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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-09-23 · 39 (23.9.1904) · p. Seite 550

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
39 (23.9.1904)
Date
1904-09-23
Page
Seite 550 (sequence 10)
Language
German
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Seite 550. Israelitische Wochen sch;: \ t, dtr 39. Beispiel gibt. — In der hannoverschen Zeit wäre das nicht geschehen. * * * (Gartenbau-Unterricht.) Seit Juli d. I. weilen vier angehende Lehrer, die ihre Ausbildung am Seminar der Alliance Jsraelite zu Paris eben vollendet haben, in der Israelitischen Eriehungsanstalt zu Ahlem bei Hannover, um dort Gartenbauunterricht zu erhalten und sich im Handfertigkeitsunterricht weiter zu vervollkommnen. Die Alliance hat die Ueberzeugung gewonnen, daß das große Elend unserer armen Glaubensgenossen im Orient in erster Linie dadurch beseitigt werden kann, daß man bereits in den Kindern während ihrer Schulzeit den Trieb und die Handgeschicklichkeit für Handwerk und Bodenkultur weckt; sie richtete daher vor einiger Zeit an die Direktoren ihrer sämtlichen Schulen Fragebogen betreffend die Einführung dieser Unterrichtszweige. Sämtliche Direktoren haben erwidert, daß sie nach ihren Erfahrungen diese praktischen Unterrichtsfächer für außerordentlich wichtig zur Heranbildung der jüdischen Jugend halten, und deren Einführung an ihren Schulen mit Freuden begrüßen würden. Jene jungen Lehrer sollen also in Ahlem studieren, wie man die jüdische Jugend von Klein auf bei mäßiger, doch regelmäßiger Hand- und Gartenarbeit so erzieht, daß auch sie — trotz des Mangels der Tradition — durch allmähliche Sammlung nützlicher Kenntnisse, durch Stählung des Körpers gegen Witterungseinslüffe, und nicht zuletzt durch Eingewöhnung von Herz und Hand in das freie Leben der Natur fähig wird, nicht nur ein Handwerk, sondern auch die Landwirtschaft oder den Gartenbau als Lebensberuf zu ergreifen. Diese Art der Erziehung schließt ja die Wahl irgend eines anderen Berufs keineswegs aus; vielmehr sprechen die Erfahrungen, die man besonders in den Vereinigten Staaten mit ihr gemacht hat, dafür, daß sie auch für jeden anderen Beruf die tauglichste erste Vorbereitung ist. — Man kann sich leicht denken, mit welchem Eifer die jungen Fremden in Ahlem an die zum Teil ungewohnte Arbeit gingen; sollen sie doch in kurzem alles, was sie lernen und üben, in den Ländern ihrer Heimat praktisch anwenden und als Pioniere einer ganzen Generation von Lehrern die neue Erziehungsmethode an mehreren Schulen der Alliance einführen helfen. Herr Salomon Reinach, der Vizepräsident der Alliance, der kürzlich die Anstalt besuchte, konstatierte mit großer Freude, daß die jungen Leute in der verhältnismäßig kurzen Zeit gute Fortschritte gemacht haben, und äußerte, daß er im Zentralkomitee den Antrag stellen wolle, für die Folge Lehramtskandidaten in größerer Anzahl und für längere Zeit nach Ahlem zu senden. Sobald in Ahlem der jetzt projektierte Neubau vollendet sein wird, beabsichtigt der Vorstand der Israelitischen Erziehungsanstalt, einen regelmäßigen Kursus in Handfertigkeit und Gartenbau für jüdische Lehrer einzurichten, an dem voraussichtlich auch Lehrer der Baron Hirsch-Stiftung in Galizien teilnehmen werden. Herr Direktor Courdy von der jüdischen Gartenbauschule in Plessis-Piquet bei Paris war gleichfalls mehrere Tage in Ahlem und hat sich davon überzeugt, daß die dort gehandhabte Erziehungsmethode besser als die des Instituts Plessis-Piquet geeignet ist, Juden dauernd dem Handwerk und der Bodenkultur zuzuführen, und wird