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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-09-30 · 40 (30.9.1904) · p. Seite 565

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
40 (30.9.1904)
Date
1904-09-30
Page
Seite 565 (sequence 18)
Language
German
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Nr. 40. Israelitische Wochenschrift. Seite 866. Der Vorschlag der Liberalen: versuchsweise in einer Synagoge eine feierliche Andacht am Sonntag Vormittag einzurichten, hat zu Mißdeutungen tutb Entstellungen unserer Absichten geführt. Unsere Gegner verbreiteten, „mir wollten den Sabbat abschaffen oder auf den Sonntag verlegen". Wir haben niemals etwas derartiges beabsichtigt und wiederholt das Gegenteil versichert; da aber die überwiegende Mehrheit der Gemeindewähler sich gegen unfern Vorschlag ausgesprochen hat, so werden wir ihn aus unserm Programm streichen. Wir werden in unserm Wahlaufruf die Wähler hiervon in Kenntnis setzen und ersuchen Sie ganz besonders dahin zu wirken, daß nicht die Gegner wieder wie bei der vorigen Wahl unsere deutlich ausgesprochene Absicht in das Gegenteil verkehren, um für sich Vorteile herauszuschlagen. Die Liberalen werden nach wie vor dafür Sorge tragen, daß in der Verwaltung unserer Gemeinde alle Fragen so erörtert und gelöst werden, wie es dem Wesen des Judentums und dem Geist der Neuzeit entspricht. Der Gottesdienst muß so eingerichtet werden, daß er den Forderungen aller Gemeindemitglieder gerecht wird. Das Verständnis für den Gottesdienst und die Fähigkeit, sich an ihm zu beteiligen, muß durch einen planmäßig erteilten Religionsunterricht erworben werden. Alle Institute und Einrichtungen der Gemeinde sollen so geführt werden, daß sie mustergiltig für alle Gemeinden Deutschlands sind. Die diesmalige Wahl der Repräsentanten ist sonach für unsere Gemeinde und für sämtliche Gemeinde-Mitglieder von großer Bedeutung. Wir bitten unsere liberalen Mitarbeiter schon jetzt alle ihre Freunde und Bekannten darauf hinzuweisen, daß sie sich von der diesjährigen Wahl nicht ausschließen dürfen, damit den liberalen Repräsentanten die Wahl gesichert werde. Die bei weitem größere Zahl unserer Gemeindemitglieder ist liberal, aber nicht der vierte Teil der Liberalen ninrmt an der Wahl teil, während die Orthodoxen Mann für Mann an der Urne erscheinen. Es ist von größter Wichtigkeit, die Wähler darauf aufmerksam zu machen, daß sie den ihnen von: Vorstand der Gemeinde zugehenden offiziellen Stimmzettel sorgsam aufheben. Nur derjenige darf an der Wahl teilnehmen, der diesen Stimmzettel besitzt. Für verlorene Stimmzettel gibt es vor der Wahl nur schwer einen Ersatz. Es gilt, unser liberales Judentum zu erhalten und zu fördern, es gilt zu verhüten, daß die Verwaltung unserer Genwinde ganz in die Hände der Orthodoxen gelange. Darum erbitten wir Ihre tätige Mithilfe, und wir hoffen, den Liberalismus wieder zum Siege zu führen." Viel magerer konnte das Rundschreiben inhaltlich unmöglich sein. Wie kläglich gering muß die Tätigkeit der Liberalen gewesen sein, wenn unter ihren Verdiensten angeführt wird, daß sie die neue Altersversorgungsanstalt in der Exerzierstraße „im Sinn ihrer Stifterin eingerichtet haben". Wie kläglich klein ist ihr Gesichtskreis, wenn sie über das Fehlen der Orgel in der Rykestraße-Synagoge so knabenhaft greinen können! Werlin, 25. September. (Fürsorgeverein für hilflose Kinder. E. V.) Nachstehender Aufruf, dessen Inhalt durch den Unterzeichner Herrn Rabbiner Dr. Eschelbacher verbürgt wird, ist uns zugegangen: „Der Fürsorgeverein für hilflose jüdische Kinder nimmt sich unserer kleinen Glaubensgenossen an, wenn die Mutter ihnen durch den Tod entrissen oder durch Krankheit oder Not verhindert wurde, für ihre Pflege das Notwendigste zu beschaffen. Diese zarten Wesen