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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-09-30 · 40 (30.9.1904) · p. Seite 568

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
40 (30.9.1904)
Date
1904-09-30
Page
Seite 568 (sequence 21)
Language
German
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Seite 568. Israelitische Wochenschrift. 9fr. 40. „Irren Sie nicht? Sollte selbst Schmerzenerleidenmüssen nicht auch ein Furchtbares sein? Sv erinnern Sie sich an den frommen Erzvater, der auf des Herrn Geheiß seinen Knaben aus den Opferaltar legte!" „O, Herr Pfarrer, von einer Mutter hätte Gott dieses Opfer nicht verlangt." Ein verstohlenes Lächeln huschte über sein gutes Gesicht: diese Frau machte es ihm nicht leicht, ihren Starrsinn zu beugen. „Es scheint, daß Ihnen das Verständnis für heroische Taten in diesem Sinn abgeht, Frau Stahl. Ich mag und kann nicht mit Ihnen rechten, doch meine ich, die Art, wie Sie ununterbrochen Ihrem Schmerz nachhängen, ist unmenschlich und — rund heraus gesagt — sündhaft". „Ich kann wie Kain sagen: Meine Strafe ist größer, denn daß ich sie ertrage", unterbrach sie ihn rauh. „Ich bin , für alle Sünden, die ich jemals begehen könnte, auf das Bitterste im voraus gestraft. Was kann mir der Himmel noch auferlegen?" „Sie haben noch eine Tochter", mahnte der Pfarrer leise. „Ich habe sie ihrem Mann gegeben. Ein verheiratetes Kind gehört uns nur noch mit halbem Herzen an. Das Beste, das Köstlichste, was ich mit ganzer Seele unendlich geliebt habe, das liegt in der Erde." Posthuma stand auf und schickte sich an den Berg hinabzugehen; der Pfarrer schritt gemessenen Schritts neben ihr her und redete zu ihr viele tröstliche Worte. Er spradj davon, daß schon die frommen Heiden den Ausspruch taten/wen die Götter lieben, der stirbt jung. Und daß es dem Sterblichen nicht zieme, den Willen des Höchsten ergründen zu wollen, da hierzu menschliche Vernunft und Erkenntnis zu hinfällig sei. Und daß ihr Sohn gestorben als ein Glücklicher, geliebt von den Menschen, ohne Neid und Haß und Enttäuschungen kennen zu lernen, unentstellt durch Krankheit und Zeit, an Seele rein, die Freude der Seinen, in deren Erinnerung er wie eine schöne Lichtgestalt fortleben werde. Ob Posthuma nie gedacht, daß es den geliebten Sohn betrüben müßte, könne er sehen, wie endlos sie sich um ihn härme? Und daß auch des am kritischsten veranlagten Menschen rühmenswerteste geistige Tat Unterwerfung in den göttlichen Willen sei? . . . Mit welchem Recht sie eine Sonderstellung unter den Menschen verlange? Ob sie glaube, daß der Satz nicht auch für sie geschrieben stehe: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden?" Aber nein, sie sei keine Christin, indessen die Israeliten seien doch sonst das Gott ergebenste Volk. Und er wisse es, sie beten auch: „Ich verehre deinen Willen in demütiger Ergebung. Dein Name sei gepriesen in Freud und Leid". Kühl, beinahe gelangweilt hörte ihn Posthuma an, und nicht ein Zug in ihrem seltsam ruhigen Antlitz verriet dem Pfarrer, daß seine herzlich ehrlich gemeinten Ermahnungen auf sie irgend welchen Eindruck gemacht hätten. Jetzt, da sie vor ihren Häusern angelangt waren, denn sie wohnten als Nachbarn — wie schon oft erwähnt, stieß die Mühle an das Stahlsche Grundstück — blieb Posthuma stehen, um