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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-08-26 · 35 (26.8.1904) · p. Seite 496

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
35 (26.8.1904)
Date
1904-08-26
Page
Seite 496 (sequence 16)
Language
German
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Seite 496. Israelitische Wochenschrift. Nr. 36. vier Uhr zum Rendezvous im Augustapark zur Stelle sein. Was sagt Ihr dazu?" „Wahnsinn!" erklärte Meier kalt. „Siebenstündiger Marsch und vorher sich schießen — macht kein vernünftiger Mensch. Ich rate ab!" „Ich stimme den geehrten Vorrednern bei." „Und ich tu's doch", sagte Alfred bestimmt. „Wenigstens wird ein Ende. Sagen Sie dem unten, es ist gut, wir werden kommen! . . . Macht nicht so lange Gesichter, Kinder, seid fidel! Es wird alles gut werden Ich werde schon Glück haben. Was! Ihr wollt gehen?" Die Falkensteine brachen auf: „Geh schlafen, Stahl! . . . Gut Nacht. Gut Nacht! Also auf morgen!" „Meier, du bleibst noch hier!" bat Alfred. „Trinke noch eins!" „Hörst du nicht?" Von der nahen Kaserne her tönte lang gezogen das Nachtsignal. „Verdammt, ich muß eilen, ich habe meine Urlaubskarte nicht bei mir." „Ohne Umstände bleibe hier! Für ein gutes Bett ist gesorgt." „Damit du die ganze Nacht mit mir schwätzest? Nein, mein Alter, du wirst dich jetzt aufs Ohr legen und schlafen wie ein Bär. Gut Nacht!" Alfred begleitete seinen Freund bis an die Treppe, die durch einen Gaskandelaber erleuchtet wurde. War es das Gaslicht, das die Züge Alfreds so bleich erscheinen ließ? „Geh hinein, Alfred, und lege dich hin!" drängte Meier. Alfred lachte: „Du bist doch ärger, Mensch, als eine alte Kinderfrau. Also, morgen um vier!" „Um vier. Gut Nacht!" . . . Meier sprang wie immer drei Stufen auf einmal hinab. Als er an der Biegung in der Mitte der Treppe hielt, verlöschte plötzlich das Gas. Das war nichts Ungewöhnliches in diesem Haus, aber nun geschah dem jungen Soldaten etwas sehr Seltsames. Er hatte d>e köiperlich deutliche Empfindung, als laure da einer auf den Stufen, der nicht fort wollte. Er war da, Meier hätte ihn greifen, sich mit ihm schlagen mögen. Erschrocken und hastig fuhr er in die Taschen nach dem Feuerzeug, aber die Hände waren ihm wie gelähmt. Ihn fror. Und nun klomm er fttternd im Dunkeln, kalte Schweißtropfen auf der Stirn, Stufe für Stufe wieder die Treppe hinauf, der Fremde ihm auf den Fersen nach. Meier tastete nach der Klingel und läutete Sturm. Alfred öffnete. Das Entree war erhellt, er bemerkte sogleich das verstörte Aussehen des Freundes. „Was ist denn Otto? Ist dir etwas geschehen?" Das Licht und die Stimme Alfreds wirkten beruhigend auf Meiers Nerven; nun schämte er sich: wahrhaftig, er benahm sich wie ein altes Weib. Das war ja dummes Zeug, um Kinder fürchten zu machen — überdies war Alfred mutig wie ein Held. „Ich habe mein Feuerzeug bei dir gelassen", stotterte er. „Hier nimm es!" Alfred hielt die kleine Büchse in den Händen; er hatte, ohne es zu wissen, gedankenlos damit gespielt. „Urban, leuchten Sie dem Herrn Unteroffizier; das Gas streikt". Und seinen Arm um Meiers Schulter legend, sprach er freundlich: „Geh unbesorgt! Wir werden schon Glück haben." „Werden's schon machen!" Meier mühte sich zu lächeln und ging. Als Alfred allein war, setzte er sich an