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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1904-01-01 · No. 18. (1904) · p. Seite 75

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
28 (1904)
Issue
No. 18. (1904)
Date
1904-01-01
Page
Seite 75 (sequence 7)
Language
German
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75 Also das Judentum schützt die Welt vor der Selbstauflösung־. Damit spricht Verfasser unbewußt das größte Lob darüber aus.' Gewiß, das von den Gnostikern gehaßte Gesetz, das die zum Menschenstreben unerläßlichen Gegensätze der Welt mildert, ist und bleibt die Grundlage dieses Jammertals, dessen Elend durch gnostische Träumer nur ins Unendliche gesteigert werden würde. Dante, Shakespeare, Goethe waren alle nur Bürger dieser niedern Fleisches- und Tierwelt Und wenn Verfasser im Judentum den unbedingten Gegensatz zur Gnosis sieht, so vergißt er, daß der von ihm so geschätzte Philo ein Jude gewesen. Die Gnosis hat in der Gestalt der Kabbala auf keine Religion einen größeren Einfluß ausgeübt, als auf das Judentum. Luria, Corduero, Vital waren echte Gnostiker. Es bedurfte großer Kämpfe, um das Judentum aus der Umschlingung dieses Traumgeistes zu befreien, der sich schließlich (echt gnostisch) gegen Bibel und Talmud kehrte. Auch in der gnostischen Welt des Verfassers würden wenige den Kern der Sache verstehen, und es würde sich auf dem Grunde der Weltabkehrung doch wieder eine Welt von höheren und niederen Heiligen mit der daraus herkommenden Herrschaft der Einen über die Andern herausbilden. ״Setz dir Perrücken auf von Millionen Locken — du bleibst doch immer, der du bist“. Dabei halte ich das vorliegende Werk für durchaus anregend, nur daß es die wahre Kenntnis der Gnosis nicht fördert. Wir wollen keine Verdammungsurteile und keine verzückten Lobgesänge in solchen Arbeiten vernehmen, sondern Tat- Sachen, die uns ein eigenes Urteil gestatten. Uns fehlt eine allgemein zugängliche Zusammenstellung der patristischen Aeußerungen über die Gnostiker, verbunden mit der Pistis Sophia und den anderen neugefundenen Texten. Vor allem müßten aus diesem Stoff klar und scharf die Auffassungen hervortreten, die eine Schule von der andern trennen, die Ent- Wicklung der Gedanken vom Lehrer zum Schüler hin. Erst wenn wir solch eine Vorarbeit in Händen haben, ist durch Vergleich mit zeitgenössischen Gedanken die Möglichkeit da, hinter dem Gew and die Weltauffassung zu suchen. Das ist bisher noch ein frommer Wunsch. Sollte Verfasser in einer zweiten Auflage nicht den Versuch machen? Umfangreich genug ist das vorliegende Buch dazu. Dr. L. A. Rosenthal. Theologischer Jahresbericht 1903. 23. Band. 7 Abteilungen zu je ca. 5 Mk. Schwetschke & Sohn. Berlin. 1904. Der treue Berater, der dem Bibelforscher alle neuen Erscheinungen auf den Gebieten der vorderasiatischen Literatur und außerbiblischen Geschichte (1. Abt), des alten (2.), des neuen Testaments (3.), der Kirchengeschichte (4.), der systematischen Theologie (5.) und der praktischen Theologie (6.) mit einem Register (7. Abt.) nennt und kennzeichnet, ist wieder da. Mit Hilfe dieser sieben Teile ist es möglich, das ganze weitschichtige Schrifttum zu übersehen, die neuen Entdeckungen, selbst einzelne sprachliche Erscheinungen und einzelne Bibelverse betreffend, zu prüfen, und gewiß werden ganze Werke uud wichtigere Besprechungen dem Leser nicht entgehon. Er erkennt die Verschiedenartigkeit der Auffassungen, die einer und derselben Bibelstelle zuteil werden, und diese gemeinsame rastlose Arbeit ist so recht geeignet, den Geist über sich selbst zu erheben und den Einzelnen auch fe»n von den Mittelpunkten des Forschens zum Mitglied einer großen, die ganze Welt umspannenden Gesellschaft zu machen. Und daß es immer wieder und wieder die Bibel ist, die den Mittelpunkt so vieler Bestrebungen ausmacht, wird ihn immer mehr festigen in der Schätzung des heiligen Buches, das, wie er sieht, durch die Forschung nur an Verehrern gewinnt und so seine innere Wirkung vertausendfacht! Je mehr wir die wissenschaftliche Allseitigkeit dieses Werkes, seine klare Uebersichtlichkeit hervorheben müssen, desto weniger finden wir, was das Judentum betrifft, darin die ruhige unparteiische Stimmung, die jede wissenschaftliche Richtung beanspruchen darf. So wird Nestles Ausspruch, daß ein christlicher Forscher an der Jewish Encyclopedia wegen ihres jüdischen Tons eigentlich nicht mitarbeiten dürfte, an zwei Stellen ohne Bemerkung