Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 35 (26.8.1904)
- Date
- 1904-08-26
- Page
- Seite 493 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 35. Israelitische Wochenschrift. Seite 493 Mukden an den Folgen der Anstrengungen gestorben. — Dr. Petermann liegt in Turentschin schwer krank an den Folgen einer Erkältung, die er sich zugezogen, als er zwei verwundete russische Soldaten durch einen Fluß trug. Er hofft wieder gesund zu werden und hat die Absicht, sich sofort nach seiner Genesung wieder in den Dienst des Vaterlandes zu stellen. — Dr. Lurje, ebenfalls aus Elisabetgrad, war auf dem Schlachtfeld von Waffangu mit zwei Trägern vom roten Kreuz beruflich so eifrig beschäftigt, daß er nicht merkte, wie die Russen sich zurückzogen, und sich plötzlich den Japanern gegenübersah. Der Arzt wollte sich nicht gefangen geben und floh mit den beiden Trägern in der Richtung der sich zurückziehenden Russen. Die Träger wurden von den verfolgenden Japanern erschossen, Dr. Lurje schwer verwundet. Trotzdem schleppte er sich weiter, bis er 15 Werst vom Schlachtfeld entfernt ohnmächtig zusammenbrach. Rach zwei Tagen erst wurde er von einer russischen Patrouille gefunden und in das nächste Feldlazarett gebracht. Hier besuchte ihn der Höchstkommandierende, General Kuropatkin, unterhielt sich längere Zeit mit ihm und versprach ihm das Kreuz des Georgordens. Personalnachrichten und kleine Mitteilungen. Das jüdische Mädchen st ist in Berlin zur unentgeltlichen Ausbildung unbemittelter Mädchen für den Dien st boten beruf nimmt für die zum 1. Oktober frei werdenden Stellen schon jetzt Anmeldungen entgegen, die an den Vorsitzenden Dr. Strelitz, Schönhauser Allee 162, zu richten sind. — In der Fabrikstadt Bialystok soll am 13. August im Alter von 130 Jahren eine Frau Rachel Stein, geborene Goldowska, gestorben sein. Russische Blätter verbürgen sich für die Richtigkeit der Meldung. Aus den Büchern der jüdischen Gemeinde Bialystok gehe das hohe Alter unzweifelhaft hervor. Die'Stellung ist trotz der Bürgschaft nicht sehr wahrscheinlich. Vakanzen. Pr. Friedland. Rel.-L., K., Sch., 1800 M. Geh., 300 M. Nebeneink. Meld. an Herrn P. Freundlich. — Memel. Rabbiner, 3600 Mk. Geh., fr. W. Meld. an Vorst. — Schwedt a. O. Hilfsk. für Jomk. Meld. an Vorst. — Lissa in P. Hilfsk. für h. Feiert. Meld. an Vorst. — Neuwied a. Rh. Hilfsk. für hohe Feiert., 150 M. Hon. Meld. an Vorst. — Eppelsheim, Rheinhessen. K. für hohe Feiert., 60 M. Hon. Meld. an Herrn B. Levi. Feuilleton. Ein Trauenleben. Biographischer Roman von C. Berg. (Fortsetzung.) Trotz seiner ungeheuren Erregung bemerkte Alfred bei sich, daß jetzt seine Mutter viel abgerundeter und eleganter schrieb — „Die Schifferin soll ich sein!!! Gezeichnet von Alfred, Graf Leuchtenburg, auch Blondel genannt". Dann ein Strauß verdorrtes Edelweiß ein paar Muscheln, ein Stern aus Flittergold — Alfred warf den ganzen Tand, mit fieberheißen Händen wühlend, durcheinander — da stieß er auf ein hartes Päckchen, in ein Stück weißen Mull gehüllt und eingenäht. Er zerriß das dünne Zeug: es enthielt eine kleine Schachtel, ein Etui von dunkelblauem Sammet; auf einen Druck sprang es auf: Steine, Brillanten strahlten ihm entgegen von kostbarer Schönheit, Diamanten, die das auf Emaille gemalte Bild eines etwa zwölfjährigen Knaben umkränzten und umstrahlten — Zug um Zug, deutlich im Spiegel der Vergangenheit erblickte Alfred das Antlitz des Leuchtenburgers. Stöhnend