Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 40 (30.9.1904)
- Date
- 1904-09-30
- Page
- Seite 567 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 40. Israelitische Wochenschrift. Seite 667. den Gipfel des Hügels erreicht und weidete sein Auge mit Behagen an der hübschen Landschaft. Nun begab der Pfarrer sich an die „schöne Aussicht", eine bescheidene Moosbank, die sich um einen künstlichen Felsen zog — der „Verschönerungs-Verein" in Freystadt hat diese Sitzgelegenheit geschaffen und ihr den imponierenden Namen verliehen — ließ sich darauf nieder und wartete. Seine Mutter hatte dem Pfarrer gesagt, daß Posthuma alltäglich diesen Weg nehme; hier mußte sie vorüberkommen, denn außer über den Hügel war es unmöglich, den Friedhof zu erreichen. Sie hätte denn den Leuchtenburger Park entlang den Weg nach den Gärtnereien wählen müssen; aber das tat Posthuma niemals: die alte Krausen war über Tun und Lassen der einsamen Frau gut orientiert. Und da kam sie auch schon den Berg herauf. Der Pfarrer wußte, daß diese schwarzgekleidete Gestalt keiner andern angehören könne, und es tat ihm beinahe weh. Diese bleiche, nach vornüber gebückte Frau, die schleppenden Ganges müde dahinschlich, sollte die einst so schöne, anmutige Posthuma sein? War das die nämliche Posthuma, für die er einst als Sekundaner so glühend geschwärmt, daß er „das Dichten kriegte", wie seine Mutter in heller Verzweiflung über den zerstreuten, veränderten Sohn einmal geklagt. Ja, wie eine störende Kinderkrankheit war die Versewut über den sonst so fleißigen Jungen gekommen; zwei, drei Notizbücher wurden vollgekritzelt mit Liedern ä la Mirza-Schaffy, in denen es von Sternenaugen, Feenhändchen, Elfenfüßchen wimmelte, und worin der Verbrauch von Korallenlippen und Perlenzähnen auf eine unglaubliche Höhe stieg. . . . Pfarrer Krause erinnerte sich mit leisem Schauder an das größte Verbrechen seines Lebens: in schlaflosen Nächten hatte er ein Drama verübt, „Die schöne Jüdin", ein entsetzliches Rührstück mit Liebe, Eifersucht, heimlichem Uebertritt, heimlicher Entführung und — öffentlichem Ausgelachtwerden; denn sein Ordinarius hatte einen der sechs Akte des Dramas statt eines deutschen Aufsatzes versehentlich empfangen und den unglücklichen Dichter mit drei Stunden Karzer honoriert. Und er sah noch heute den langen, hageren Professor vor sich, sah das mokante Zucken um Augen und Mundwinkel des Gefürchteten und hörte die von infernalischem Lachen begleitete Donnerstimme: „Es ist weniger wegen der Schändlichkeit des Unternehmens, Krause, - als um die Erbärmlichkeit der Verse willen". Hernach, in der Studentenzeit stahlen sich andere schöne Mädchenbilder in sein Herz. Zwei Jahre studierte er bereits Philologie, da hatte eine große, böse Krankheit ihn befallen, und als er endlich, nach schwerer Zeit davon genas, 'war er ein sehr ernster Mensch geworden, dem nur noch ein Ziel vor Augen schwebte: sich der Kirche zu weihen. Darauf hatte er aller weltlichen Lust und Liebe entsagen gelernt. Wie ihm, dem Fünfziger, heute jene süße, erste Jugendeselei so greifbar deutlich vor die Seele trat! Denn die Frau, die da in gebückter Haltung mit müden Schritten näher kam, was hatte sie noch gemein mit dem reizenden, frischen Backfisch, dessen Anblick einst seine Herzschläge beschleunigte? . . . Jetzt schlug sie den großen, schwarzen Schleier zurück, um sich die Augen zu trocknen; deutlich erkannte er die ehedem so weichen Züge, die mehr der Gram als die Zeit geschärft hatte, und der Anblick ihres bleichen, eingefallenen Gesichts erschütterte ihn tief. War er nicht ein Priester? Hatte er nicht das Recht, die