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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-08-26 · 35 (26.8.1904) · p. Seite 494

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
35 (26.8.1904)
Date
1904-08-26
Page
Seite 494 (sequence 14)
Language
German
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ite 494 Israelitische Wochenschrift. Nr. 35. In dem kleinen Boudoir hielt er es nicht länger aus, es trieb ihn in den großen Salon vor das lebensgroße Gemälde seines Vaters. Alfred hätte dem Bild zuschreien mögen: „Sprich! Löse meine Zweifel!" Da öffnete sich hinter ihm eine Tür, und eine wohlbekannte Stimme rief: „Alfred! Alfred! Was treibst du, du Schlmgel?" Vor ihm stand sein Onkel Lothar und schob die Brille fest an die Augen, um ihn genauer zu beschauen. Urban war lautlos mit ins Zimmer getreten und zog die Jalousien in die Höhe: der Herr Geheimrat sollte doch Licht haben, um sich die Bescherung gründlich zu besehen. Alfred war sehr überrascht und nervös erregt. Er betrachtete es beinahe wie ein überirdisches Ereignis, wie eine Schickung von dem Unsichtbaren, daß der Bruder seines Vaters vor ihm stand. „Onkel, du?!" stammelte er verwirrt. . . . „Ja, ich, wenn du es nicht übelnimmst. Höre Junge, du gefällst mir schlecht. All dein Lebtag hattest du nicht diese Ränder um die Augen, und ein netter Puls: neununddreißig — vierzig! Wirst du dich auf der Stelle zu Bett legen, du Taugenichts! Es war die höchste Zeit, daß Urban an mich telegraphiert hat. ..." „Urban! Was unterstandest du dich!" brauste Alfred aus. „Bist du verrückt?" „Sehr gescheit hat er es angestellt", sprach der Geheimrat, wohlwollend zu Urban hinüberblickend, der beleidigt brummte: „Ja, wie lange soll ich das Unwesen mit ansehen? Nicht essen, nicht trinken, immerfort seufzen und stöhnen! Und das Angeben und Rasen — wenn das die Madame wüßte!" „Na, sie weiß es ja nicht, mein Braver, Dank Ihrer Vorsicht", sagte der Geheimrat freundlich. „Und jetzt bringen Sie mir gütigst einen Mosel; dann lassen Sie mich mit diesem ungeberdigen Krieger allein! . . . So, eher neveu", fragte fragte Lothar, sich gemütlich in einem Fauteuil streckend, „was geht mit dir vor? Hast du Schulden? Oder Unannehmlichkeiten im Dienst? Bekenne, los!" „Wenn es nur das wäre!" murmelte Alfred. „Nur das! Ich sollte meinen, das wären genug Schwulitäten für einen gewöhnlichen Sterblichen." „Es scheint, daß ich kein gewöhnlicher Sterblicher mehr bin!" „Aha, der Herr Offizier ist dir zu Kopf gestiegen", schmunzelte der Geheimrat. „Ja siehst du, und wir haben dir noch garnicht zu deiner schnellen Beförderung gratuliert!" „Es macht nichts", knirschte Alfred, „ich hätte ohnehin die größte Lust, mir die Treffen herunterzureißen." „Was?!" Dr. Lothar schob die Brille in die Höhe und starrte Alfred mit weit aufgerissenen Augen an. „Bist du wahnsinnig. Junge?" „Ja, ich bin wahnsinnig, ich fühle, daß ich es werde", schrie Alfred, und nicht länger an sich haltend, brach er in Tränen aus. Dann legte er vor dem alten Mann eine rückhaltlose Beichte ab: Alles, was ihn da peinigte und quälte von schwarzen Zweifeln und giftigem Verdacht, von der ersten unschuldigen Bemerkung Lottchens, als er dem Leuchtenburger im Park begegnete, und wie nach der freundlichen Anrede des Fürsten die gewiß harmlosen Worte Lottchens von der großen Aehnlichkeit wie Drachensaat in sein Herz gefallen seien, wie es ihn auf geheimnisvolle Art beunruhigt habe, daß er nach dem Rat seiner Mutter auf des Fürsten Pferd gewann, bis zu der brutalen Beschimpfung, die ihm Rost öffentlich ins Gesicht geschleudert, wie er noch alles für Verleumdung und Zufall hätte halten wollen, bis er in dem Doppelboden dieses Kastens die Bilder und Brillanten