sein Pult, um an die Mutter, an Luise und Lottchen zu schreiben. Nachdem der dritte der Briefe die zwölfte Seitenzahl erreicht hatte, begann er, sie durchzulesen, aber alles, was er geschrieben hatte, mißfiel ihm so gründlich, kam ihm so übertrieben und pathetisch vor, daß er aufstand, die sämtlichen Papiere in den Ofen steckte und ein paar brennende Zündhölzer nach ihnen warf. Mochte alles verkohlen! Wenn das Morgen glücklich vorüber war, würde er seiner Mutter alles gestehen; sie werde ihm sicher verzeihen, die unendlich gute Mutter. Und Lottchen! Alfred seufzte, was konnte das arme Kind für die Niederträchtigkeit des Alten? Aber so lange dieser schurkische Herz lebte, war an eine Verbindung Alfreds mit der Enkelin nicht mehr zu denken. Lottchen dauerte ihn unsäglich; er wußte, ihre Liebe war viel tiefer und stärker als die seine; die Mutter und Luise hatten ja recht: er war doch zum Heiraten noch viel zu jung; aber mit dem Leichtsinn der Jugend hatte er Lottchen sein Wort gegeben. Warum sich jetzt damit quälen? Das Leben ist noch lang und schön, so schön! Er genoß so viel Liebe und würde noch viel Liebe geben. Urban stand an der Tür: „Herr Stahl, es ist Mitternacht!" „Schön, schön! .Geh du nur selbst zu Bett, alter Freund! Ich werde noch mehr als genug schlafen." Er erhob sich, ging nach dem Salon und öffnete das Klavier. Bald darauf erklang sein schöner, weicher Bariton durch die nächtige Stille, und vollendet spielte und begleitete er sich selbst zu Schuberts göttlichem Lied „an die Musik": „Du holde Kunst — in wieviel grauen Stunden". Urban lauschte hinter der Portiere. Dem Alten war zu Mut, als müsse er beten. . . . (Fortsetzung folgt.) Brief- und Lrag-rkaüen. Alte Abonnentin in Fao. Die Spaltung in der Gemeinde ist ja sehr bedauerlich, aber schließlich ist doch der Gemeinde die Abschiedsfreude zu gönnen, die erste, die ihr von den getrennten Mitgliedern bereitet worden ist. — L. N in I. Sie müssen schon selbst dafür sorgen, daß Ihnen dort die Bildungsquelle stießt. Daß Sie die Geburtsstadt des Redakteurs besucht haben, verschafft beim Verleger noch keinen Anspruch auf ein Freiexemplar. — L. W. in B. Ihr Wunsch ist gern erfüllt worden. — L. T. in B. Unzweifelhaft ist Begabung vorhanden, Schulung aber fehlt noch allzu sehr. Daß Ihnen „die Berliner" nicht gefallen, ist gewiß Ihr gutes Recht. Daß Sie es laut sagen, ist nicht in demselben Maß Ihr Recht. Kommt Ihnen nicht die Vermutung, das Mißfallen könnte auf Gegenseitigkeit beruhen? — Herrn Dr. M. in B. Du hast's erreicht, Oktavio. Wer hat denn eigentlich die ganze Blamage angerichtet? — Herrn P. in K. Ich hätte gern wieder einmal Nachricht von Ihnen. — Herrn M C. in M. Keine Antwort ist zuweilen ganz verständlich, höflich aber nur in den seltensten Fällen. — Herrn A. L. in B. Sie wollen nichts haben, bei Leibe nichts; nur eine Anstellung und die Umzugskosten. Das ist fast zu bescheiden. Vermutlich haben Sie auch aus Bescheidenheit anzugeben unterlassen, was Sie leisten können. — Dr. R. in H. An wen sollen die gewünschten 4 Nummern (M. 1,30 Nach- Nachnahme) gehen? Verantwortlich kür den redaktionellen Teil: M. A. Klausner, für den Inseratenteil: Arthur Scholem in Berlin. Druck und Verlag von Arthur Scholem, Berlin 0., Roßstraße 3.

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