Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 40 (30.9.1904)
- Date
- 1904-09-30
- Page
- Seite 561 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 40. Israelitische Wochenschrift. Seite 661. biners auch nicht ein einziges Gemeindemitglied zu einer Zeichnung veranlaßt hat. Besonders merkwürdig ist, daß unter den Unterzeichnern Namen von Männern sind, die als sehr wohltätig bekannt sind, die eine offene Hand haben, und die gleichwohl im Spenderverzeichnis nicht zu finden sind. Das ist nur daraus zu erklären, daß sie nicht ernstlich angegangen worden sind, oder daß sie die Sache, die sie mit ihrem Namen empfehlen lassen, selbst nicht für gut empfohlen halten. So wird es in der Regel gemacht, und so sollte es niemals gemacht werden. Was hier angestrebt wird, ist sicher anerkennenswert. Der Mangel an einer entsprechenden Einrichtung ist himmelschreiend und sündhaft. Die Großgemeinden haben Krankeninstitute aller Art — aber nur für ihre Mitglieder. Die kleinen Gemeinden können solche Institute nicht unterhalten. Ihre Mitglieder und die der Diaspora sind im Bedarfsfall völlig hilflos. Pflicht der Gesamtheit wäre es, hier einzugreifen. Der gute Wille ist unzweifelhaft vorhanden. Nur die Anregung fehlt. Wäre der Deutsch-Israelitische Gemeindebund nicht durch seine Leitung nullifiziert, so hätte er die Anregung schon längst gegeben, und diese würde nicht fruchtlos gewesen sein. Der Verein zur gemeinsamen Schnorr-Aufforderung für einen edlen Zweck kann diesen Zweck unmöglich erreichen. Hier muß eine ernsthafte Organisierung eintreten, die jüdischen Korporationen selbst müssen die Sache in die Hand nehmen oder ein Komitee dafür einsetzen, das sie mit den erforderlichen Mitteln ausstatten. Der Gemeindebund ereifert sich — nicht ohne Grund — gegen die Wanderbettelei. Er sollte sich auch einmal die Zirkular- und Ausruf-Bettelei ansehen, die um nichts besser ist. K. Die russisch»jüdischen Auswanderer. Hannover, den 26. September 1904. Sehr geehrte Redaktion! In Bezugnahme auf den Artikel des Herrn Dr. Beermann- Jnsterburg in der vorigen Nummer Ihres geehrten Blattes gestatte ich mir auf diesem Weg Herrn Dr. Beermann meine, wenn auch vielleicht nicht maßgebende Ansicht betreffs seines Aufrufs zu unterbreiten. Wie der Herr Dr. Beermann-Jnsterburg in der Einleitung seiner ergreifenden Erzählung ganz richtig sagt, sind wir deutschen Juden im allgemeinen ganz gut über die traurige Lage unserer russischen Glaubensbrüder unterrichtet. Da also der verehrte Herr uns bereits im Besitz dieser Kenntnis glaubt, so dürfte es ihm doch gewiß nicht mehr fremd sein, daß diese so wichtige Frage resp. die Lösung des Problems, wie die Auswanderung unserer ost-europäischen Glaubensgenossen erfolgreich organisiert werden kann, gerade z. Zt. auf's lebhafteste die Brüder der U. O. B. B. beschäftigt. Nichts wäre ja erwünschter, als daß diese Organisation sobald wie möglich ins Leben gerufen werden könnte; aber welche Aussichten hierzu sind denn vorhanden, wenn man, wie Herr Dr. Beermann- Jnsterburg für nur ein einziges und noch dazu provisorisches Komitee einer jährlichen S.umme von 300 000 M. bedarf! Durch meine soziale Arbeit unter den Auswanderern in den Vereinigten Staaten bin ich so ziemlich mit dem Elend vertraut, das uns durch das Tagebuch des jungen „Chajim Ephrati" vor Augen geführt wird. Da es mich nun aber ganz besonders interessiert, wie