Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-08-26 · 35 (26.8.1904) · p. Seite 495

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
35 (26.8.1904)
Date
1904-08-26
Page
Seite 495 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9605972-9659949--8985-9606243
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 35 Israelitische Wochenschrift. . Seite 495. „Ueber diese vermag vielleicht Urban eine Auskunft zu geben", und ehe ihn Alfred daran hindern konnte, öffnete der Geheimrat die Tür: „Urban, he, Urban! Ah, da sind Sie schon!" Urban, der nach Art solcher Leute natürlich gehorcht hatte, kam sogleich herbei. „Kennen Sie diesen Schmuck?" fragte Dr. Lothar und wies ihm das Kollier. „Ob ich's kenne!" erwiderte der Diener mit verstecktem Triumph. „Auf Reisen hat der Herr seelig es immer mit bei den andern Bijous verwahrt. Unzählige Male Hab ich die Schachtel in meinen Händen gehabt. Es ist ein Geschenk der alten Fürstin Leuchtenburg für die Madame, als sie noch Mademoiselle geheißen hat. Auf der Rückseite von dem Bildchen steht ja — da — der Alte buchstabierte, mit dem Finger, auf die puppenartig klein eingegrabenen Lettern zeigend: „Luison, prince83e de Leuchtembourg". Und er warf seinem jungen Herrn einen Blick zu, der Alfred nicht einen Moment darüber in Zweifel ließ, wie schwer ihn der treue Mensch verdammte. „Es ist gut, Urban", sprach der Geheimrat, „Sie können gehen". . . „Nun", fragte er, als der Diener sich wieder diskret nach außen auf seinen Lauscherposten zurückgezogen. „Auch dieser Teil deiner Anklage wäre zurückgeschlagen. Ich könnte dir zuletzt noch als Arzt deiner Eltern aus meinen Büchern mancherlei mitteilen, aber ich denke, das Gehörte genügt. Oder glaubst du mich auch von des Leuchtenburgers Schätzen erkauft?" „Onkel!" rief Alfred, sich unter Lachen und Weinen an seine Brust werfend, „verzeih mir, ich bin ein ganz schlechter Kerl!" „Schlecht nicht", murmelte der Geheimrat, den erregt Schluchzenden sanft auf einen Stuhl drückend, „aber dumm, sehr dumm! Wer seinen Feinden glaubt, ist immer ein Esel! . . . Nun, es ist ja gut; bist doch sonst ein Mann, Junge, laß das Flennen nun sein! Und sorge ja, daß deine Mutter von der ganzen Geschichte nichts erfahre! Sie liebt dich mehr als ihr Leben, aber das würde sie selbst dir schwer verzeihen!" „O Mutter! Mutter!" schluchzte Alfred. In der Freude, die Ehre der geliebten Eltern wieder rein zu wissen, ward ihm ein anderes furchtbar klar: Die Infamie Herzens hielt ihn für ewig von Lottchen getrennt. „So beruhige dich doch!" mahnte der Oheim. „Trinke einen Schluck Wein! ... Es kommt Jemand. Beherrsche dich!" „Mahlzeit! Diener, Herr Geheimrat! Alles ist erlogen! Frecher Schwindel! Der Fürst ist ein großartig vernünftiger Mensch!" Meier stürzte ein Glas Wein herunter und warf sich außer Atem auf einen Stuhl. „Sie kommen von dem Fürsten?" fragte Lothar überrascht. „Hatte soeben die Ehre! Ist ein famoser Herr!" Und mit übersprudelnden Worten berichtete er die Unterredung, die er mit dem Oberst gehabt hatte. „Jeder andere hätte mich hinausgeworfen", schloß Meier begeistert. „Du bist ein Freund", sprach Alfred bewegt, indem er ihn umarmte. Der Geheimrat stand auf. „Meier, sehen Sie zu, daß Sie das verkleidete Fräulein dort aus der Rührseligkeit hinauskriegen! Ich