Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1904-01-01 · No. 18. (1904) · p. Seite 76

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
28 (1904)
Issue
No. 18. (1904)
Date
1904-01-01
Page
Seite 76 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/6492408-6582200-9732881--3309-9606304
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

76 - denn von dem Urquell beginnen sie von Neuem zu strömen an.“ So wird es wohl auch hier sein. Wir möchten damit von Neuem beginnen. Nicht etwa Bacher bezüglich der ursprünglichen Bedeutung widerlegen, wohl aber fragen, ob nicht noch ein Nebensinn mit dem Worte Hagada verbunden war. Wir finden, wie sich bei Bacher selbst zeigt, in den späteren Werken statt הגדה sehr viel אגדה; selbst in ältesten Zeiten bestehen beide Begriffe neben einander. Gerade bei dem mit Buchstaben und Gleichklängen spielenden Wesen der Hagada muß Jemand unbedingt einmal darauf gekommen sein, אגרה mit אגורה zu־ sammenzubringen und es als ,,Verbindung von Deutungen“ aufzufassen. Gerade wenn Eleasar Hamudo'i es in זרע גף angedeutet findet, so hat er mehr ein א als ein ,ף vorher ausgesprochen — das 'א kann eher verschwinden, das ה׳ in diesem Falle kaum. Und wenn von den Agadisten mehrfach gesagt wird שמושכין etc., daß sie die Herzen mit sich fortziehen, und zwar במים Wie das Wasser, so hat man dabei einen sich fortbewegenden Quell im Auge, also das Zusammenhängende und darum Anziehende, was der damaligen Halacha noch nicht zukam. Denken wir nur einmal an die דורשי רשומו׳ oder המירות, worauf die Gelehrten jenes Ortes ~ (im Gegensätze zwischen רשום und אמת) den R. Levi hinwiesen (Bacher S. 472)! רשום ist wohl das Pointierte, vielleicht auch das Aufgeschriebene, da die Hagada geschrieben wurde. -Was sind חמורות? Sie hängen gewiß mit חומר zusammen, daß wir gerade bei hagadischen Deutungen halachischer Satzungen finden. (S. Joch, ben Sakkai und R. Simon Mechilta Anfang Nesikin und R. Gamaliel zu Sotah 2. Parallelst.). Nun bedeutet חומך (z. B. חומרתא ףחולון) soviel wie Bündel, Gewürzbündel, man käme auf den Begriff der Blumenbündel oder Kränze. ״Laßt mich nur, ihr strengen Gelehrten, ich will eine Deutung nach Art eines חומר bieten,“ wie R. Gamaliel dort sagt, wäre dasselbe, wie wenn ein heutiger Professor seinen Vortrag unterbricht und sagt ״Lassen wir einmal die Gelehrsamkeit! Ich will etwas aus einem dichterischen Blumenkranz oder einem Bouquett Euch zu riechen geben.“ חומר׳ heißt auch Ring, Wirbelbein — wir kommen immer zum Begriff des Verbundenen, der Kette. Die Halacha ordnete sich damals noch zumeist nach dem Seder Mikra, die Hagada war dasjenige, was Einzelblumen zum Bouquett, zum Kranze verband. Und was ist denn die catena anderes? AVenn nun auch der Urbegriff des Wortes Hagada nach Bacher mit Recht, ״Nichthalachisches“ ist und bleibt, so ist der Nebensinn ,,Gedankenkette, Blumenkranz, Divan“ der Form der Hagada wegen nicht abzuweisen, und dies um so weniger, als man damals nicht sprachwissenschaftlich dachte, sondern dem Wortklange und der Empfindung folgte. Und ist, zumal wenn man an die jüngere Hagada denkt (z. B. an den Tanchuma), der Begriff der אגדה als אגודה nicht ein sehr treffender? Bemerken möchte ich noch, daß merkwürdiger AAreise zu Exodus 193 ותגיד לבני ישראל die דברי' הקשי' בגידי׳ sich entschieden auf die Halacha beziehen! Und da ist ein Hinweis auf Hagada sehr wahrscheinlich, und doch ist der Sinn auf Halacha angewandt. Ganz gegen alle Voraussetzungen. Zu רשום Wäre noch zu sagen, daß es die Art der Auf- Zeichnung von Hagadot bedeutet. Sabbat 123 sagt R. Jose לא חייבו שתי אותיות אלא משום רושם שבך היו כותבין על קרשי 68 המשכן כן' waren nur Werkzeichen, um die Zusammen- Setzung der Bretter daran zu erkennen. So