Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-09-16 · 38 (16.9.1904) · p. Seite 538

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
38 (16.9.1904)
Date
1904-09-16
Page
Seite 538 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9605972-9659952--9018-9606276
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seile 538 .VriHUUiiiji Wvch.u,chrift. 9ir. 38 hinein — das rnuß ja einen Menschen zu Grunde richten. \ Sogar in der Ofenasche hat sie gewühlt und halb verkohlte! Briefe gefunden. Da hat sie so geweint, daß ich glaubte, die Augen würden ihr erblinden. Aber seitdem ist sie ganz sanft zu dem Lottchen und sehr gut zu ihr. Vordem hat sie das arme Mädel, das von früh bis spät um sie herum puttelte und sie bediente, wie eine Magd, mit keinem Blick angesehen. Ach du meine Seele, liebste Frau Doktorin, das ist mit der Frau ein Kreuz!" Die gute Doktorin mußte sich Gewalt antun, um ihren Schrecken zu verbergen, als sie Posthumas ansichtig ward. Wie furchtbar war die vor kurzem noch so schöne und blühende Frau gealtert! Das Haar ergraut, die Gestalt verfallen und abgemagert, die einst so leuchtende Farbe des Antlitzes verblichen, und die weichen runden Züge hatte der Gram kantig und eckig gemacht — nichts erinnerte mehr an den Liebreiz und die Schönheit der Frau, die ehedem Alt und Jung bezauberte. „Laß das alles Lottchen ordnen!" bat die Doktorin, auf die umherliegenden Sachen Alfreds und die Schachteln mit den Briefschaften und Papieren weisend. „Hier ist kein Aufenthalt für dich, du bist leidend und mußt dich schonen." „Wozu?" fragte Posthuma herb. „Um noch mehr Unglück zu erleben? Ich freue mich über jeden Tag, der zur Rüste geht. Wieder einer näher dem Grab." „Wie darfst du also sprechen!" zürnte die Doktorin. „Hast du nicht noch eine Tochter, dich mit ihr zu freuen?" „Meine Tochter soll mir leben", erwiderte Posthuma hastig, „aber Gott hätte mir auch meinen Sohn lassen können, er nahm ihn zu früh." „Gott hat es so gewollt, darum mußte es so kommen." „Das ist nicht wahr!" schrie Posthuma wild. „Es ist unsere Schuld, daß es so kam, nicht Gottes Wille. O, wäre ich um dich gewesen, mein geliebtes Kind, nie wärst du mir gestorben!" Und sie erging sich in furchtbaren Selbstanklagen und Vorwürfen gegen alle, die in jener unseligen Zeit Alfred zur Seite gestanden. „Alle hatten falsch gehandelt, mich mußten sie benachrichtigen", schloß sie erregt. „Nur eine Mutter weiß, was ihrem Kind dienlich ist. Mit mir hätte sich Alfred ausgesprochen, mir hätte er geglaubt, meinen Worten, meinen Tränen. Dann hätten die Bosheiten Herz's keine Macht über ihn gehabt. Sage deinem Großvater", fuhr sie Lottchen an, „daß er niemals vor meine Augen komme, ich würde ihn erwürgen." Als hätten Posthumas Worte die dämonische Macht besessen, den alten Unruhstifter herbeizurufen, kam Philippine und winkte die Doktorin und Lottchen verstohlen ins Nebenzimmer, um ihnen dort mit ihrer leisesten Stimme zuzuraunen, daß der alte Herr Herz im Vorsaal sei und darauf bestehe, seine Enkelin heimzuholen. Die Doktorin blickte Lottchen ratlos an; sie wußte nur zu gut, daß Posthuma jetzt das Mädchen weder entbehren konnte, noch wollte. Es war ihr ein Bedürfnis, den ganzen Tag mit Lottchen, an der sie eine stets bereite Zuhörerin hatte, von Alfred zu sprechen, nur durfte sie niemals wagen, von ihrer eigenen Liebe zu denl Dahingeschiedenen zu reden; das vertrug die über den Tod hinaus eifersüchtige Mutter nicht. Aber Lottchen machte garnicht den Versuch, ihrem persönlichen Schmerz um den Geliebten einen besonderen Ausdruck zu geben; still und geduldig ertrug sie ihr Weh, bediente Posthuma wie