Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 38 (16.9.1904)
- Date
- 1904-09-16
- Page
- Seite 534 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 534. Israelitische Wochschrat. 9tr 38 arbeitet und für ein „späteres Fabrikat" erklärt worden. Sie gehöre einer späteren Zeit an als dein Herrscher (Thutmosis IV), aus den sich die Erzählung bezieht; der Gelehrte vermutet, daß sie jedenfalls nicht jünger sei als die saitische Zeit, vielleicht „aber auch wohl in die 21. oder 22. Dynastie gehöre." Dieser Auffassung tritt jetzt der Straßburger Aegyptologe Prof. Wilhelm Spiegelberg in der „Orientalistischen Literatur-Zeitung" entgegen. Er sucht den Nachweis zu führen, daß die Sphinxstele in Wirklichkeit aus der Zeit Thutmosis IV. stamme, dessen Namen sie trügt. Sie sei lediglich wie so viele offizielle Inschriften unter Echnaton beschädigt und später — vermutlich unter Sethos I. — von einem technisch geschulten, aber literarisch ungebildeten Steinmetz erneuert worden. Vielleicht hat Prof. Erman recht, vielleicht Prof. Spiegelberg; die Stele kann älteren, sie kann jüngeren Datums sein. Ihr umstrittener Charakter aber ist unter keinen Umständen ein Hindernis dafür, daß sie die unerschütterliche Basis für eine in ihren Ergebnissen ebenso unerschütterliche Bibelkritik abgiebt. Die Politik, (Freiherr v. Mirbach.) Der Oberhofmarschall der Kaiserin, Freiherr v. Mirbach, ist auf seinen wiederholten Antrag von den Aemtern als Kabinetschef und Chef der Schatullenverwaltung der Kaiserin entbunden worden und hat zugleich den Vorsitz in den Kirchenbauvereinen niedergelegt. Freiherr v. Mirbach ist vorher Monate hindurch der Gegenstand heftiger und vielseitiger Angriffe gewesen. Unter seinen Angreifern stand der protestantisch-orthodoxe und strengkonservative „Reichsbote" nicht in letzter Reihe. Jetzt schreibt eben dieser „Reichsbote" über die Verabschiedung des Freiherrn v. Mirbach was folgt: „Wenn inan die Wichtigkeit dieser (Kirchenbau-) Vereine und die große segensreiche Wirksamkeit des Herrn v. Mirbach in denselben erwägt, und u>emt man bedenkt, wie gerade auch ferne bisher vom Kaiser und der Kaiserin gebilligte und gewünschte Tätigkeit die Liebe und das Vertrauen zur Kaiserin und zum Kaiserhause überhaupt hx der: besten Volkskreisen vermehrt hat, so wird die Nachricht, daß Herr v. Mirbach von dieser Vereinstätigkeit zurücktreten soll, in weiten bestgesinnten loyalsten Kreisen sehr schmerzlich berühren und man wird sich fragen: War das nötig, hätte es nicht genügt, wenn man Herrn v. Mirbach befohlen hätte, die Schatullengelder der Kaiserin bei der Reichsbank oder der Seehandlung anzulegen und sich der Verbindung mit Hypothekenbanken zu enthalten, um nicht wieder in solche Versuchungen zu geraten, aus denen er zwar intakt hervorgegangen ist, die aber für einen so hochgestellten Hofbeamten immerhin unangenehm sind, zumal wenn sie in eine übelwollende öffentliche Beleuchtung gestellt werden, und die deshalb vermieden werden müssen? Hätte das nicht genügt einem Manne gegenüber, der sich neben einigen Verfehlungen, aus denen er intakt hervorgegangen ist, so große Verdienste um das Land und das Kaiserhaus erworben hat, wie kaum ein anderer Beamter, was ihm von allen denen bezeugt wird, die mit ihm gearbeitet haben! Die jetzt herbeigeführte völlige Kaltstellung dieses Mannes für die von ihm begründete Liebestätigkeit, die ein so schönes Licht auch auf das Kaiserhaus warf, muß von den Generalsuperintendenten, kirchlichen Korporationen und Männern, wie den Grafen Zieten-Schwerin, v. d. Golz u. a., die mit ihm gearbeitet haben und für ihn eingetreten