Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 40 (30.9.1904)
- Date
- 1904-09-30
- Page
- Seite 563 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 40 Israelitische Wochenschrift. Seite 663. Diese Einrichtung kann nun zu seltsamen Vorgängen führen. Es kommt vor, daß der berufene Mann sich in vollkommener Unkenntnis der hier in Berlin üblichen Gebräuche befindet und dadurch unliebsame Störungen im Gottesdienst veranlaßt; was aber besonders peinlich berührt, das ist die an Festtagen stets zu beobachtende Kumulierung der Ehren auf eine Person, 2 und 3 Mizwos hmtereinander, das Herabsteigen und bald wieder das Heraufsteigen derselben Person entspricht nicht der Würde des Vorgangs. So wäre es ja sogar angängig, daß Jemand die sämtlichen Mizwos in seinen Besitz bringt und damit sein gesamtes Personal beehrt. Für die Berliner Gemeinde kann natürlich der Elös für die Mizwos nicht ins Gewicht fallen. Ein der Würde der Gemeinde angemessener Verteilungsmodus ist anzustreben. Es müssen z. B. Männer berücksichtigt werden, die im Ehrendienst der Gemeinde tätig sind, und in jeder Gemeindesynagoge finden sich diese unter den Betern. — Von diesen müßten einige durchs Los zu den Mizwos bestimmt werden. Ferner sind Anmeldungen von Gemeindemitgliedern zu berücksichtigen, wenn besondere Anlässe in ihren Familien sie zu solchem Verlangen geführt haben. — Endlich müßten durch Vorstandsbeschluß auch sonst um die Gemeinde verdiente Mitglieder durch eine Mizwo ausgezeichnet werden. Den Synagogenvorständen dürfte es bei Berücksichtigung der dargestellten jetzigen Zustände nicht schwer fallen, ein neues Regulativ der Mizwos-Verteilung aufzustellen. S. Die 6rabge5älige. Wir erhalten folgende Zuschrift: Berlin, 26. September 1904. Sehr geehrte Redaktion! Bei Beerdigungen in unserer Gemeinde ist nachstehendes Repertorium von Grabgesängen in Uebung: „Es ist bestimmt in Gottes Rat;" „Was von Staub, geht heim zum Staube;" „Hier unten ist Friede;" „Totenfeier," von Lewandowski; „Schuwi Nafschi" (nach der Melodie Ki mizijaun), von Sulzer; „Das Leben welkt wie Gras." Bei Trauerfeierlichkeiten im Haus wird auf besonderem Wunsch auch der erste Teil aus der Seelenfeier gesungen. Eine Aenderung und Reinigung dieses Repertoriums wäre, glaube ich, angezeigt. Bei Grabgesängen sollte die jüdische Auffassung von Tod und ewigem Leben, von Auferstehung und Jenseits zum Ausdruck kommen. Hier das Rechte zu finden, wäre in erster Reihe wohl Sache des Rabbinats. Ihr ergebenster C. Die Politik. (Edler Wetteifer.) Unter diesem Stichwort haben wir in voriger Nummer die „witzigen" Bemerkungen mitgeteilt, mit denen die „Nationalzeitung" unter zustimmendem Beifall der „Kreuzzeitung" ein von der „Russischen Telegraphen- Agentur" ausgehendes Dementi begleitet hatte. Das offiziöse russische Dementi besagte, daß in Kowno alles ruhig und nur vor einem Monat bei einer Schlägerei ein Jude in den Finger gebissen worden sei. — Von unterrichteter Seite werden wir darauf aufmerksam gemacht, daß das Dementi auf Schwindel beruht. In Kowno ist allerdings nichts passiert, wohl aber in Wowno. Die Vorkommnisse in Rowno haben sich tatsächlich so abgespielt, wie s. Zt. gemeldet worden. — Die „Nationalzeitung" hat eben Pech, wenn sie Witze machen will. * * * (Vertrauensforderung.) Der neue russische Minister des Innern hat nach offiziöser Meldung in einer Ansprache an Mitglieder der israelitischen Gemeinde Wilna gesagt: Da er mit ihren Bedürfnissen genau bekannt sei, sei er in der Lage, bei der demnächst bevorstehenden Bearbeitung der ernsten israelitischen Frage mit voller Kenntnis an diese heranzutreten. Von Seite der Israeliten erwarte er, daß sie volles Vertrauen den Regierungsmaßregeln entgegenbringen. Die Israeliten könnten völlig darüber beruhigt sein, daß er, an die Quelle der Gerechtigkeit, an die Seite des Zaren berufen, darüber wachen werde, daß ihnen immer Gerechtigkeit widerfahre. Der neue Minister hat jedenfalls eine eigene Art von Mut bewiesen, als er den Juden von Wilna ansann, Vertrauen zu russischen Regierungsmaßregeln zu hegen. * * * (Judenverfolgungen in Rußland.) Die Ereignisse in Smjela, die zur Zerstörung mehrerer hundert jüdischer Läden und Wohnungen führten, trugen sich, wie der „Vossischen Zeitung" von durchaus zuverlässiger Seite geschrieben wird, folgendermaßen zu: Eine Bäuerin hatte in einem jüdischen Laden ein Tuch gestohlen und wurde deshalb von dem Inhaber unter Schlägen hinausgeworfen. Sie lief auf den Markt und schrie: „Tie Unsrigen — will sagen: die Christen — werden geschlagen!" Ohne sich von dem wahren Tatbestand zu überzeugen, stürzten sich die versammelten Bauern und Arbeiter auf die Läden und Häuser der Juden und zertrümmerten, was sie nicht fortschleppen konnten. Die Polizei nahm von den Vorgängen keine Notiz. Auch der zufällig anwesende Gehilfe des Kreishauptmanns, der den durchreisenden Metropoliten Flavian begleitete, leistete der Aufforderung, um Militär zu telegraphieren, erst drei Stunden später Folge. Als sich die Juden an den Metropoliten um Beistand wandten, fand dieser nichts Besseres für die Hilfesuchenden, als ihnen zu sagen: „Betet!" Wäre nur einer der um Hilfe Gebetenen eingeschritten, so wären die Bauern auseinandergegangen. So aber dauerte der Krawall die ganze Nacht hindurch. Am Montag morgen kamen ihren bedrängten Glaubensgenossen eine Schar junger Juden aus dem 24 Stunden entfernt liegenden Tscherkassi zu Hilfe. Sie vermochten die etwa 2000 Köpfe zählende Menge im Zaum zu halten, bis gegen Mittag ebenfalls aus Tscherkassi Militär eintraf. Der bloße Anblick der Truppen genügte, um die Plünderer zu verjagen. — Im ganzen sind 105 Personen der Teilnahme an den Plünderungen angeklagt und 89 von ihnen verhaftet, darunter auch fünf Vertreter der Intelligenz, nämlich: ein Realschüler, zwei Studenten, ein Kaufmann und der Notar! Ein Student Pawlow wurde im Augenblick verhaftet, als er einen Geldschrank zu erbrechen versuchte. Das ist dieselbe Intelligenz, die unter Bobrikow nach Finland russifizieren ging! Die Schuld aber trägt allein die Regierung, die durch die mittelalterliche Judengesetzgebung Juden und Christen demoralisiert.