diesem Elend auf die beste Weise abzuhelfen sei, so wäre ich dem Herrn Dr. B. zu großem Dank verpflichtet, wenn er uns vielleicht in einer der nächsten Nummern der „Israelitischen Wochenschrift" kundtun würde, wie er sich eigentlich eine solche Hilfsaktion vorstellt. Wenn wir wirklich erwarten, durch einen öffentlichen Aufruf 300 000 M. zusammen zu bekommen, so schiene es doch wohl geraten, das Publikum vorher zu orientieren, ob seine Gelder auch wirklich praktisch verwendet werden, indem sie dazu dienen, einer größer« Anzahl auf die Dauer zu helfen. Da unsere finanziell besser gestellten Glaubensgenossen hier sowohl wie auch in Amerika ihren Brüdern bisher schon große Geldopfer gebracht haben, so darf man sich nicht wundern, wenn sie überzeugt sein wollen, daß durch ihre Beiträge eine wirkliche Wohltat erzielt wird. Das mag manchem als herzlos erscheinen, aber der tüchtigste Arzt ist immer der, der Kopf und Herz zusammen gebraucht. Lydia Cantor. Zum Caubhiiifenfesr. Von Rabbiner Dr. B. Seligkowitz-Köthen. Unter den erfreulichsten Trostgründen, die die menschliche Vernunft im Bund mit dem Herzen bei den so vielen auf Erden stattfindenden Unvollkommenheiten und Unebenheiten aufzusuchen bemüht ist, um sich einigermaßen zu entschädigen und in ihrem Streben nach Vollendung nicht zu ermüden, gibt es keinen gehaltvolleren als den, daß die Menschheit trotz ihrer vielen Gebrechen dennoch einst das Ziel der höchsten Vollkommenheit erreichen wird und muß. Zweimal im Jahr, am Peßach- und Laubhüttenfest, wird uns die hehre Verheißung verkündet, von der Zeit, da ideale Zustände unter den Menschen herrschen, Sünde und Bosheit getilgt sein, und wie die Wasser das Meer, so die Erkenntnis Gottes die Erde erfüllen werden. Diese Verheißung, die in der Folge zur unerschütterlichen Ueberzeugung des jüdischen Stammes geworden ist, war von unschätzbarem, segensreichen Einfluß auf ihn, da sie für ihn eine Quelle erfrischender Hoffnung bildete in den Tagen tiefster Erniedrigung, und die ideale Richtung seiner Denkungsart lebendig erhielt mitten unter harten langwierigen Kämpfen um physische Selbsterhaltung. Diese Verheißung wurde aber auch zum Segen für weitere Kreise der Menschheit, da nur durch sie der Sinn für das Ideale, trotz der ausgeprägt materiellen Richtung der Zeit, bis auf unsere Tage dem Menschen erhalten wurde. Allerdings mögen da Manchen ängstliche Zweifel überkommen, ob das ideale Zukunftsbild, von dem uns das Laubhüttenfest erzählt, sich jemals erfüllen wird, ob nicht vielmehr Koheleth recht hat, wenn er an die Spitze seiner Reden über die Nichtigkeit menschlichen Schaffens den Satz aufstellt: „Geschlechter gehen, Geschlechter kommen, aber die Menschheit bleibt stets dieselbe" in ihrem Hassen und in ihrem Lieben, in ihren: Tun und Leiden. Und in der Tat suchen verschiedene Kulturhistoriker die Ansicht, daß die Menschheit das Ziel der höchsten Vollkommenheit erreichen könne und müsse, auf Grund der Geschichte vergangener Jahrtausende zu entkräften. Sie * lassen Egypter, Indier, Griechen, Römer und andere Nationen auftreten, um unwiderleglich zu beweisen, daß kein steter Fortschritt zur Vollkommenheit möglich sei, weil jene Völker von der erlangten Höhe wieder herabgefallen und mit allen ihren lichten Sternen erloschen sind. Diesen Einwendungen ist folgendes entgegenzuhalten: 1) Wir betrachten jene oben genannten Völker meistens durch