gab es für die Hagada (bei dem Verbote, etwas aufzuschreiben) auch nur Merkworte in der ältesten Zeit. AVenn R. Chasda Chullin 60b zu seinem Schüler sagt: יכתוב קניגי ובליסטרי באגרתיך so schrieb dieser nicht die ganze Agada auf, sondern nur die angegebenen Merkworte. Das war nicht יכתוב sondern רשום• Spuren solcher uns rätselhaften oder nur dem Gegenstände nach, nicht mehr in der Ausführung zu erkennenden רשימות zeigen uns noch die Scheeltoth, z. B. in דרש' עשיר ועני ורשע באין לריף מקץ oder הגיע שבע במרחשון etc., in dieser zeit allerdings auch aufs halachische angewandt, wahrscheinlich auch als älteste Form für halachische ימנים□• Predigtumrisse. I. Scheminl Azereth. Seelenfeier. Ueberblick über das gesamte Leben. Die Reihenfolge der Feste, dessen Spiegelbild: Peßach, Frühling, Lenzesstreben der Fluren, gleicht der Kindheit mit ihren Empfindungen und Wünschen. Alles ist Hoffnung, Erwartung. Sefira, Auch das Kind wünscht sich aus dem Glücke, das es nicht kennt, heraus und zählt die Tage bis zur höheren Reife und Freiheit. Schebuothfest, Schönste Lebensjahre. Erste Erfolge des Daseins. Kraft- und Siegesbewußtsein. Wird es dauern? Neunter Ab, Kampf, Zerstörung, Trümmer. Herbe Lebenserfahrungen, Enttäuschungen, zerknickteHoffnungen, je mehr der Mensch ins Leben hineinkommt. Doch Nachmu Trost und Beruhigung. Bußfeste, Böse Erfahrungen bringen Selbsterkenntnis, Ergebung in den Willen Gottes, Streben, durch Veredelung des eigenen Ich glücklich zu werden. Sukkoth, Ernte des Lebens; Selbstbeschränkung (Hütte) Freude an dem Errungenen, Zufriedenheit (Lulab), Bitte um Möglichkeit der Aussaat, der Arbeit durch den Segen Gottes (Geschemgebet). Seelenfeier, Andenken an die, welche in den verschiedenen Lebensaltern dahingegangen. Hinweis auf Thorafreude als Lebenszweck (Simchath Thora), Hoffnung auf Licht (Chanukah) und auf göttliche Gnade für unsere Lebensloso (Purim). II. Sabbath Bereschith. (Neumondankündigung.) Anfang Aboth v;בעשרה מאמרות• Einl. Feste vorüber, Alltag mit der Arbeit da, der dauernden Freundin. Thora selbst zeigt Gott als Werkmeister, der sich seiner Schöpferarbeit freut. Zehn Aussprüche zeigt die Schöpfungsgeschichte, denn 'בראשי selbst ist ein Schöpf erwort — wo ein Streben froh beginnt, ist der schöpferische Gottesgeist. Zehn Aussprüche zeigen nicht das Sein, sondern das Werden. Aus dem Ungegliederten das Gegliederte, dann das Lebende, endlich das Bewußte. Aufwärts führt der Weg der Menschheit, nicht abwärts. In die Dinge legte Gott die selbständige Triebkraft (תוצא הארץ etc.), auch besonders in den Menschen. So entsteht Frevel und Edelsinn. Die Edeln fördern den Schöpfungsplan (מקיימין)» die Frevler stören ihn (מאברין)• Wer sich selbst durch Tätigkeit entwickelt-, entwickelt die Welt mit. Aus Einzelgeschöpfen besteht die AVelt, aus Einzelmenschen Menschheit. Im Kleinen beginne das Gute, es wirkt dann unendlich im Großen. Schluß. Freuen wir uns des Arbeitsschweißes, der uns veredelt und vergessen wir im Erdenwirken nicht der Religion, der Gesamtheit, des Geistigen, die Verbindung des höheren Strebens mit dem Irdischen möge uns leiten und beglücken. Inhalt der Nummer 18. Wissenschaftliche Aufsätze: Zum Vierteljahrsschluß. Von Rabb. Dr. L. A. Rosenthal. — Zur Komposition und Geschichte des ״Achtzehngebets“. Von Dr. J. Gold- Schmidt, Offenbach a. M. — Einige Bemerkungen über R. Jehuda und den Hellenismus. — Etwas aus der ״Zukunft.“—Litteraturbericht. Recensionen: Dr. Heinrich Schmitt, Die Gnosis. — Theologischer Jahresbericht 1903. — Berichtigung. — Predigtumrisse. Verantwortlicher Redakteur: Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal in Preußisch Stargard. Druck von Arthur Scholem, Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.