sind, kaum ins Dasein getreten, fast sicherem Untergang geweiht, wenn liebevolle und gewissenhafte Pflege nicht schnell gefunden werden kann. Die erste Hilfe gewährt jetzt der deutsche Verein für Kinderasyle. Seine Musteranstalt — Martin Lutherstraße 55 — die, für Kinder aller Konfessionen bestimmt, wir dem einträchtigen Zusammenwirken unserer Glaubensgenoffen mit unfern christlichen Mitbürgern verdanken, hat während des ersten Jahres ihrer Wirksamkeit schon mehr als hundert Säuglingen eine Zufluchtsstätte gewährt. Aber dieser Verein kann nur in der ersten Zeit der Not helfen. Er muß, damit seine Anstalt nicht überfüllt werde, für neue Schützlinge möglichst bald nach ihrer Kräftigung ein neues Heim suchen, ein neues Elternhaus, in dem sie heranwachsen. Bei dieser Fürsorge helfen ihm mit außerordentlicher Bereitwilligkeit die Behörden. Auch private Wohltätigkeit muß oft eingreifen, weil bei den eigenartigen Verhältnissen der Ellern diese nicht immer zur Zahlung herangezogen werden können. Für evangelische Kinder sorgen u. a. die Anstalt „Zionshilse" und die Geschäftsstelle der evangelischen Mission; die katholischen Kleinen nimmt die Anstalt der Dominikaner in ihre Obhut. Traurig ist es bis jetzt um die armen Kleinen unseres Glaubens bestellt. Für die Pflege der Kinder im zartesten Alter ist keine Stätte vorhanden. Unsere Gemeinde besitzt keine Organisation, um Kinder zartesten Alters sofort in Pflege zu nehmen; für Kinder von Ausländern darf sie selbst nicht immer Geldmittel gewähren, um zu helfen. Und doch verdienen auch diese Kleinen unser tiefstes Mitleid. Die armen jüdischen Auswanderer sind aus ihrer Heimat vertrieben und fliehen oft nur mit dem Allernotwendigsten, um für das Teuerste, das sie besitzen, für Weib und Kind, das nackte Leben zu retten; sie kommen auf ihren mühseligen Wanderungen häufig genug durch unfern Ort. Erkrankt nun die abgehetzte, körperlich und geistig gebrochene Mutter oder erliegt sie gar den übermenschlichen Anstrengungen, was wird dann aus ihrem Säugling? Unsere Glaubensgenossen treten in solchen Fällen herzzerreißenden Elends an uns heran und setzen ihre letzte Hoffnung auf uns. Sollen wir uns an die Heimatbehörden dieser Aermsten wenden, damit die Kinder zurückgebracht werden an die Stätten der Greuel, denen sie kaum entflohen sind?! Nein, wir wollen, wir müssen nach den Gesetzen unserer Religion helfen! Was andere Religionsgemeinschaften für die Angehörigen ihres Glaubens bereits getan haben, das wollen wir Juden für die Kinder unseres Glaubens auch tun! Wir wollen für die hilflosen jüdischen Kleinen, denen der „Deutsche Verein für Kinderasyle" eine erste Zuflucht bietet und (soweit unsere Mittel reichen), auch für andere jüdische Kinder die Fürsorge übernehmen, damit sie zu wackeren Menschen, zu tüchtigen Mitgliedern unserer Glaubensgenossenschaft heranwachsen. Das ist der Zweck unseres Vereins. Helft uns, unser Vorhaben auszuführen. Dies kann selbst mit dem kleinsten Scherflein geschehen!" Wertin, 26. September. (Geheimer Sanitätsrat Dr. Adolf Abraham.) Nach mehrmonatlicher Krankheit ist der hochgeachtete Geheimrat Dr. Adolf Abraham in der Nacht zum 22. September sanft entschlummert. Er hat ein Alter von 78 Jahren erreicht. Seit fünfundfünfzig Jahren übte er seinen Beruf als Arzt aus; er erfreute sich seines echt humanen Wesens wegen überall ungemein großer Beliebtheit. Der Verstorbene war eine liebenswürdige, wohlwollende Natur, und gern spendete er aus seiner reichen Habe, wo die Notleidenden sich an ihn wendeten. Er gab mit stets freundlichem Antlitz. Er sorgte mit besonderer Liebe für die studierende Jugend. Iraukfurl a. M.) 26. September. (Neue Synagoge.) Die israelitische Religionsgesellschaft errichtet an der Fried-

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