sich mit artiger Verneigung von ihrem Begleiter zu verabschieden und mit frostigem Ton, den nur ein leiser Anhauch von Spott etwas lebhafter färbte, sprach sie: „Ich danke Ihnen, Herr Pfarrer, für Ihre Güte, mit der Sie einer grilligen und sündigen Frau heut den Weg verkürzt. Zwar, ich weiß, daß Ihr Beruf gebietet, die Elenden zu trösten und sie auf den Pfad der Frömmigkeit zu verweisen, aber für mein Leid gibt es keinen Trost, und fromm — fromm könnte ich nur wieder für ein Wunder sein. . . Sie, der Sie ein wahrhaftiger Frommer zu sein scheinen — beten Sie für mich" sie sah ihn mit starren Blicken ins Gesicht, „beten Sie für mich um — um . ." „Um was?" murmelte der Pfarrer, erschrocken über die schrille, wie.von Wahnsinnslauten durchzogene Stimme der Frau. „Beten Sie, daß Gott mir meinen Sohn wieder auferwecke! Nicht an Ihrem jüngsten Gericht. Heut! Gleich!" Nun bekenne dich geschlagen, sprach ihr höhnischer Blick. Aber Krause hielt ihn ruhig und offen aus. Und langsam, jedes Wort bedächtig erwägend, antwortete er: „Wissen Sie denn, ob es Ihrem Sohn nicht jetzt besser ergeht?" Der Pfarrer grüßte und ging in sein Haus. Wie vom Donner getroffen, blieb Posthuma stehen. Ihre nächste Empfindung war, dem Geistlichen nachzurennen und ihn zu fragen. . . . Was? Gibt es für uns wirklich eine Fortdauer nach dem Tode? Wenn er etwas darüber wüßte, sicheres, begreifliches, würde er es ihr doch wohl gesagt haben! Und ein Schein hämischer Verachtung glitt über ihr Gesicht. Bah! Der Pfaff wird ein Eharlatan sein wie viele seines Gleichen. . . „Wissen Sie denn, ob es ihrem Sohn nicht jetzt besser ergeht?" Das Wort gab ihr nicht Ruh: wie mit lebendiger Stimme sprach es Wochen und Monate zu ihrer Seele. . . . Lottchens Briefe erschienen immer spärlicher. Jetzt hätte Posthuma gern das Mädchen um sich gehabt, denn der Winter war frühzeitig ins Land gekommen, der Schnee, die Glätte und das schnelle Hereinbrechen der Dunkelheit machten ihr den täglichen Weg über den Berg nach dem Friedhof immer schwerer. Sie konnte nicht mehr, wie sonst, stundenlang an den Gräbern verbringen, denn schon im November wurde die Kälte außerordentlich streng; überdies spürte sie oft große Schwäche-Anwandlungen, die sie aber sorgfältig vor Philippine verschwieg. Ja, wenn Lottchen dagewesen wäre, sie zu begleiten und zu stützen! Posthuma war viel zu stolz, das Mädchen zu sich zurückzurufen. Sie mußte doch wohl endlicheinmal von selbst sich zurückmelden! Die Geheimrätin hatte geschrieben: Lottchen weile bei ihr zur Nachkur; der Arzt habe dringend abgeraten, die Rekonvaleszentin wieder in das einsame Leben und 'die rauhe Luft Freystadts zurückzusenden. (Fortsetzung folgt.) “ltßO Rosenthal’s Restaurant Gontard-Strasse 3 vl»-i-vl« Bahnhof Alexanderplatz frtiher Königstrasse 31. Säle zu kleinen Festlichkeiten. WJift ckrmnrter Mk. I — 1.20, 1.40, 1.50, 1,60, 1.70, 1.80, 1.90, 2.— pro 1/2 Ko. Käuflich in fast allen Geschäften der Konsumbranche und den eigenen Filialen der Firma A. Zuntz sei. Wwe. Probe-Ausschank: Leipzigerstr. 83 und Spittelmarkt 8 — 10. Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. A. Klausner, für den Inseratenteil: Arthur Scholem in Berlin. Druck und Verlag von Arthur Scholem, Berlin 6., Roßstraße 3.

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