Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 38 (16.9.1904)
- Date
- 1904-09-16
- Page
- Seite 528 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 528 3$rncii;i|d)c Wochenschrift. 9lr. 38, um das jüdische Volk sittlich zu kräftigen und alle jene Gefühle des menschlichen Herzens anzuregen, die mit der Macht von Naturgewalten zum sittlichen Handeln drängen und treiben. Unter den Festen^ragt nun besonders der Versöhnungstag hervor, der einen mächtigen Zauber auf jedes Israeliten Herz übt. Der Versöhnungstag, der alles Nationale abstreift und nur das rein sittliche Moment hervorhebt, hat durch seine strenge Feier und die unnennbar tiefe heilige Scheu, die ihn umgibt, mehr als alle schönen Worte über Feindesliebe und ähnliches die Herzen versöhnlich gestimmt. Und es ist wahrhaft rühmenswert und ein Zeugnis echten sittlichen Kerns, daß unter den feindseligsten Verfolgungen und Bedrückungen, die über anderthalb Jahrtausende auf dem Nacken des Judentums lasteten, dennoch kein feindseliger Geist im jüdischen Stamm erzeugt wurde. So war das Judentum trotz seiner Zerstreuung ein Ganzes, eine Einheit, und blieb es auch in unseren Tagen. Wenn der Hilferuf ertönt von weiter Ferne her, da verklingt er nicht in den entlegenen Ländern, da beeilte sich ein jeglicher — und war er noch so entfernt — die Bruderhand entgegenzureichen, das warme Herz war auf dem weiten Wege nicht erkaltet und nicht erstorben. Wir sind, wir gehören zusammen. Und nicht bloß auf Israels Kreis beschränkt sich das „jüdische Herz", es ist ein unerschöpfliches, es erstreckt sich, so weit die Kräfte reichen, über die ganze Menschheit; wo eine Not hervortritt, da sind zuerst die Hände Israels geöffnet, wo ein Jammerschrei ertönt, da ist zuerst das teilnehmende Wort aus Israels Mitte, das besänftigt und beruhigt. „Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, betet für die, die euch kränken und beleidigen", das sind allerdings Lehren, die viele in den alten Urkunden des Judentums vermissen. Aber, je älter das Judentum, je mehr ist seine Lehrform eine natürliche, praktische, geschichtliche. Es lehrt nicht, wie viele jüngere Zeitalter lehrten — es predigt, wie die Sterne die Majestät des Herrn predigen. Das innere Geistes- und Gemütsleben des jüdischen Volks, aufblühend und hervorbrechend in den edelsten Taten seiner großen Männer, lehrt Feindesliebe und Versöhnung. Zum Umöbnungstag. Von Rabbiner Dr. Beermlttttl-Jnsterburg. (Zu Kol Nidre.) Aus der Tiefe ruf ich jetzt zu dir. Ewiger.. Es seien deine Ohren meinem Flehn geneigt! Wenn du Sünden wahren wolltest, Herr, ach, wer könnte dann bestehn! Doch bei dir ist Verzeihung und reichlich bei dir Erlösung. Du wirst Israel befreien von allen seinen Sünden. Amen. Bußfertige Gemeinde! So ist er denn wieder erschienen, der große hochheilige Tag, er umfängt uns wieder mit seinem himmlischen Gruß, umweht uns wieder mit seinem überirdischen Lufthauch, legt wieder um unsre Seele das weiße Priestergewand der Vergebung. Der Abend ist hereingebrochen mit geheimnisvollem Dämmerschein, strahlende Sterne funkeln vom Firmament hernieder, verheißungsvoll wie tausend Augen der göttlichen Vaterliebe, die ganze Natur atmet Stille und Frieden.. .. Da zieht ein Wanderer über die Flur, gramgebeugt die Gestalt, schmerzdurchfurcht das Antlitz; es ist als ob der Friede in Wald und Flur kein Balsam sei für sein wundes, zerrissenes, zerwühltes Herz. Aus den Armen mütterlicher Fürsorge hatte er sich losgerissen, der Guten Hoffnungen getäuscht, ihre Erwartungen betrogen, und nun