eine Tochter und empfand es als einzigen Trost, die Stimme von Alfreds Mutter zu hören und ihr Antlitz zu sehen, dessen Züge ihrem verblichenen Idol so sehr glichen. Ein Schauer durchfuhr ihre zarte abgemagerte Gestalt, als sie die Worte Philippines hörte und Frau Röschen seufzend hinzusetzte: „Es Hilst nun nichts, Lottchen. du wirst sogleich mit ihm gehen müssen." „Nein, ich muß nicht", erwiderte Lotte finster. „Bitte, Tante Doktorin, bleibe vorn, damit kein Laut hinüberdringe, was ich und er zu einander zu sagen haben!" Sie brachte es nicht über sich, von Herz als ihrem Großvater zu reden. Es war, als hätte Alfreds Tod alle verwandtschaftlichen Bande zwischen ihr und jenem Mann gelöst. Herz wartete im Entree, Philippine hatte ihn sehr unwirsch bedeutet, daß sein Näherkommen nicht gewünscht werde. Ueber diesen schlechten Empfang war der eitle Mensch natürlich sehr aufgebracht; er begann laut zu schimpfen, daß man ihn wie einen lästigen Bettler stehen lasse. Da erschien in der leise sich öffnenden Tür seine Enkelin und winkte ihm gebieterisch Ruhe. „Gehe nur allein nach Haus", sprach sie kalt, „ich werde dich nicht begleiten." Er sah sie ungläubig an, als er aber ihren finsteren Blick mit unversteckter Feindseligkeit auf sich gerichtet sah, merkte er, daß sie im Ernst sich von ihm trennen wolle, da begann er zu weinen. „Das also ist der Dank für alles Gute, das ich dir getan", jammerte er, „daß du mich alten Mann allein in der Welt lassen willst; habe ich es um dich verdient? Ich, der dich kleine Waise gewartet und gepflegt hatte?" „Du hast recht", antwortete Lottchen, „ich handle sehr undankbar gegen dich. Du bist in demer Weise gut gegen mich gewesen, aber ich habe dich nie geliebt, wie deine einzige Blutsverwandte es müßte; mein Herz war immer bei den Stahls, die du verlästert und geschmäht hast. Und nun seit dieses große Unglück geschehen, da fühle ich erst recht, wie sehr ich zu der Frau gehöre, die deine Schwatzsucht um ihren Sohn gebracht hat." „Oho!" schrie Herz, „also ich trage Schuld daran, daß der junge Herr Händel gesucht, daß er raufen und sich schießen ging, dieser leichtsinnige." „Sprich du mir kein Wort mehr von Alfred, ich rate es dir." Sie war kreideweiß vor Zorn; Herz trat erschrocken einen Schritt zurück und murmelte: „Was habe ich mit dieser Sache zu tun? Ich kann aussagen vor Gott — seinen Tod habe ich nicht gewollt." „Das ist nun zu spät", fuhr Lottchen mit klangloser Stimme fort. „Ich kann nicht bei dir sein, der Tote wird immer zwischen uns stehen." „Was die Erde deckt, soll vergessen sein. Deine Mutter war mein einziges Kind, und ich mußte ohne sie weiter leben." Er schluchzte laut und suchte nach Lottens Hand, die sie ihm mitleidlos entzog. „Also wenn du vergessen kannst, wirst du auch lernen, mich zu verschmerzen. Ich aber, ich muß nun jede Stunde meines Lebens um Alfred trauern, und für dich lebt kein Gefühl mehr in meiner Seele." „Du abscheuliches, herzloses Kind!" zeterte Herz. „Weißt du auch, daß ich Mittel finden werde, dich zu zwingen, zu mir zurückzukehren?" „Ich bin mündig", sprach Lotte kalt, „du wirst dich bequemen müssen, dein Leben ferner ohne mich einzurichten. In meinem Bett findest du mein erspartes Geld; nimm es an dich, auch alle meine Sachen behalte oder verschenke, wie du magst! Ich werde von nun an kein anderes Kleid als dieses schwarze hier tragen, meinen Unterhalt wird Tante Posthuma bestreiten; schon heute Nacht ziehe ich mit ihr nach Freystadt." „Nach Freystadt!" rief Herz entsetzt. „In diesem elenden Loch willst du dich vergraben, wo du hier in der Residenz

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.