Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 38 (16.9.1904)
- Date
- 1904-09-16
- Page
- Seite 539 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605972-9659952--9019-9606277- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 38 Israelitische Wochcii>chr»ft. Seite 539. wie eine Baronin leben könntest? Komme doch zur Besinnung, mein Lotting, mein alles! Ich werde für dich arbeiten, alles sollst du dir anschaffen dürfen, was dein Herz begehrt. Ich habe sichere Aussichten auf glänzende Geschäfte, ich werde dir ein seidenes Kleid kaufen, du sollst nichts anrühren mehr, weder in der Küche noch in den Stuben, keine Arbeit, nur Spazierengehen. . Er zitterte vor Erregung während er sprach: er wollte, er mußte sie ja rühren. „Lotting, mein einzig geliebtes Kind, so höre doch deinen alten Großpapa! Willst du durchaus, daß ein alter Mann, der nichts besitzt, als dich, einsam und verlassen sterben soll?" „Lotte! wo bleibst du?" Die Stimme Posthumas klang heraus, scharf und gebieterisch. „Ich muß zu ihr", hauchte Lottchen, „leb wohl!" Und sie war verschwunden, kaum mit ihren Fingerspitzen die Hände berührend, die sich sehnsüchtig nach ihr ausstreckten. Herz blickte verzweifelnd auf die Stelle, wo eben noch ihre kleine, zarte Gestalt gestanden; echte schwere Tropfen fielen aus seinen Augen. Wenn Posthuma eine Vergeltung vom Schicksal begehrt hätte, hier würde sie ihren Rachedurst an ihres alten Feindes Schmerz haben stillen können. Bitter ist es, ein geliebtes Wesen durch den Tod zu missen, aber gleich schwer wiegt das Leid des Unglücklichen, der sein Kind durch das Leben verliert. Posthuma war zu tief verstrickt in ihr Weh, um von den Dingen, die in der Welt vorgingen, das Geringste merken zu wollen. Sie nahm es als selbstverständlich hin, daß Lotte ihr ganzes Dasein jetzt ihr widmete, und kümmerte sich durchaus nicht darum, ob sie andere Verpflichtungen um ihretwillen versäumte oder nicht. Posthuma war eben hart und selbstsüchtig geworden durch den Schmerz; sie behandelte die Kleine, die mit abgöttischer Zärtlichkeit an ihr hing, oft launenhaft; sie sprach tagelang weder zu ihr noch zu sonst einem Menschen. Wenn aber Posthuma dann wirklich einmal ihr düsteres Schweigen brach, dann durfte Lottchen nur ein Thema anschlagen, das freilich auch ihr selbst allermeisten am Herzen lag — die Schilderung der letzten Stunden vor Alfreds Tod. Und die unglückliche Mutter verlangte es immer wieder und wieder zu hören, wie ihr Einziger in weniger als einer Minute verschieden sei, noch mit einem Lächeln auf den Lippen, schön und unentstellt, ein Liebling der Gottheit, die ihm Todeskampf und Todesqual erspart. Es war, als ob der grausame Schmerz um ihr Kind, der in Posthuma wütete, mit der 'Zahl der Tage zunehme, die sie vom Ableben ihres Sohnes trennten. Stundenlang mußte Lottchen ihr alle zärtlichen Worte wiederholen, die sie aus Alfreds Mund über seine Mutter gehört, stundenlang konnte Posthuma kleine Andenken an ihren Sohn betrachten — die Handschuhe, die er auf seinem Todesgang getragen, die Briefmappe, auf der er in der letzten Nacht seines Lebens geschrieben, und tausend andere Kleinigkeiten, die noch den Stempel des allerjüngsten Gebrauchs an sich trugen, flüchtige, nichtige Dinge, deren Anblick in schwarzen