brennen ihm die Tränen, die ihre Muttertreue im Stillen weint, in heißen Gluten auf die sündige Seele. Du kennst den Wandrer, du begreifst sein Leid, denn dein eigen Bild habe ich dir vorgehalten. Die Mutterliebe, von der ich sprach, sie ist nur ein Gleichnis der göttlichen Huld, die dich umschwebte vom ersten Augenblick des Seins, die durch den Blumengarten der Kindheit dich geführt, dir Lehren der Weisheit in die Seele gesenkt hat. Da zogest du hinaus ins Leben, vergaßest der göttlichen Mahnungen und sankest in Sünde und Sorge. Doch nun hat das Heimweh dich mächtig ergriffen, dich, uns alle, wir ersehnen uns den Frieden in Gott nach den Wirren der Welt, nach den Kämpfen des Lebens. Doch ehe wir des Friedens Segnungen davontragen dürfen, gilt es noch eine Entscheidungsschlacht im eigenen Innern In unserm Herzen müssen wir das Böse überwältigen und dem Guten Sieg und Triumpf verleihen. Und wie einst der Priester den Schlachtreihen Israels mit ergreifender Mahnrede nahte, so vernehmen auch wir aus dem Mund des göttlichen Sendboten des Jomkippur zu Herzen gehende Worte, denen wir in Andacht lauschen wollen. * * * „Höre Israel, in den Entscheidungskampf zu ziehet!, seid ihr bereit." So redete der Priester die israelitischen Kämpfer der Vorzeit an, so spricht der Tag des Herrn zu uns. Eine schwere Entscheidungsschlacht steht euch bevor. Der Kampfplatz ist euer eigenes Herz, die Wahlstatt euer eignes Innere. Da stehen sie einander gewappnet gegenüber, der Jezer hatob, die Sehnsucht nach dem Guten, und fc>er Jezer hara, die Sucht nach dem Bösen, das Sittliche und das Sinnliche, das Streben zur Höhe und der Hang nach dem Gemeinen; hilf du dem Guten zu Siege. „Israel" heißest du: Kämpfer für Gott, so laß das Göttliche in dir triumphieren. So seelenkundig sprechen die Alten. Wenn der Mensch sich von Sündenlust bedroht fühlt, denke er an das Bekenntnis Schma Israel, an die Worte, die er einst in sonnigen Kindheitstagen, aus dem liebeerfüllten Mund der treuen Mutter vernommen, da sie zum erstenmal die Hände ihm zum Gebet zusammengelegt, denke er an das Einheitsbekenntnis, das der letzte Seufzer gewesen ist seines sterbenden Vaters; und wie einst dem Josef seines Vaters Antlitz vor die Seele trat und ihn von der Sünde zurückhielt, so wird auch uns die Erinnerung an die geliebten Eltern, die nicht nur mit den Lippen, sondern in ihrem ganzen Leben den Ewigen bekannten, uns ermutigen, das Schlechte in uns zu tilgen und dem Guten zum Durchbruch zu verhelfen. * * * Und weiter sprach der Priester: „Wer ein neues Haus sich baute und gab ihm nicht die Weihe, der gehe und kehre heim zu seinem Haus". Ganz so vernehmen wirs in dieser Stunde. Prächtige Wohnungen sind euch eigen, weit und geräumig dehnt sich das Haus, alles ist neu, dem Zeitgeist entsprechend, den Anforderungen der Mode gemäß, alles atmet Behaglichkeit, bekundet den Wohlstand; und doch „wie ein Schaden scheint mir's am Hause", denn „der Ewige scheint mir fern", eines fehlet: die alte Weihe, die sonst selbst den ärmlichen Wohnstätten in Israel etwas so unsagbar Anheimelndes verliehen hatte. Einst kündete schon die Pfosteninschrift, daß frommer Sinn und gotterfüllter Geist im Haus walteten, folgten lichte Engel dem Hausherrn aus dem Tempel ins sabbatlich geschmückte Haus, lichte Engel — und wenn böse Dämonen der Sorge sich über die Schwelle des Hauses schleichen wollten, sie mußten weichen vor den Strahlen der Sabbatkerzen. Da galt noch das alte Bileamswort: Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel, da durfte man