gefunden, die seine Mutter hier vielleicht zur heimlichen Erinnerung an ihre Liebschaft mit dem Oberst aufbewahrt! Er sei zum Sterben unglücklich, denn er müsse an seiner Mutter, einer Frau, die einen so edlen, liebenswerten Mann besessen und verraten, an dieser Frau müsse er irrre werden. Schweigend hatte ihn der Geheimrat angehört, aber finster, immer finsterer wurde sein kluges Gesicht, auf dem sich Teilnahme und Empörung stritten, bis er jetzt hart und streng seinen Neffen anfuhr: „Irre werden — an deiner Mutter! Unglücklicher, schämst du dich nicht, solche Worte zu gebrauchen?!" Alfred sah ihn erstaunt an: „Aber Onkel, hast du deinen Bruder nicht geliebt? Müßtest du nicht der Erste sein, meine Gefühle zu begreifen?" „Ich begreife nur eins", sprach der Geheimrat streng, „ich sehe, daß hier ein junger Mensch, dessen Vernunft ich für klarer und dessen Urteil ich für gesünder gehalten, sich aus fremden Lügen, eigenen Phantasien und falsch und entstellt wiedergegebenen Tatsachen ein Zerrbild geschaffen hat, das dank unaufhörlicher Betrachtung zu leben scheint, wie etwa von dem ersten besten Stümper an die Wand geklexte Karrikatur Bewegung gewinnt, sofern ein hypnotisiertes Auge die Fratze ununterbrochen fixiert. ... Ich will dirs gern glauben, daß du rasen magst; wälzt sich in mir altem Mann doch das Blut voll Empörung ob solch schändlichem Geschwätz! Wer lange lebt, muß viel Böses erleiden, aber selbst in der schwarzen Stunde, da ich die grausige Entdeckung machte, daß ich meinen einzigen Bruder werde am Leberkrebs hinsiechen sehen, habe ich nicht geringeren Schmerz gefühlt als jetzt, da ich seinen Sohn die eigene Mutter lästern hörte!" „Onkel", schrie Alfred, „gib mir Beweise, daß ich mich irre, daß Herz lügt!" „Natürlich lügt er", donnerte Dr. Lothar, „und du wärst nicht der erste Dummkopf, der einem Hallunken mehr glaubt als sechs anständigen Menschen. Ein Narr macht viele, aber hundert Weise machen nicht einen Narren klug. Beweise! Welches sollen doch deine Beweise für deine Abkunft von dem Fürsten sein? Blaue Augen — blondes Haar! Erkennungszeichen, wie aus einem verschollenen Ritterroman — alle Stahls, deine Mutter und Luise auch haben blaue Augen. Da schau her! Die meinigen sind es, nur unter der Brille erscheinen sie verblichen und matt. Und wäre dein Vater, als er heiratete, nicht bereits in den fünfzig gewesen, so hättest du seinen blonden Haarschmuck noch erlebt, leider hast du ihn nur noch in der Frisur Julius Caesars gekannt. Du siehst, auf diesen „Beweis" hin, hast du weder von Rechtsnoch von Linkswegen auf einen fürstlichen Vater zu hoffen! Der Oberst interessiert sich für dich, das ist wahr und ist natürlich; denn er und deine Mutter haben als Nachbarskinder mit einander gespielt. . . . Daß sich der zwanzigjährige Graf aus einem Ball in deine Mutter, die ein bildschönes Mädel war, sterblich verliebte, ist gleichfalls wahr, aber dein kluger Vater hat seine damalige Adoptivtochter dem sehr stürmischen Bewerber schnell nach Paris entführt. Herr Herz hat in jener Zeit schon sein Bestes getan, die ihm verhaßte Stieftochter zu verleumden; es glückte ihm, den Bräutigam für seine Lily wegzusischen, aber Emil, mein Bruder, hat den Jntriguanten gehörig gestraft, indem er sein erstes Testament, das Lily und Posthuma zu gleichen Teilen als Erbinnen behandelte, einfach annullierte, und Postel zum Weib nahm. Wunderst du dich, daß Herr Herz deine Mutter noch heute haßt? Wer anders als Herz hat ein Interesse daran, deine deine Geburt für illegitim zu erklären? Hältst du diesen Mann noch für glaubwürdig?" „Aber die Brillanten hier in diesem Versteck?" fragte Alfred eingeschüchtert.

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