werde ein paar Pulver aufschreiben, und Urban wird darauf halten, daß du dich zu Bett legt." „Am hellichten Tag?" „Auf der Stelle! Adieu!" „Leb wohl, Onkel, ich danke dir schön." Der Geheimrat erwiderte herzlich den Händedruck: „Schon gut, schon gut! Sei vernünftig, Kerlchen. Adieu, meine Herren!" „Dein Onkel hat Recht", sprach Meier besorgt, „du siehst sehr übel aus, Alf. Vorwärts, Mann, leg dich zu Bett!" „Fällt mir nicht ein, mir ist jetzt wohl, wie der Forelle im Bach. Horch mal, die Falkensteine kommen! Es rasseln die Säbel, es klirret der Sporn." Flick und Flock rissen die Tür auf: „Mahlzeit! Mahlzeit!" „Mahlzeit, Jungens! Meierchen, du sitzest an der Klingel, läute doch mal, Urban soll Wein bringen!" Urban erschien und tat bald, als habe er die Worte Meiers überhört. „Der Herr Geheimrat haben befohlen, Herr Stahl möchte die Pulver nehmen und sich zur Ruh' legen", sprach er gemessen. „Du wirst gleich hinausfliegen", zürnte Alfred, „aber erst bring uns zu trinken, marsch!" Aber der Alte kam nicht wieder. Schließlich schaffte Meier, der im Haus gut Bescheid wußte, Wein und Gläser herbei. „Du bekommst keinen Tropfen", erklärte er Alfred, der die Flasche entkorkt hatte und trinken wollte, „ehe du nicht deine Pulver unten hast!" „Gib acht, wie ich sie unten haben werde", rief Alfred übermütig und warf sie zum Fenster hinaus. Meier wurde böse: „Das ist doch Kinderei!" „Ach gib dich zu gut", lachte Alfred, „ich Hab mein Lebtag kein Medikament genommen, ich tu's auch heute nicht. Wozu? Ich bin kerngesund. . . . Was wißt Ihr neues, meine Herren? Wie ist morgen der Dienst?" „Freu' dich auf Besseres", brummte Flick, „Ausmarsch dreißig Minuten nach vier Uhr nach Braunshof!" „Verdammt!" Alfred fuhr auf. „Morgen um fünf sollte mein Tanz mit Rost stattfinden." „Erst der Dienst, dann das Privatvergnügen. Rost ist in der Kaserne interniert." „Warum?" „Er hat wieder irgend was ausgefressen." „Was?" „Weiß es nicht." „Meier, warum lachst du so verschmitzt? Meier erzählte einen grundfaulen Witz und behauptete dreist, der wäre ihm eben eingefallen. Er konnte Alfred unmöglich berichten, wie sehr ihn des Obersten schnelles Handeln, das Duell zu hintertreiben, amüsierte. „Und darum lachst du?" rief Alfred empört. „Wie kann dir bei ernsten Dingen so dummes Zeug in den Sinn kommen! Wie soll ich mit Rost nun losgehen?" „Wahrscheinlich garnicht", erklärte Flick. „Man munkelt, der Oberst werde Rost verbieten, sich zu schlagen. Die Sache soll vor den Ehrenrat." „Hoho!" rief Alfred, „es ist meine Angelegenheit und nicht die des Herrn Oberst." „Fängst du nun wieder an?" schrie Meier, auf den Tisch schlagend, „ich dächte die Sache wäre erledigt!" „Aber siehst du nicht ein, daß ich mich schlagen muß?" entgegnete Alfred, „was wird Rost, was werden die andern beim Regiment sagen? Sie werden sagen: Der Jude drückt sich." „So tut es in Henkers Namen, aber es muß doch nicht morgen sein. Was nicht geht, geht eben nicht!" Es klopfte. Alfreds Bursche kam herein und brachte seinem Herrn einen Brief: „Unten steht einer und wartet auf Antwort." Alfred las schnell. „Sehr gut! Hört, was mir Rost proponiert. Es geht ihm wie mir: er wünscht die Affäre los zu sein. Er will aus der Kaserne durchbrennen und Punkt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.