Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 39 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- Seite 544 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 544 Israelitische Wochenschrift. Nr. 39 überlassen. Eine solche Organisation mißfiel Herrn Professor Philippson, kränkte sein Hochgefühl — und die Folge war, daß er sich des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes erinnerte, den er souverän beherrscht, in dem er nichts tut und alles gilt. Er erinnerte sich auch, daß er Geschichtsprofessor sei, und schrieb eine Geschichte des Gemeindebundes, von der er in ausführlichem Auszug den jüdischen Zeitungen Kenntnis gab. In Nr. 37 haben wir den Auszug getreulich abgedruckt und eine Beleuchtung der Darstellung versprochen. Diesem Versprechen kommen wir jetzt nach. Der Gemeindebund, erzählt Herr Professor Philippson, gleicht den besten Frauen, von denen man nicht spricht. An diesem Ruhm will er sich aber ferner nicht genügen lassen, und deshalb spricht er vom Gemeindebund und seinen Taten, seiner „vielverzweigten Wirksamkeit". Der Bund ist als „Organisator" tätig gewesen, „es ist ihm gelungen, zwei staatliche Behörden für jüdische Angelegenheiten in sich zu vereinigen". Das klingt sehr schön und sehr stolz — nur schade, daß das Verdienst nicht dem Gemeindebund zukommt. Der verstorbene Eugen Rosenstiel ist es gewesen, nicht der Gemeindebund, der die Mittel zur Errichtung der Fürsorge-Erziehungsanstalt für Knaben in Repzin bei Schivelbein hergegeben hat. Nicht der Gemeindebund, sondern die Berliner Jüdische Gemeinde hat die Fürsorge-Erziehungsanstalt für Mädchen in Plötzensee eingerichtet. Nicht der Gemeindebund, sondern wieder ein Privater hat die Kolonie in Neu-Weißensee geschaffen. Der preußische Minister des Innern hat durch Rundschreiben vom 19. März 1901 gestattet, daß die Landeshauptleute, Landesdirektoren und Magistrate von dem Angebot des Gemeindebunds Gebrauch machen, jüdische Fürsorgezöglinge in Repzin und anderwärts unterzubringen. Darauf stützt Herr Professor Philippson die Ansicht, daß dem von dem Ausschuß eingesetzten Kuratorium für die Fürsorge-Erziehung und den von ihm verwalteten Anstalten „sozusagen ein halbamtlicher Charakter verliehen worden". Man kann nicht bescheidener sein. Gewiß sind die genannten Institute rühmenswert; doch nicht dem Gemeindebund gebührt dafür Anerkennung, denn nicht er hat sie geschaffen. Sein Verdienst wäre erst die gute Leitung, und die muß erst nachgewiesen werden. In den Anfängen war sie schlecht genug. Der Gemeindebund hat die Schaffung nicht einmal angeregt, er hat sie nur geschehen lassen. Herr Professor Philippson rühmt dem Gemeindebund ferner nach, daß er „sämtliche 11 auf der Grundlage der Freiwilligkeit aufgebauten Verbände von Gemeinden, von denen die größte Zahl seiner Initiative ihre Konstituierung verdanken, und 850 Gemeinden, darunter alle großen und fast alle mittleren, sowie zahlreiche kleine, in sich vereinigt habe". Damit wäre nur bewiesen, daß dem Gemeindebund große Mittel zur Verfügung stehen und demgemäß große Ansprüche an seine Leistungen berechtigt wären. Den Provinzialverbänden aber leistet er nichts — er verlangt vielmehr von ihnen den Zehnten ihres Aufkommens. Und der Anschluß der Gemeinden besteht fast ausschließlich darin, daß die Gemeinden um einen größeren oder geringeren Beitrag angeschnorrt werden. Hier ist kein System, kein innerer Zusammenhang, kein gemeinsames Arbeiten, kein gemeinsames Ziel. Der Klingelbeutel wird mit mehr oder weniger Zudringlichkeit herumgereicht. Ein