüdischen Elementen" die Rede war. Herr Rabbiner Dr. Frank, der der Eröffnung nicht hatte beiwohnen können, nahm anderen Tages Gelegenheit, zu folgender Erklärung: „Gestatten Sie mir, hier öffentlich und vor aller Welt zu erklären, daß nicht allein ich und meine Amtskollegen, sondern — ich rede hier im Namen des gesandten Judentums — daß wir alle Schulter an Schulter stehen mit denen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, gegen die Verbreitung unsittlicher Literatur zu kämpfen. Von allen orientalischen Völkern werden wir noch heute die Nation der Schrift genannt, und wir wissen es zu schätzen, welchen Nutzen die Schrift, das geschriebene Wort bringen kann, und auch, welche Wirkung das geschriebene Wort hervorzurufen imstande ist. Die heilige Schrift bringt uns unzählige Gesetze gegen die Unsittlichkeit. Wenn eine Tochter eines Priesters sich vergangen hatte, wurde sie vor der Tür des elterlichen Hauses gesteinigt. Wenn ich nun unsere Sympathie für die große Sache, die hier beraten wird, ausgedrückt habe, dann werden Sie es auch erklärlich finden, daß ich meine Betrübnis ausspreche über den Satz, der in einem gestern veröffentlichent Schriftstück enthalten ist. Es handelt sich um eine Auslassung des Dr. jur. Lautensack aus Montreux, in der es heißt: Soviel dürfte feststehen, daß die Dekadenz in Deutschland vielfach auf Einwirkungen von außen zurückzuüfhren ist — von Westen' und von Osten; und zwar besonders von Osten und das unter Miteinwirkung inferiorer jüdischer Elemente." Das hat meine Glaubensgenossen überaus unangenehm berührt. Was soll dieses Betonen jüdischer Elemente? Bedenken wir doch: extra et intra muros, gesündigt wird bei allen Nationen und in allen Staaten. Da muß ich ganz besonders im Namen meiner Konfession gegen jenes Verwahrung einlegen. Ich will nicht bestreiten, daß es verlumpte jüdische Journalisten gibt, aber sie sind in verschwindender Zahl. Ich führe für uns als Zeugnis an, daß unser Stamm gegen Unsittlichkeit immer vorgegangen ist, ich führe als weiteres Zeugnis unser sittliches Familienleben! an. Unsere Feinde mögen uns vorwerfen, was sie wollen, unser Familienleben können sie nicht antasten. (Sehr richtig!) Gestern morgen wurde hier ganz richtig gesagt: „Der ganze Schwerpunkt der Bestrebungen liegt in der Ehe." Gehen Sie in unsere Synagogen; da sind dieDesch leckster getrennt, damit nur nicht an geweihter Stätte ein unreiner Gedanke auftaucht. Als im Jahr 1895 im großen Gürzenichsaal in einer großen Versammlung der Kölner Bürgerschaft das Wirken im Verein für entlassene Gefangene beraten wurde, da waren die Vertreter der drei Konfessionen anwesend, Weibischof Dr. Schmitz, Pastor Koblinski und ich. Wir standen auf interkonfessionellem Boden. Damals sagte ich: Mögen wir auch draußen verschiedene Wege gehen, der Himmel gleicht, der Stadt mit hundert^Toren, und wir wollen das Wort unseres großen Strategen stets Hochhalten: Getrennt marschieren und vereint Lchlagen.§(Zustimmung.) Der Vorsitzende, Pfarrer Weber, dankte Dr. Frank für seine Worte und bemerkte, er müsse zur Verteidigung Dr. Lautensacks sagen, daß dieser wohl gemeint habe, es gebe in allen Konfessionen inferiore Elemente. Das sei auch die allgemeine Auffassung gewesen. Am Schluß der Tagung machte ein Redner aus Karlsruhe die Bemerkung, das man nur durch das Christentum etwas erreichen könne. Darauf erwiderte nach dem Bericht der „Kölnischen Zeitung" Herr Rabbiner Dr. Frank: „Der Redner aus Karlsruhe hat gesagt, alles kann nur wirken durch das Christentum. Unser^Bestreben hat schon gestern von leitender Stelle aus den Namen interkonfessionell erhalten. Wir alle wollen das Gift zerstören, das unser Volk zerstört. Sie werden mir deshalb nicht verübeln, daß ich meinen Standpunkt wahren muß, und ich möchte für das Wort Christentum hier gesagt wissen, daß unser ganzes Streben hier durch Religion sein sicheres Ziel erreichen wird. - Religion ist ein gemeinsames Band, und die^Grundsäulen der V, Religion sind Wahrheit, Recht und Friede." Es ist sehr erfreulich, daß Herr Rabbiner Dr. Frank so schlagfertig dem wiederholten Irrtum entgegengetreten ist, der von Christentum da spricht, wo nur von Religion die Rede sein kann. Solcher Irrtum kommt sehr häufig vor, auch an noch ganz anderen Stellen, und die Wirkung kann nicht anders als übel sein. Auf sittlichem Gebiet bestreitet das Christentum seine Leistungen einzig aus den überlieferten Schatz des Judentums. Es ist schon nicht schön, der Quelle nicht zu gedenken — sie zu verleugnen und dadurch zu verunglimpfen ist noch sehr milde als grober Unfug^zu bezeichnen. Herr Dr. Frank ist übrigens von dem internationalen Kongreß in die „internationale Kommission zur Bearbeitung einer Denkschrift für die diplomatische Konferenz in Bern" gewählt worden; ein Beweis, daß der Kongreß die Franksche Ansicht billigt. ftaim Siieüalla. London, 7. Oktober. Am Dienstag ist hier auf dem Mile End-Friedhof ein Mann zu Grabe getragen worden, den die jetzige Generation kaum noch gekannt hat, der aber seinerzeit einer der besten in Israel gewesen und außerordentlich viel für seine Glaubensbrüder geleistet hat. Haim Guedalla ist beinahe 90 Jahre alt geworden. Sein Vater, Judah Guedalla, war schon in jungen Jahren nach London gekommen, aus Marokko, wo seine Vorfahren seit der Vertreibung der Juden aus Spanien unter Ferdinand dem Katholischen ansässig gewesen waren. Haim Guedalla hatte eine vorzügliche Erziehung erhalten und war ein ausge-