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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-09-16 · 38 (16.9.1904) · p. Seite 529

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
38 (16.9.1904)
Date
1904-09-16
Page
Seite 529 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 38. Israelitische Wochenschrift. Seite 629 den Bekennern Adonajs zur Zeit der Leiden noch zurufen: „Komm mein Volk, geh in dein Haus und schließe die Tür hinter dir, birg dich eine Weile, bis der Sturm vorübergebraust ist". Aber heute? aber heute? Erlasset mir, erlasset euch die Antwort. Ll^er wenn ihr heute betet: „Führe uns zurück. Ewiger, und erneure unsre Tage wie ehedem", o so vernehmet darin die Mahnung, heimzukehren und euren Häusern wieder die alte Weihe jüdischer Frömmigkeit zu verleihen. * * 4- „Wer einen Weinberg gepflanzt und ihn nicht ausgelöst, der gehe und kehre heim". So einst der Priester, so jetzt der Jomkippur. Dir hat Gott eine Pflanzstätte gegeben, die dich nähret, ja, die dir Wohlstand und Reichtum gewährt. Hast du sie gelöst, hast du die Abgaben gegeben, die nach Gottes Satzungen von deiner Habe dem Armen gebühren? Die Alten nannten die Wohltätigkeit das Salz des Geldes, und sie sagen in einer gedankenvollen Gleichnisrede: Bei einem Schiffbruch wollten zwei durch Schwimmen ihr Leben retten, der eine nahm seine Schätze mit, die zogen ihn in die Tiefe, der andre wollte blos das nackte Leben bergen und erreichte glücklich das Ufer. Auch bei der Ueberfahrt ins Jenseits ist erspartes Geld oft hinderlich. Darum denket der Bedürftigen und seid ihnen freundliche Helfer. 4- * 4- Und weiter ertönte die Priesterrede. „Wer ein Weib sich angetraut und nicht heimgeführt hat, kehre um." Die gleiche Mahnung gilt auch uns, da wo wohl äußerlich das Eheband besteht, aber es fehlt die rechte Innigkeit. Wo das Haus nicht ein lieberfülltes Heim geworden ist, da besinnet euch und geht in euch. Hier liegt die Schuld am Gatten, der eigenwillig und eigensüchtig des Weibes zarte Seele und tieferes Gemüt verkennt und mißachtet, dort ist es der Leichtsinn oder die Vergnügungssucht des Weibes, die dem Haus Gedeihen und Frieden raubt. Gar mancher Gatte seufzt und ächzt unter den rücksichtslosen Ansprüchen seines genußsüchtigen Weibes. Putzsucht und Frauenluxus hat schon manches Haus in Trümmern gestürzt. Man erzählt ein Gleichnis: „Die Sünde und die Sorge treffen sich; da sagt die Sünde: „Mir geht's gut, ich gehe jetzt in Sammt und Seide". Sprach die Sorge: „Auch ich habe nicht zu klagen. Ich wohne jetzt in Prunksälen, throne auf Polsterdivanen und labe mich an den erlesensten Speisen". Hinter Flitter und Pracht starrt uns oft die Sorge an, und der äußere Aufwand steht auf tönernen Füßen. Dem gegenüber verdient der Bußruf des Versöhnungstages ernste Beherzigung, sei Umkehr und Einkehr die Parole zum Heile unserer Häuser. „Wer da scheu und furchtsam ist, kehre heim". So klang des Priesters Rede aus. Es hallt die Forderung wieder in dieser Stunde. Scheu und furchtsam wird heute gar mancher vor dem Weltenrichter stehen, mit gesenktem Blick, mit niedergeschlagenen Augen, ob des Unrechts, das er gegen seinen Bruder begangen, ob der Kränkung, die er seinem Nächsten zugefügt, ob der Verläumdung, mit der er seines Nebenmeuschen Ehre angetastet, ob der Untreue, durch die er sich verschuldet. Er gehe heim, mache gut, was er begangen, bitte seinen Bruder um Verzeihung, dann wird er Versöhnung finden „Denn die Sünden zwischen Mensch und Mensch sühnt der Jomkippur nur, wenn zuvor das Unrecht durch eine Tat der Liebe beseitigt ist". 