Stunden Posthuma zur Raserei brachte, daß dieser leblose Tand das Leben ihres vergöttlichen Kindes überdauern konnte. Die Freystädterinnen kamen Posthuma besuchen, die einen voll Neugier, die einst gefeierte, reiche Frau in ihrem Unglück zu sehen — denn es leben überall niedrige Geschöpfe, denen das Weh des Nebenmenschen willkommenen Unterhaltungsstoff bietet — andere wiederum aufrichtig gewillt, Frau Postel, die sie noch aus ihren Kindertagen her kannten, durch Trost und gute Worte aufzurichten. Posthuma empfing Niemanden, sie ließ sich vor Gerechten und Ungerechten standhaft verleugnen, und der Strom der Besucher samt Beileidsbezeugungen und guten Ratschlägen ergoß sich auf Lottchen, der bald der Kopf wirbelte von all den Fragen und Erzählungen ähnlicher Unglücksfälle, die man ihr zur Erbauung und zur Bekämpfung des Schmerzes zu hören gab. Einmal wagte es eine besonders resolute Alte, bei Posthuma einzudringen und ihr, das Leid des eigenen Lebens als Beispiel schildernd, yute Lehre zu erteilen. „Und so sehen Sie, Madame Stahl", schloß sie ihren gutgemeinten Sermon, „sechs lebendige Kinder habe ich verloren, und ich lebe noch, und Gott hat mir geholfen. Warum? Weil ich eine aufrichtig fromme Frau bin, hat er mich wieder aufgerichtet, und Sie sehen, Madame Stahl, Unglück ist nicht für Sie allein auf die Welt gekommen. Ueberhaupt, das müssen Sie nicht machen, Madame Stahl, daß Sie noch alles sich vor Augen behalten von dem Herrn Sohn selig, da wäre besser. Sie geben es an arme Leut das Zeug, dann täten Sie eine Guttat, und Ihnen möcht doch leichter werden. Und wenn Sie so dableiben in Ihrem Gram, dann richten Sie sich zu Grunde. So eine Trauer ist schon eine Neweire vor Gott; was der Herr schickt, da hinein muß man sich fügen". Posthuma hatte mit unheimlich funkelnden Augen auf die alte Frau geblickt und sie, was Lottchen ganz erstaunlich fand, ruhig ausreden lassen; es war wohl das hohe Alter und die gutmütig polternde Art der Frau, die ihr für eine kurze Weile die Geduld aufzwangen, die ungebetene Trostspenderin anzuhören, aber nun war es auch mit Posthumas Fassung wieder zu Ende. „Wer sagt Ihnen, daß ich mich nicht zu Grunde richten will?" fragte sie mit so höhnisch bitterem Ton, daß die Alte erstaunt und entrüstet die Hände über dem Kopf zusammenschlug. „Ist es nicht besser, im Staub zu liegen und nichts zu sein, als zu leben und die Sonne zu sehen, die über das Grab des geliebten Kindes scheint?! Sie haben sechs Kinder verloren, Frau Streit, Hütten Sie einen Sohn wie meinen herrlichen Alfred dabei?" „Jedem ist das Seine lieb", gab die alte Streit pikiert (Fortsetzung folgt.) Brief- und Lragekasten. Ungenannte Redaktion: Ich kenne Ihre Zeitschrift nicht und habe sie nie gesehen. Es ist möglich, daß sie das Lob verdient, das Sie ihr spenden; ich weiß es aber nicht und fühle keine Veranlassung, die unverantwortliche Anerkennung unter meiner Verantwortung weiterzugeben. Mk. I.—, 1.20, 1.40, 1.50, 1,60, 1.70, 1.80, 1.90, 2.— pro V» Ko. Käuflich in fast allen Geschäften der Konsumbranche und den eigenen Filialen der Firma A. Zuntz sei. Wwe. Probe-Ausschank: Leipzigerstr. 83 und Spittelmarkt 8-10. Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. A. Klausner, für den Inseratenteil: Arthur Scholem in Berlin.