einziges Mal ist der Versuch gemacht worden, eine Art System in die Bemessung der Gemeindebeiträge zu bringen. Dieser Versuch scheiterte kläglich und mußte scheitern, weil der vorgeschlagene Umlagemodus (1 pCt. vom Einkommensteuer-Ertrag) geradezu unsinnig war. Die Gemeinde, die hartem Steuerdruck ausgesetzt ist, sollte danach um so höheren Beitrag an den Gemeindebund abführen. Selbstverständlich wurde solches Ansinnen abgewiesen. Außerdem beging man die merkwürdige Torheit, über einen systematischen Umlagemodus nicht mit den Großgemeinden sich vorher in der Stille zu verständigen, sondern ihn durch völlig unwirksamen „Gemeindetagsbeschluß" herbeizuführen. Auf Grund jener systemlosen Behandlung oder vielmehr Vernachlässigung jedes ernsthaften Arbeitsplans, und auf Grund der ebenso systemlosen Schnorrtätigkeit beansprucht Herr Professor Philippson jetzt in seiner Geschichte des Gemeindebundes die Anerkennung, daß der Gemeindebund „der berufene Vertreter der deutschen Judenheit ist". Ei, ei, Herr Professor! Wo bleibt denn der Verband der deutschen Juden, den Sie vor sechs Monaten unter historisch-schauerlichem Rückblick auf einen Zeitraum von zweitausend Jahren angepriesen habend Wo war denn bei jenen historischen Schauern der Gemeindebund, dessen Vorsitzender Sie sind? Das eine oder das andere Mal müssen Sie sich geirrt haben. Wahrscheinlich das eine und das andere Mal. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund ist nicht die Vertretung der deutschen Judenheit — er kann es nicht sein, so lange Sie an der Spitze stehen, mit Ihrer profunden Unkenntnis jüdischer Dinge, mit Ihrem Mangel an Vertrautheit mit jedem Verwaltungswesen, mit Ihrer völligen Unfähigkeit zu organisatorischer Tätigkeit. Der Verband der deutschen Juden ist auch nicht die Vertretung der deutschen Judenheit und kann es seiner ganzen Struktur nach in Ewigkeit nicht werden. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund sollte in gewissen weitgezogenen Grenzen die Vertretung der deutschen Judenheit sein. Und er könnte es sein, wenn er verständnisvoll geleitet würde. Wie sehr es an der verständnisvollen Leitung fehlt, soll in einem folgenden Artikel an der Hand der Philippsonschen Reklameschrift gezeigt werden. (Fortsetzung folgt.) Das itnif Iudrugesktz in Rußland. Petersburg, 18. September. Der kaiserliche Erlaß vom 11. August darf keineswegs als eine prinzipielle Aenderung der russischen Judenpolitik angesehen werden. Er bringt nicht einmal irgend welche wesentliche Besserung in die jetzige Lage der Juden. Vielmehr haben wir es hier mit einer Maßregel ad usum delphini zu tun, aber der „delphinus“ ist nicht der neugeborene Thronfolger, sondern die westeuropäische öffentliche Meinung. Die Greuel in Kischinew lenkten die Aufmerksamkeit aller zivilisierten Völker auf die Lage der Juden in Rußland. Für die russische Regierung war dieser Umstand besonders unangenehm, weil gerade bei diesen Ereignissen der Antisemitismus der russischen Bureaukratie besonders scharf zutage trat. Man kann überhaupt sagen, daß in Rußland die antisemitische Bewegung hauptsächlich von den Regierungsbeamten getragen wird. Einer solchen Gesinnung zu huldigen, ist in vieler Hinsicht vorteilhaft. Man macht dabei die beste Karriere, und außerdem sind die Ausnahmegesetze gegen die Juden eine vorzügliche Einnahmequelle, wenn sie von Fall zu Fall in der Verwaltungspraxis übertreten werden. Was die Bestechlichkeit anbelangt, so zeigen hierbei unsere I Bureaukraten die höchste Toleranz, und sind wohl der Ansicht,