wiedergegeben. Die Altschülersche Vierteljahrschrift bringt den Berichterstatter zu der Ansicht, daß, wenn auch jüdische Gelehrte das Talmudische hauptsächlich behandeln, doch die Anordnung des Stoffes nur von Christen vorgenommen werden kann. Kann denn der Jude etwas ordnen? So lesen wir von semitisch-dithyrambischem Stil. Ich selbst kann mich über mangelnde Berücksichtigung nicht beklagen. Im vorigen Jahr wurde mein ,,Babel und Bibel“ angeführt. Zugegeben wurde, daß ich von der Delitzschschen Bewegung nur Vorteile für die Bibel erwarte, ״alles in rosigem Licht sehe“ mit einem Ausrufungs- Zeichen. Allerdings nur — weil ich die Sache nicht zu tief verstände. Denn ein jüdischer Beurteiler darf doch Delitzsch nur verdammen. Ich fand in dem leichtgebauten Vortrag leider weder Löbensnoch Verdammenswertes. Und eine Zeile darauf spricht der Berichterstatter dasselbe aus, wie ich, daß Delitzsch jedenfalls den Sinn für diese Fragen gestärkt hätte. Weshalb da bei mir das Ausrufungszeichen? In der Dogmatik kommt mein ,,Zurück zur Bibel!“ vor. Da wird, was man sonst beim Juden nach unserem Jahresbericht nicht erwarten dürfte, zugegeben, daß ich die Bibelwissenschaft würdige; für die von mir geforderte Auseinandersetzung zwischen Wissen- Schaft und Glauben wird die Formel vermißt. Wenn ich den Weg im Einzelnen zeichne, bedarf es der tötenden Formel nicht. Außerdem kommt mein ״Bibel trotz Babel“ vor. ״Man erkennt darin geringen guten Willen“, die Wirkungen des Christentums zu würdigen. Das heißt mit anderen Worten, in die Herabsetzung der Propheten eiazustimmen. ״So wenig der Neger seine Farbe verleugnen kann“, so wenig unterlasse ichs, die Schrift durch den Talmud zu beleuchten. Diese Farbe verleugne ich nicht und bilde mir etwas darauf ein. Aber dort habe ich nur gezeigt, daß der Talmud die bibelkritischen Fragen gekannt hat, und das wird man mir nicht verdenken. Wenn gesagt wird, ich hätte Delitzschsche Hiebe gut pariert, so lehne ich das ab, denn da war nichts zu parieren, da der zweite Vortrag wissenschaftlich öde und inhaltlos ist. Nur das habe ich gezeigt. Nun merkt der Beurteiler, daß ich die Bibel nur ״aus der Praxis“ kenne. Auch gut und kein Unglück. Woher er nur die Unwissenschaftlichkeit bei mir merkt, da ich doch die meisten wissenschaftlichen Erscheinungen verfolge! Aber ich bin Jude, und der kann doch von Wissenschaft nichts in sich haben. Meinen Zitaten merkt mans an, ״daß die Bibel die Bibel Jesu gewesen“. Ist das auch ein Fehler? Endlich ist meine Schrift ״eine der besseren aus jüdischen Kreisen“, d. h. so weit ein Jude lichte Augenblicke haben kann. Verweise ich auf frühere Schriften, so nennt man das Wichtigtuerei. Natürlich jüdische Wichtigtuerei, wenn man es auch nicht sagt. Das ist von Uebel, das kränkt, weil es unbegründet, weil es unwissenschaftlich ist. Das ist das berühmte Suchen zwischen den Zeilen, wenn man schon in den Zeilen nichts entdecken kann. Sprecht ihr Urteile aus, so begründet sie, und niemand hat was dagegen. Tadelt uns, und wir machen’s besser. Aber dieses ״Ins Herz schauen“ ist doch eigentlich Gottes Sache. Bis auf diesen bösen Punkt, den ich auf Wunsch bis ins Einzelne noch begründen will, ist das Werk ein verdienstvolles. Aber der Ton muß aus der Wissenschaft hinaus, oder sie hört auf, Wissenschaft zu sein. Bemerkung, (lieber das Wort ״Agada“.) In der zweiten Auflage der ״Agada der Tannaiten“ (Straßburg, Trübner) kommt Bacher zum Schlüsse auf den Ursprung des Wortes ״Hagada“ zu sprechen. Dabei berührt er in lehrreicher Weise alle darüber vorhandenen Deutungen von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Und er führt den Nachweis, daß Hagada Nichts weiter ist, als was es ist — daß es nämlich nichthalachische Deutungen von Schriftworten bedeutet. Für den Freund besonnenen und nicht überkühnen Forschens ist es anziehend, zu sehen, wie durch so viele Hände hindurch ein Begriff immer mehr und mehr erweitert wird, so daß der Spätere dann stets auf den Ergebnissen des Irrgängers fortarbeitet. Zuletzt kommt dann der eigentliche Fachmann, der den Gegenstand in all seiner Allseitigkeit durchdrungen, geht an die über den Urbegriff gelagerten Schichten neuer Ansichten heran, trägt sie ab und entdeckt dann, daß der ursprünglich einfache, stets damit verbundene Grundbegriff der richtige, weil allein unangreifbar ist. So gehen ״alle Ströme ins Meer, und das Meer wird nicht voll,

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