4- * * So spricht der Jomkippur zu uns in herzlicher Mahnrede, um uns zu rüsten zum Entscheidungskampf, auf daß wir morgen Abend sieggekrönt heimkehren können mit der Palme des Friedens. Die beste Wehr und Waffe aber in dem Kampf, der uns noch bevorsteht, ist das Gebet. Darum beten wir: Vater, deine Kinder rufen, höre du; Leid tragen sie, gewähre du Linderung! Da ist keiner unter uns, der nicht blutete an irgend einer Wunde, den nicht irgendwie ein Gram drückte. Hier gelten die Tränen einem frischen Grab, das das Teuerste verschlungen, dort will schweres Siechtum unsres Liebsten Lebenslicht bedrohn. Hier ist's die Sorge um den Unterhalt der Lieben, dort ist's der Schmerz über Sünde und Verfehlung, nur du kannst helfen, nur du kannst heilen. Zu dir flehen wir: Hilf deinem Volk, segne dein Erbe, trage uns, weide uns in Ewigkeit. Amen. * (Zur Seelenseier am Jomkippur.) Preise, meine Seele, den Herrn und vergiß nicht, wie er dir wohlgetan; er heilt deine Wunde, er verzeiht deine Sünden, cx erlöst vom Verderben deine Seele und krönt dich mit Heil und Erbarmen. So preise meine Seele den Herrn und all mein Jnnres seinen heiligen Namen. Amen. Meine Geliebten! Ein mächtiger König sandte einst seinen Sohn zu einem fernen Volk, auf daß er dort lernend und schauend für seinen späteren Herrscherberuf sich vorbereite. Als Mahner und Berater gesellte er ihm einen seiner treuesten Diener zu, der in aufrichtiger Liebe und Treue dem Königssohn ergeben war. Doch nur kurze Zeit fügte sich der Prinz dem freundlichen Warner. Bald gewann ein tückischer heuchlerischer Verführer Gewalt über sein lenkbares Herz, er verachtete die Mahnungen seines treuen Lehrers und folgte dem falschen Freunde zu Lüsten und Lastern. Jetzt suchte er nicht mehr seine Kenntnisse zu mehren und seine Erfahrungen zu bereichern, der Zweck seines Aufenthalts im fremden Lande war ihm längst aus dem Bewußtsein geschwunden, jetzt kannte er nur ein Ziel; in den Strudel der Vergnügungen sich zu stürzen und die wilden Freuden eines im Sinnentaumel versenkten Lebens zu genießen. Alljährlich aber, am Gedenktage seiner Sendung, wußte sich der treue Warner Gehör zu verschaffen und mahnte den Königssproß, den Weg der Sünde zu verlassen und seiner Pflicht zu gedenken. Doch bald sank der schwache Prinz wieder in Sünde und verfiel von neuem der Verführung. Da erging plötzlich vom König der Befehl zur Heimkehr an seinen Sohn. Vor den Thron geführt, sollte er über seine im fremden Land erworbenen Kenntnisse sich ausweisen. Allein der König sah sogleich, daß sein Sohn die Zeit in der Ferne zu Tand und Eitlem vergeudet hatte, und beschämt mußte der Leichtsinnige sein Unrecht eingestehn. Daß dieses Gleichnis uns gilt, hat wohl ein jeder gefühlt. Der König ist unser Gott, und der Mensch ist sein Sohn, und der treue Freund der Trieb zum Guten, der Verführer die Sucht zum Bösen, der Himmel unsre Heimat, und die Erde das Land, dahin wir zur Pflichterfüllung, nicht zum Sinnengenuß gesandt sind. Wir aber lassen uns von den lockenden Stimmen der Verführung betören und geben uns gedankenlos dem Genuß hin. Freilich am Versöhnungstage, wo der laute Lärm des Lebens schweigt, da verschafft sich der Mahner in der Brust Gehör; aber bald entziehen wir uns seinem Einfluß und befreunden uns von neuem mit der Sünde. Doch es kommt der Tag, hier früher dort später, da du heimgerufen wirst und Rechenschaft ablegen sollst vor dem himmlischen Weltenrichter über die weise Verwendung deines Erdenlebens. So war denn die Erzählung eine ganze Predigt. Vielleicht wirksamer als sonst Mahnreden von dieser Stätte. Sie hat in uns allen ernste Sammlung und weihevolle Stimmung hervorgerufen und die Sehnsucht nach sinnender Betrachtung. Darum

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