sind und sich deshalb von diesem Rücktritt ebenfalls persönlich getroffen fühlen müssen, bedauert werden, und zwar umso mehr, als die demokratische und judenliberale Presse ihn mit schadenfroher Genugtuung begrüßt. Man hat in evangelischen Kreisen in der letzten Zeit schon so viel Demütigungen erlebt — wir erinnern nur an die Nichtachtung der Eingaben des Kirchenausschusses in Sachen des Jesuitengesetzes — daß man sich nicht wundern darf, wenn selbst Männer wie der Generalsuperintendent Dryander in seiner Predigt in Speyer darüber Ausdruck gab." Es ist erfreulich, daß der „Reichsbote" sich von der Ungerechtigkeit seiner vorigen Angriffe auf Freiherrn v. Mirbach überzeugt hat. Weniger erfreulich, wenngleich nicht gerade erstaunlich, ist es, daß er seinen Gesinnungswechsel zum Befferen nicht durch ein Bekenntnis seines Irrtums, sondern durch eine Verhehlung seiner vorigen, nunmehr abgelegten Gesinnung einleitet und kundgiebt. Was aber haben die Angriffe auf Freiherrn v. Mirbach mit „Judenliberalismus" und „Juden" zu tun? Unseres Wissens haben die Juden in keinem Sinn Anlaß gehabt, sich an dem publizistischen Kesseltreiben gegen den — unseres Erachtens: zu Unrecht — vielgeschmähten Mann zu beteiligen, und haben sie sich auch nicht daran beteiligt. Der „Reichsbote" geht mit der Annahme kaum fehl, daß die Abneigung, deren Gegenstand Freiherr v. Mirbach gewesen, nicht unwesentlich auf die Abneigung gegen seine Kirchenbautätigkeit zurückzuführen ist. Auf jüdischer Seite aber konnte solche Abneigung gar nicht bestehen, die ganz gewiß nicht einseitig konfessionell ist und sich gegen Synagogenbauten genau so richtet wie gegen Kirchenbauten. Weit eher trifft der „Reichsbote" das Richtige, wenn er den politischen Ratgebern des Kaisers eine Mitwirkung an der Entscheidung zuschreibr, die jetzt gefallen ist. Unter diesen Ratgebern aber wird man Juden und Liberale vergeblich suchen. * * * (Ungehörigkeiten.) Eine Münchener Zuschrift an die „Frankfurter Zeitung" beklagte jüngst die grobe Ungehörigkeit der Provisionen, zu denen sich Lieferanten gegenüber dem Personal ihrer Abnehmer zuweilen gezwungen sehen, und verlangte strenge gesetzliche Maßnahmen, wie sie anderwärts bereits in Uebung oder Vorbereitung sind. Die „Kreuzzeitung" nimmt hiervon Notiz und knüpft folgende Bemerkung daran: „Die ganze Misere der „Schmiergelder" und Provisionen, oder die Geschenke an die Frauen oder andere Familienmitglieder der einflußreichen Angestellten, gehört in das Kapitel der jüdischen Geschäftspraxis Wo in unserem Geschäftsleben Korruption eingeriffen ist, kann sie fast unfehlbar auf das Walten jüdischer Elemente zurückgeführt werden. Wir wollen damit keineswegs leugnen, daß auch christliche Geschäfte und christliche Agenten sich solcher Praktiken bedienen; aber in den meisten Fällen haben sie sich zu ihnen nur entschlossen, um der Konkurrenz die Spitze zu bieten." Das ist eine alberne und gewissenlose Pauschalverleumdung. Durch nichts ist erwiesen oder auch nur wahrscheinlich gemacht, daß der Berufsfehler des unlauteren Geschenkgebens bei dem jüdischen Kaufmann häufiger als bei dem nichtjüdischen vorkomme. Die „Kreuzzeitung" stellt die verleumderische Behauptung lediglich aus ihrer Gesinnung heraus auf. In diesem Fall ist ihr übrigens die „Frankfurter Zeitung" ausnahmsweise kein „Judenblatt". Daß der arisch-germanische Kaufmann seine „Praktiken" nicht beim jüdischen Kaufmann gelernt hat, zeigt das Mittelalter, in dem der arisch-germanische Kaufmann ohne jüdische Konkurrenz war und doch die drakonischsten Gesetze gegen Unlauterkeit jeder Art hervorrief. * * 4