vor Schmerz stieß er die Kassette von sich und ranute wie ein Rasender durch das kleine Gemach. Es war also etwas daran? Es war keine Erfindung, keine Lüge, was dieser Herz über Alfreds angebetete Mutter verbreitet hatte! Der Unglückliche hielt einen in die Augen stechenden Beweis in Händen, daß die Frau, die sein edler, gütiger Vater zur Gattin gewählt, daß seine Mutter, die er von Klein auf als das Ideal eines frommen jüdischen Weibes verehrt, eine Liebschaft mit einem Christen hatte! Denn nur seiner Geliebten konnte der Leuchtenburger dieses fürstliche Geschenk verehrt haben! Die Pulse Alfreds hämmerten zum Zerspringen. . . . Und was sollte er von dem toten, noch heute schmerzlich betrauerten Vater denken — mußte er ihn bedauern oder geringschätzen? . . . Verschwommene, längst vergessen geglaubte Erinnerungen wurden in ihm wach: Er lehnte in der Dämmerstunde als Knabe mit Luise an der Mutter Knieen; Frau Posthuma erzählte ihren Kindern Märchen, und in all diesen Zauber- und Feengeschichten erschien ein Prinz als Held; sein Reich war ein großes Schloß mit Park und Wild, umgeben von einem See, auf dessen Wasser sich stolze Schwäne wiegten; alljährlich zweimal pflegte Frau Posthuma mit ihren Kindern nach Freystadt zu fahren, um an das Grab ihres Gatten zu pilgern; einmal war Alfred mit Luise allein in den Leuchtenburger Park gelaufen; vor dem Schloß begegnete ihnen eine große, sehr schöne alte Dame mit sammetnem Schleppkleid, die hatte ihn und Luise angehalten und nach ihren Namen gefragt, und hernach Alfred mit ihrer schlanken beringten Hand die Wangen gestreichelt, so daß der große Junge glühend rot geworden war. Urban belehrte sie dann, daß die vornehme Matrone die Fürstin Leuchtenburg gewesen sei. . . . Ja, Urban! Urban war nun über fünfundzwanzig Jahre im Haus, der hätte ihm reine Wahrheit schenken können, wenn er wollte; aber Urban war seiner Herrin treu ergeben: spießen und foltern ließ er sich für die „Madame", ehe er ein Frau Posthuma belastendes Geheimnis verraten würde. Alfred hätte den Diener unmöglich befragen können, so furchtbar empfand er selbst die Schande seines Verdachts, aber als ob der treue Mann die Seelenqualen seines jungen Gebieters geahnt hätte, umschlich er ihn unruhig und besorgt, bis er endlich gerade heraus fragte: „was denn dem jungen Herrn widerfahren sei? Ob Alfred krank wäre? Ob der junge Herrim Dienst etwas angestellt habe? Ob es nicht besser wäre, nach der Madame zu depeschieren?" Alfred, in die Enge getrieben, hatte ihn angefahren; Urban ging brummend hinaus: harte Worte war er Dienst der Stahls nicht gewöhnt. Trotzdem beobachtete er seinen jungen Herrn mit Argusaugen, und mit dem Spürsinn der Dienstboten fand er bald heraus, wie der Hase lief; er kaufte sich die Burschen Meiers und Alfreds durch kleine Geldgeschenke, traktierte sie mit Schnaps und Bier, und ehe es die biederen Polacken gewahr wurden, hatte ihnen Urban mit echter Lakaienschlauheil die Geheimnisse ihrer Unteroffiziere abgefragt. Urban wütete. Schöne Sachen! Auf die Wache hatte man seinen Herrn gebracht! Wenn das die Madame erfuhr! Und wenn er heraus bekäme, wer seinem jungen Herrn diese niederträchtige Klatscherei in den Kops gesetzt, er würde dem Hallunken den Kragen umdrehen. . . . Alfred, nur mit sich und seinem Gram beschäftigt, hatte kein Auge für den treuen Diener; er sollte sogleich die liebevolle Fürsorge der treuen Menschen gewahr werden.