Unglücklichen zu trösten, auch wenn ihre Seelen sich nicht zu seiner Kirche bekannten? „Guten Tag, Frau Stahl", redete er sie freundlich an, „ich bin Pfarrer Krause." „Guten Tag, Herr Pfarrer." Schon wollte Posthuma mit einer leichten Verbeugung an ihm vorübergehen, aber der Pfarrer sprach weiter mit sanfter Stimme, deren wohlmeinender Herzlichkeit nicht zu widerstehen war: „Sie sollten auf dieser Bank hier ein wenig Rast halten, Frau Stahl. Die vielen spitzen Kiesel, mit denen der Hügel besät ist, machen, daß den Steigenden schnell die Füße wehe tun". „Ich danke", erwiderte Posthuma kühl, „ich habe keine Empfindung für körperliche Schmerzen." „Wie gesund müssen Sie sein, um das sagen zu tonnen!" sprach der Pfarrer lächelnd. „Es liegt mir sehr wenig an meiner Gesundheit", entgegnete Posthuma gereizt; „ich bin durchaus nicht so kräftig, wie Sie annehmen könnten, aber wenn ich es auch wäre, so würde ich es doch vorziehen, dieser Kräfte schnellstens ledig zu werden, denn es ist mein innigster Wunsch, krank zu werden und bald zu sterben." Sie sprach hastig und sah ihn fast feindselig an; dennoch drückte der Pfarrer leise, wie man es mit einem lehr leidenden und widerspänstigen Kind tut, die große Frau auf die Moosbank nieder: „Sie sollen erst einmal sitzen und dann mir Rede stehen. Sie böse, böse Frau! Wissen Sie wohl, daß Ihre Worte sehr unverständig und sündhaft waren?" sprach er und fuhr nachdrücklich fort: „Sonst pflegten die Frauen Ihres Glaubens gefügiger in den Willen des Ewigen zu sein". „Möglich", sagte sie trocken, „aber ich richte mich niemals nach andern. Ich stand immer außer der Reihe." „Aller Menschen Schicksal ist untereinander verknüpft; ich meine, nach den Geboten der Menschenliebe hat keiner das Recht, sich ganz seinen Nebenmenschen zu entziehen." Er versuchte, in ihren Blicken die Wirkung seiner Worte zu lesen, abe, Posthuma hielt beharrlich die Augen zu Boden gesenkt, und eine schneidende Kälte lag in ihrer Stimme, als sie antwortete: „Ich hasse die Menschen nicht. Ich bin nicht einmal eines echten Haffes mehr fähig. Die Menschen sind mir gleichgiltig; auch ist mir durch sie das Aergste nicht gekommen." Der Pfarrer rieb sachte die Rücken seiner Hände gegeneinander. Es war dies eine Bewegung an ihm, die er, ohne es zu wissen, ständig machte, wenn er im besten Zuge schien, einen verstockten Sünder völlig zu überrumpeln. Und vorsichtig fragte er: „Hatten Sie niemals Ursache zur Dankbarkeit gegen Gott?" „Nein! Denn das Beste, was ich besaß, hat Gott mir genommen." „Aber wiegt die Erinnerung an das Glück des Besitzes nicht den Schmerz über Ihren Verlust auf?" „Nein, nein, nein!" Sie barg das Gesicht in die Hände und schluchzte: „Geben Sie es auf, mich zu trösten, Herr Pfarrer, Sie hatten nie ein Kind!" Hatte sie ihm weh tun wollen? Einen Moment blickte er sie zornig an, dann glätteten sich blitzschnell seine Züge. „Meinen Sie nicht, daß die noch übler daran wären, die nie das Glück gekannt, ein Kind zu besitzen?" Und als sie halb ungläubig aufsah, fuhr er sehr ruhig fort: „Ich spreche ganz unpersönlich, da ja einem Priester alles irdische Wünschen fremd sein muß; aber ich kenne unzählige kinderlose Frauen, die Sie um Ihren Schmerz beneiden mögen. Warum suchen Sie nicht Trost in den Büchern ihrer Religion, Frau Stahl? Lesen Sie die Bibel, lesen Sie das Buch Hiob." „Hiob", fuhr Posthuma auf, „war ein Selbstsüchtling. Er konnte den Verlust seiner Freunde, ja, den Tod seiner Kinder ertragen, aber über den eigenen kranken Leib jammerte und wehklagte er. . . Nein, Herr Pfarrer, eine Frau, eine Mutter wird diesen Hiob niemals begreifen."