infolgedessen bei seiner Rückkunft dem Vorstand Abänderungsvorschläge machen. * * * (Hilfsaktion.) Von dem Hilfsfonds von 100 000 Frs., den die Alliance Jsraelite Universelle vor kurzem für die notleidenden Juden Rußlands bestimmt hat, sind zunächst die folgenden Summen durch Beschluß des Zentral-Komitees vom 13. d. M. überwiesen worden: nach Lodz 15 000, nach Bialystock 10 000, nach Odessa 10 000, nach Wilna 6000, nach Libau 4000, nach Dubrowno 3000 Frs. Bei der Judenhetze in Smjela (Gouv. Kiew), die von den Tageszeitungen bereits gemeldet wurde, sind nicht weniger als 98 Häuser und 142 Läden, die Juden gehörten, zerstört worden. Die Gemeinde von Smjela ist dadurch in großes Elend versetzt. Die Alliance hat zur Bestreitung der dringendsten Anforderungen dem Grundeigentümer von Smjela, Senator Grafen Alexis Bobrinsky, 5000 Frs. übermittelt. Graf Bobrinsky ist als Wohltäter der Juden bekannt. Auch der Hilfsverein der deutschen Juden hat auf Grund einer Depesche für die durch die Krawalle in Smjela Geschädigten sofort telegraphisch zur Linderung der ersten Not 2000 Mark überwiesen. Nach den bisherigen Feststellungen sind die Ruhestörungen sehr ernste gewesen; 98 Häuser und 142 Läden und Buden, die Juden gehören, sind demoliert und geplündert worden. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß der Graf Alexis Bobrinsky der Großgrundbesitzer in Smjela und gleichzeitig Senator ist, sich der Geplünderten in hingebendster Weise angenommen hat. Er hat es auch übernommen, die sachgemäße Verteilung der eingelaufenen Gelder zu besorgen, ihm gebührt der aufrichtige Dank aller human Denkenden. Da die Not, die infolge des Brandes in Wilkomir entstanden ist, sich als außerordentlich groß herausgestellt hat, so hat der Hilfsverein der deutschen Juden auch für diese Notleidenden weitere 2000 Mark bewilligt, zusammen bisher 3600 Mark. Außerdem hat das Frankfurter Hilfskomitee für die osteuropäischen Juden, dem Hilfsverein für den gleichen Zweck weitere 1000 Mark zur Verfügung gestellt, sodaß auch diese an die Abgebrannten gesandt werden konnten. -i- * * (Edler Wetteifer.) In der „National-Zeitung" lesen wir: Die Meldungen über Judenunruhen in Kowno haben sich als geradezu phantastische Uebertreibungen erwiesen. Es ist nicht ein Dutzend Juden, es ist nicht einmal ein Jude, ja nicht einmal ein halber Jude den Unruhen zum Opfer gefallen, sondern nur der Finger eines Juden, und sogar das ist nicht ganz sicher, denn aus der jetzt veröffentlichen amtlichen Meldung geht keineswegs hervor, daß derselbe nicht vielleicht geheilt werden könnte. Das Dementi besagt: Kowno, 13. September. (Meldung der „Russischen Telegraphen-Agentur".) Hier ist alles ruhig. Das Gerücht von Unruhen, die sich gegen die Juden gerichtet hatten, ist dadurch entstanden, daß sich vor einem Monat bei einem Gewitter im öffentlichen Garten eine Schlägerei entwickelte, bei dem einen Jude in den Finger gebissen wurde. Schon vor dem Eintreffen der Polizei war die Ruhe wieder hergestellt. Der Zwischenfall blieb ohne weitere Folgen. In einer Zeit, wo im fernen Osten mehr als einmal „ein Kosak" als gefallen gemeldet werden mußte, hätte der gebissene Finger des Kownoer Juden nicht zu einer solchen Moritat aufgebauscht werden dürfen, noch dazu, wo das Gewitter doch immerhin als mildernder Umstand angesehen werden zu müssen scheint. Daß einem Juden in den Finger gebissen wird, kann selbst im zivilisierten Westen einmal Vorkommen, zumal — bei einem Gewitter. Die russische Telegraphen-Agentur tut sehr wohl daran, diesen Fall ein-

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