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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-09-23 · 39 (23.9.1904) · p. Seite 548

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
39 (23.9.1904)
Date
1904-09-23
Page
Seite 548 (sequence 8)
Language
German
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Seite 548. Israelitische Wochenschrift. Nr. 39. zum Rabbiner zu gehen. Unter Tränen erzählte ich ihm mein Leid. Er tröstete mich und versprach mir zu helfen. Wirklich setzte er durch, daß wir drei ihm behufs Auskurierung übergeben wurden, um später als genesen unsere Reise fortsetzen zu können. Mit uns wurden noch andere vom Rabbiner in die Augenklinik nach Königsberg geschickt. . . . Soweit mein russischer Freund. Mögen unsre glücklicheren Glaubensbrüder schnell und wirksam helfen. Ich bin Salomo. Von Albert Kah. I. In einem fernen, fremden Land irrte einst elend und verlassen der große Salomo umher. Er war plötzlich seiner Krone beraubt, seiner Familie, seinem Volk und seinem Vaterland entrissen worden. Asmodai, der König der Geister, lautet eine alte Sage, hatte den weisen Beherrscher der Juden in eine von Jerusalem 400 Meilen entfernte Gegend geschleudert, selbst aber des Verstoßenen Gesicht und Aussehen angenommen und als den König der Juden sich ausgegeben. Von seinem früheren Ruhm, seinem Reichtum und seiner Ehre hatte Salomo außer der Weisheit nichts weiter als die Erinnerung zmückbehalten. So irrte er nun als weiser Bettlerkönig unstät und flüchtig von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, überall von seiner ehemaligen Größe erzählend, sein gegenwärtrges Leid klagend, und allen, die ihm begegneten, die Worte: „Ich bin Salomo" zurufend, aber nirgends Trost, bei Niemandem Glauben und Gehör findend. Vor dem Tor einer Stadt sah er einmal alte, ehrwürdige Männer, dem Anschein nach Richter, beisammen sitzen, und hörte, wie sie in ihrem Urteil auf ihn, auf seine Sprüche sich bezogen. Er eilte schnell auf sie zu und sprach: „Ich bin der, auf den Ihr Euch soeben bezogen habt, ich bin Salomo, die Sprüche, die Ihr soeben angeführt habt, find meinem Weisheitsborn entquollen". Allein die Männer sahen einander stumm an, schüttelten mitleidsvoll das Haupt — und ließen ihn durch ihre Diener entfernen. „Nun werde ich mich", dachte der Verkannte, „an die Gelehrten, die den Menschen nicht nach seinen Kleidern beurteilen, wenden; sie werden mich schon erkennen und mir zu meinem Recht verhelfen". Er faßte frischen Mut, trat in eine Gelehrtenschule ein und hörte seine Sprüche zitieren, seinen Namen mit Ehrfurcht nennen. „Hier bin ich", rief er ihnen entgegen; „ich, ich bin es, dessen Namen Ihr soeben erwähnt habt: ich bin Salomo!" Aber auch die Gelehrten schenkten seinen Worten keinen Glauben, und die Aerzte, die sich unter ihnen befanden, erklärten ihn für — wahnsinnig. Mutlos verließ er die Gelehrtenschule und setzte seine Wanderungen fort. Da hörte er aus einem Haus fröhlichen Gesang auf die Straße dringen. Aufmerksam lauschte er den lustigen Liedern, die, wie er sich klar und deutlich erinnerte, er selbst einst gesungen hatte. Die trügerische Hoffnung umgaukelte ihn noch einmal mit ihren verführerischen Bildern und Aussichten und ließ ihn in das fröhliche Haus einkehren, wo lustige Männer beim Wein versammelt waren und an den von ihm gedichteten Liedern sich ergötzten. Auf den Geist des Götter und Menschen erfreuenden Weines und Sanges vertrauend, näherte er sich den singenden Zechern und sprach mit lauter, Ueberzeugung einflößender Stimme zu ihnen: „Ich bin Salomo!" Doch kaum waren diese Worte seinen Lippen entfahren, als alle Anwesenden in ein schallendes Gelächter ausbrachen, wie reißende Wölfe über ein schwaches Lamm über ihn herfielen, ihn verhöhnten, beschimpften und beleidigten und als Wahnsinnigen, ja als Betrüger aus dem Haus jagten. . . . * * Auf einem Stein außerhalb der Stadt saß nun, einem vagabundierenden Bettler gleich, der weise Salomo und weinte und klagte bitterlich: „Wo ist das Meer, wo ist der See, Daß sie faßten mein tiefes Weh? Ach, Leib und Herz sind mir zerrissen. Das Aug bedeckt von Finsternissen." „Mein Ruhm ist hin, meine Ehre verloren; ich bin zwar noch Salomo, aber ein armer, blutarmer Salomo! Wehe! wehe! die Weisheit des armen Mannes ist verachtet!" II. Seit fast zwei Jahrtausenden irrt Israel, wie einst sein weiser König, elend und verlassen, verhöhnt und verachtet in der Welt umher. Asmodai, der König der bösen Geister, die sich der Herzen seiner Söhne bemächtigt hatten, hat es seinem Geburtsort, seinem Heiligtum entrissen und in weite, entlegene Länder geschleudert. Das Licht seiner Lehre, das in Nord und Süd, in Ost und West die Finsternis des Heidentums verscheucht hat; die Weisheit seiner Könige, die herrlichen Lieder seiner Dichter und Psalmisten sind ein Gegenstand der Bewunderung, das Eigentum der Nationen geworden, Israel selbst aber ist verhöhnt, gedemütigt und verachtet. Auf seinen Wanderungen hörte es oft seine Widersacher ausrufen: „Das Gebot der Nächstenliebe hat unsere Religion der Welt offenbart, Frieden und Eintracht verkündet nur unsere Lehre". Mit zitternden Händen hielt Israel ihnen seine heilige Thora entgegen und rief: „Sehet! was hier geschrieben steht: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". „Liebet den Fremdling". „Du sollst dich nicht rächen und Feindschaft nicht nachtragen". . . „Fort, Jude, fort!" donnerte man ihm entgegen, „unser ist die Lehre, unser das Gebot der Nächsten-, der Fremdenliebe, unser Glaube ist der wahre, echte, allein seligmachende". Israel hörte aus seinen Irrfahrten in den Gotteshäusern verschiedener Völker seine Psalmen singen, sein „Amen" sprechen, seine „Hallelujahs" anstimmen. „Wehe, wehe!" rief es tränenden Auges seinen Feinden zu: „Wenn Ihr mich hasset, warum singt Ihr die Psalmen meines Königs David, warum sprecht Ihr in meiner Sprache Amen und Hallelujah?" „Fort, Jude, fort!" lautete die Antwort; „was geht dich unser Gottesdienst, was gehen dich unsere Psalmen an? fort, Jude, fort, oder wir geben dich der Vernichtung preis!" Und nicht allzuselten haben Israels Feinde ihre Drohungen in die Wirklichkeit umzusetzen angefangen! Nicht allzuselten ergoß sich aus Israels Augen ein Tränenmeer, das von dem Blut seiner hingemordeten Söhne und Töchter rötlich gefärbt war. — Endlich erschien am Horizont der Völker die Sonne der Humanität und sandte ihre goldenen Strahlen auf die ganze Erde nieder. Auch Israel glaubte sich von dieser Sonne beschienen und wollte schon erleichtert aufatmen. Da versammelten sich die Fledermäuse, Eulen und Maulwürfe und kreischten und heulten: „Die humanitären Errungenschaften der Neuzeit sind

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