Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1904-01-01 · No. 18. (1904) · p. Seite 74

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
28 (1904)
Issue
No. 18. (1904)
Date
1904-01-01
Page
Seite 74 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6492408-6582200-9732881--3307-9606302
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

74 Sinai zur Offenbarung wird? Soll Gott die Menschheit nicht dazu erzogen haben? Und das gilt vom gläubigsten Standpunkt aus. Und liebt man uns Juden so sehr, daß man durchaus aus unserer Mitte das Gesetz erwachsen wissen will? Ganz im Gegenteil! Und wenn uns nun Gumplowicz zugibt, daß in Israel das Gesetz menschlich und milde geworden ist, so können wir Juden uns eigentlich mehr darauf einbilden, als wenn es Gottes Offenbarung wäre. Also wie Gumplowicz sagt: ״Was darf sich ein Gott nicht erlauben?“ Sogar ein Plagiat aus dem Hammurabi! Ist nämlich alle Entwicklung Gottes Werk, so ist alles Geschehende Plagiat und zwar ein sich veredelndes Plagiat Gottes aus dem zu veredelnden Früheren. Ob nun Müller sagt: ״Die ganze Größe des mosaischen Gesetzes zeigt sich da“, oder ob G. sagt: ״Wir sehen, wie sich die Norm in tausend Jahren veredelt hat“ — das ist nur ein Wortstreit. Abgesehen davon, daß äußerlich betrachtet, Hammurabi eine glänzend entwickelte Gesetzessammlung zeigt, die Thora dagegen ein einfaches Sittengesetz mit dem großartigen Armen-, Sklaven- und Schuldrecht, das Hammurabi garnicht oder in sehr schroffer Weise hat. Das will bedacht werden. Vom Hammurabi führt kein Weg zu diesen Thorasatzungen hin. Uebrigens war die erste lautgewordene Ansicht die, Hammurabi sei edler, als die Thora. Da hieß es: Vergleichen! — und in meinem ״Hammurabigesetz, Bibel und Talmud“ (Wirth, Mainz) habe ich den Beweis geführt, der damals noch unerläßlich war, die Bibel sei das Höhere. Delitzsch selbst gibt das in seinem ״Rückblick und Ausblick“ zu, allerdings, weil die Thora jünger sei. Das sind aber große Zugeständnisse. Weshalb sich die Welt so entsetzt hat, das habe ich, wie mein ״Babel und Bibel“ (Poppelauer) zeigt, schon beim ersten Auftreten Delitzschs so wenig begriffen, wie Gumplowicz. Ich war damals und bin noch jetzt der Meinung, daß die Bibel heute durch derartige Stürme nur gewinnen kann. Was aber vielen Forschern unserer Zeit nottut, ist die Befolgung des alten Wortes: ״Zuerst collegium logicum!“*) _ Litteraturbericlit, Recensionen. l)r. Heinrich Schmitt. Die Gnosis. Band I, 627 und VI S. Eugen Diedriehs, Leipzig. 1903. 12 Mk. Das Seltsame und Geheimnisvolle steht heute nicht mehr unter dem Bann bei den vernünftigen Leuten, wie ehedem; die Vernünftigen bemühen sich vielmehr, hin und wieder recht geheimnisvoll zu tun und sich von dem Abgeklärten abzuwenden. Müde und überdrüssig des Lichts, sucht man, wie in den Zeiten der Dülmener Sphinx und Clemens Brentanos in das Dunkel der Geheimlehre hinabzusteigen und durch sie die Rätsel der Welt zu lösen. Daß man die Gnosis in den Zeiten Irenäus’ und Justus’ verketzerte, war begreiflich; daß man sie heute in den Himmel hebt, ist ebenso begreiflich. Die unter der Herrschaft des Verstandes schmachtende Welt sucht nach einem Jungbrunnen, *) Daß Müller längst geantwortet, war mir, da ich die ״Zukunft“ im Lesezirkel bekomme, entgangen. und der scheint sich in der halb dichterischen und von den Welträtseln träumend stammelnden Gnosis ihr am ersten zu bieten. Nachdem wir vor einiger Zeit das Meadsche Werk anzuzeigen Gelegenheit hatten, haben wir heute wieder einen stattliehen, prächtig ausgestatteten Band in der Hand, in dem selbst der Druck, zumal die Kapitelüberschriften und die Kapitelschlüsse uns mittelalterlich, geheimnisvoll, gnostisch Vorkommen. Scheinbar dem Beispiel Meads folgend, holt der Verfasser in der Zeichnung d*r Vorbedingungen sehr weit aus, mit Aegypten, Indien, Persien