Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 39 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- Seite 549 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 39. Israelitische Wochenschrift. Seite 649. unser Werk, nur für uns erdacht und erkämpft worden, nicht aber auch für Israel, für die Semiten". Selbstbewußt und über die ihm widerfahrene Behandlung empört, schlägt Israel seinen Gegnern das Buch der Lehre auf und zeigt ihnen das seit vier Jahrtausenden dort niedergeschriebene Gebot: „Gleiches Recht sei bei euch für den Eingeborenen wie für den Fremdling, der im Lande weilt". „Torheit, Einbildung", hört Israel von verschiedenen Seilen rufen: „Fort, Jude, fort! Israel ist ein ätzendes und zersetzendes Element im Leben der Nationen, das Judentum ist beschränkt und engherzig!" Nun begreift Israel, was es heißt, Gnadenbrod essen, auf den Fortschritt vertrauen oder durch Gesetze — gleichgestellt sein, und unwillkürlich muß es an die Worte des unglücklichen Salomo denken: „Wehe! wehe! die Weisheit der Armen ist verachtet". III. Der verlassene Salomo hatte aber, selbst als er betrübten Herzens auf dem Stein außerhalb der Stadt saß, nicht aufgehört, der weise Salomo zu sein. Selbst als er von aller Welt verachtet und verkannt war und den Uebermütigen zur Zielscheibe ihres Spottes dienen mußte, zweifelte er nicht an sich und fühlte sich als König Salomo. Das Bewußtsein seiner Würde und seines Werts erhielt ihn in den Tagen des Unglücks, verlieh ihm den Mut und die Kraft, den Kampf gegen Asmodai aufzunehmen und ihn zu besiegen. Salomo, so spinnt jene Sage ihre Fäden fort, kehrte nach vielen erlebten Abenteuern in sein Vaterland zurück, gewann wieder sein altes Gesicht und die Majestät seines früheren Aussehens; Asmodai verschwand, und der so schwer Geprüfte bestieg in Jerusalem auf's Neue den Thron seines Vaters David. Und auch Israel, dessen Lebensgeschichte in der Sage über das Schicksal seines ehemaligen, glorreichen Königs Salomo sich auffallend klar abspiegelt, kennt und verkennt nicht seinen Wert als nützliches Glied im Organismus der Völker, auch Israel hat, trotz aller Stürme des Spottes, Hasses und Neides, die es von der Oberfläche zu verwehen drohten und drohen, den Glauben an sich selbst und an die von den Propheten geweissagte Zukunft nicht verloren. Selbst als es zu Boden geworfen und mit Füßen getreten wurde, verzweifelte es nicht und gab diesen seinen Glauben nicht auf. Nur seine physischen Kräfte sind durch die Länge der Zeit gelähmt worden, nicht aber auch sein fester, eiserner Wille, nicht aber auch sein Hoffen, Sehnen und Wollen; gegen dieses erwies sich Asmodai, in welcher Gestalt er auch auftrat, als machtlos. Israel lebt und fühlt seine Schmerzen und Leiden; es fühlt wie Dolchstiche im Herzen die Wirkung der Lügen und Verleumdungen seiner Hasser und Neider, darum schreit es zuweilen auf, darum weint es, wie einst sein König Salomo, die bittersten Tränen über das rhm zuteil gewordene Schicksal; aber es verzweifelt nicht, läßt den Mut nicht sinken, es läßt sich mcht aus der Reihe der lebenden Nationen ausstoßen und vom Schauplatz der historischen Weltbühne verdrängen. Literclriscbes. Das Mälsel: Jude. Der Roman eines modernen Juden. Von A. Halbert. Zweite Auflage. Verlag von Hans Priebe & Co. in Berlin-Steglitz. Das kleine Buch könnte die Arbeit eines talentvollen Anfängers sein. Es war jedenfalls unrecht, sie in Druck zu geben. Zwar ist schon ungleich schlechteres gedruckt worden. Doch gerade die Begabung des Verfassers hätte die sorgfältigere Behandlung ^verdient. Er wird schon noch lernen, mit Worten etwas sparsamer zu sein und den rechten Ausdruck für seine Gedanken zu finden. Die Vorrede zu seinem Buch ist eine förmliche Wörter-Orgie. Lauter Sauce, gar kein Braten. Der Inhalt des Buchs ist selbst gegenüber dem geringen Umfang erstaunlich mager. Der Verfasser hat Nietzsche verschlungen, verdaut hat er ihn nicht. Nietzsche macht mit dem Wein seiner Rede trunken — der Verfasser glaubt Nietzsche ähnlich zu sein, wenn er trunken stammelt oder sich trunken stellt. Zionstöchle»'. Von A. Halbert. Verlag von Hans Priebe & Co. m Berlin-Steglitz. Derselbe Verfasser, dieselben Mängel. Skizzen, die nur für den Autor von Wert sind. Den ganz kurzen Erzählungen, denen der Kern fehlt und die in Stimmung förmlich ertrinken, ist ein Dramachen angefügt, in dem Moses Sendung als durch Jitro und seine Tochter Zipora vermittelt erscheint. Mose und Zipora tauschen Reden, die tendenziös sein sollen, aber nur geschwollene Redensarten sind. Zrpora spricht aus dem Schlaf. Es lohnte die Mühe nicht, sie zu belauschen, und die Indiskretion nicht, das Erlauschte wiederzugeben. Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Wosener Landen. Von Rabbiner Dr. A. Heppner und Lehrer I. Herzberg. Mit Beiträgen von Rabbiner Dr. L. Lewin. Viertes Heft. Verlag von Israel Tuch in Koschmin. Preis: 75 Pfennig. Was die vorigen Hefte versprochen, hält die Fortsetzung. Die Arbeit ist überaus verdienstlich und sollte in jeder Provinz so geleistet werden, wie es hier in vorbildlicher Weise geschieht. Die künftige Geschichte der Juden ist nicht möglich ohne solche Bausteine, deren Zusammentragung überaus mühselig, aber auch überaus dankenswert ist. Die Politik. (Rechtsgleichheit in Preußen.) Die Stadtverwaltung in Münder a. Deister (Hannover) schrieb in der „Tierärztlichen Rundschau" die Stelle eines ordentlichen Fleischbeschauers aus. Ein Herr, der sich darauf meldete, erhielt folgende Zuschrift: J.-Nr. 3448. Münder, 8. Septbr. 1904. Auf Ihr Gesuch vom 25. v. M. teilen wir Ihnen mit, daß wir beschlossen haben. Ihnen die ordentliche Fleischbeschall für den Bezirk der Stadt Münder zu übertragell, falls sie llicht mosaischer Konfession sind. Wir fragen nun bei Ihnen an, ob Sie die Wahl annehmen. Ihrer Alltlvort sehen wir umgehend entgegen. ®er ^Mrat. I. B.: H. D. Pape. Als der Tierarzt hierauf antwortete, er sei allerdings mosaischer Konfession, erhielt er folgendes Schreiben: Der Magistrat. Münder, 10. Septbr. 1904. J.-Nr. 3619. Aus Ihr Gesuch vom 25. v. Mts. teilen wir Ihnen init, daß die Wahl auf einen anderen gefallen ist. Die eingereichten Papiere erhalten Sie anbei zurück. I. V.: H. D. Pape. Die Stadt Münder befolgt nur das Beispiel des preußischen Staates. Sie kann nichts dafür, daß dieser so schlechtes