beginnend, auf Griechenland und Alexandrien überleitend, von wo aus er nach Palästina greift. Ein besonderer Abschnitt stellt vorbereitend die wichtigsten Auffassungen der Gnostiker dar, und dann folgen die einzelnen Lehrer und Schulen. Kennzeichnend für den Geist des Buches ist die Einleitung, der sich eine Abrechnung mit dem Gedankenzwange unserer Zeit in Staat und Kirche einfügt. Derartige Auslassungen, die gelegentlich entstanden sind, ist ein Verfasser in gereizter Stimmung leicht geneigtv seiner als wissenschaftlich sich gebenden Darstellung einzuverleiben. Und dieser Schmuck des Werkes wird dem Ganzen verhängnisvoll. Daß es dadurch den Stempel des Nichtfachmännischen erhält, ist der geringste Fehler — mag es doch aussehen, wie es will! Aber der lngrimm gegen die gesamte Welt- und Staatsordnung, gegen alles geistig Hochragende nimmt dem Verfasser jeden Augenblick die Ruhe wieder, wenn er sie erlangen und weitergehen will, und nicht eine Seite entbehrt dieser grimmen Auslassungen. Nun schaden dieselben nicht der Welt, nicht dem Staat, nicht der Gesellschaftsordnung, aber, was zunächst das Schlimmste ist, dem Buch selbst und seiner Klarheit. Uns dürstet es noch nach der Quelle der Gnosis — da bekommen wir einen Theelöffel voll, der sofort in ein Meer von Lobpreisungen der Gnosis und der Herabsetzung alles Nichtgnostischen ertränkt wird. Und diese Wiederholungen! Ob der Verfasser wohl so manchen Satz seines Buches einer zweiten Durchsicht unterzogen hat? Die Gnosis löst ihm alle Rätsel des Weltwerdens und -seins, weil darin kein Gegensatz zwischen allmächtigem Schöpfer und demütigem Geschöpf zu finden ist, sondern der Mensch selbst Ausgangspunkt des Ganzen ist und aus sich heraus das Ganze begreift. Gottesbegriff und Christenlehre selbst hört bei dieser Schwärmerei für den Gottessohn auf, der dem neutestamentlichen Begriff nicht entspricht. Die herkömmliche Auffassung des Kreuzestodes erscheint dem Verfasser gräuelvoller, als alle früheren Anschauungen. Das Urchristentum faßt er als eine Entgötterung der Welt auf, deren Selbstentwicklung in der Hervorkehrung des Menschen und seiner Stellung empfunden und demnach alles Weltstreben nach Seite der Macht hin als dieser Entwicklung entgegen aufgegeben wurde. Oder vielmehr unsere Weltentwicklung als Werk des Demiurg ist eine Vergröberung und Verschlechterung des geistigen fein sich schwingenden Urstoffes und hat die Welt der Tierheit, der Lebensläugner gegenüber den Gottessöhnen, den Vertretern des Geistes hervorgerufen. Die letzteren sind durch den Bund, den das Urchristentum mit der Lehre des Judentums geschlossen, unterdrückt worden, und unsere ganze Weltauffassung und Weltordnung muß und wird der gnostischen Urweisheit von der Hoheit des inneren Lebens einst weichen, und mit der Lösung der Schöpfungsrätsel werden alle Unterschiede weichen, alle Menschen gleich sein, und die Welt des Scheins wird sich in die des Geistes verwandeln. Wenn die Gnosis den Materialismus schließlich dauernd verbannen soll, indem sie das, was jener leugnet, das Leben, als das Wesentliche betrachtet, so vergißt der Verfasser, daß Gedanken nur durch Gedanken gebannt werden können. Die beständige Bildlichkeit, die diesen Evangelien und Weltentstehungslehren anhaftet, verleitet zu ewigem Deuten, und hineindeuten kann man alles mögliche. Schopenhauer hat alles, was man Tiefes in der Gnosis finden könnte, weit tiefer gefühlt und ausgesprochen, so daß das Entzücken über diese gnostischen Offenbarungen schwerverständlich ist. Uns liegt nur noch an der Beleuchtung der Empfindungen, die Verfasser dem Judentum entgegenträgt. In dem Judentum sieht, wie Schopenhauer, auch unser Verfasser die Stütze dieser schlechtesten Welt, deren Beseitigung das Reich des wahren Glücks herbeiführen würde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.