Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 35 (26.8.1904)
- Date
- 1904-08-26
- Page
- Seite 491 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 35. Israelitische Wochenschrift. Seite 491. i ■ I •'f* i noch den Juden, und selbstverständlich erreicht ihr Grimm den Gipfel, wo sie jüdische Sozialisten oder soziale Juden sieht. Sie schreibt: „In seiner letzten Sitzung hat der internationale sozialistische Arbeiterkongreß zu Amsterdam „einstimmig" und „unter stürmischen Beifall" den jüdischen Arbeitern in Rußland seine volle Anerkennung dafür ausgesprochen, daß sie trotz der grausamen Verfolgungen die Fahne des Sozialismus Hochhalten. Dagegen bekundete der Kongreß der russischen Regierung gegenüber „tiefsten Abscheu", weil sie angeblich von Zeit zu Zeit „Judenmassakers" in Szene setzt. Dieser Beschluß des Kongresses war begreiflich und berechtigt, wenn auch etwas eng gefaßt, denn um die Sache des Umsturzes haben sich nicht nur die russischen Juden, sondern die Juden aller Länder hervorragende Verdienste erworben, von Marx und Lassalle, ja von Heine, Börne und Saphir angefangen bis auf die Führer, Agitatoren und Journalisten der Revolutionäre von heute in Deutschland wie in Oesterreich, in der Schweiz usw. Minder engherzig wäre es daher gewesen, wenn der internationale Sozialistenkongreß seine volle Anerkennung nicht nur den jüdischen Sozialisten in Rußland, sondern auch den jüdischen Agitatoren aller Länder ausgesprochen haben würde. Ohne den jüdischen Geist hätte die sozialrevolutionäre Bewegung nicht annähernd einen so ausgesprochenen internationalen und intransigenten Charakter erlangt. Diesen jüdischen Geist kennzeichnete unlängst Nikolaus Engelhardt in der „Nowoja Wremja". Seit die Schranken des Ghettos gefallen sind, überflutet der breite Giftstrom des jüdischen Geistes unbehindert das gesamte europäische Kulturleben. Der jüdische Geist glaubt an nichts und leugnet _alles. Nichts ist ihm heilig oder ehrfurchtgebietend. Deshalb ist er der Feind jeglicher Autorität und der Bahnbrecher des Anarchismus. Wenn man dem Ursprung aller anarchistischen, revolutionären und sozialistischen Bewegungen nachforschen könnte, meinte Engelhardt, so würde man sich überzeugen, daß der Gifthauch des jüdischen Geistes hierbei eine Hauptrolle spielt. Die Anerkennung des jüdischen Geistes und seiner revolutionären Tätigkeit durch den internationalen Sozialistenkongreß m Amsterdam ist geeignet, die leitenden Kreise der Erkenntnis näher zu führen, daß es im Interesse von Staat und Gesellschaft dringend geboten erscheint, den verderblichen Einfluß des jüdischen Geistes abzuwehren und seine Trägerin möglichst enge Schranken zu weisen." Die „Kreuzzeitung" kennt die Gefahren genau, die von dem „breiten Giftstrom des jüdischen Geistes" drohen. War ihr selbst doch die Drohung einmal nahegerückt. Das war, als Schlesinger alias Stahl die konservative Partei in Preußen schuf und bildete, deren Organ die „Kreuzzeitung" ist. Glücklicherweise hatte Schlesinger alias Stahl den „jüdischen Geist" bereits aufgegeben, als er dieser Gründung sich befleißigte, so daß er in ungefährlicher Geistlosigkeit in die Hallen der „Kreuzzeitung" Einzug halten konnte. Daß „der Gifthauch des jüdischen Geistes" bei allen revolutionären Bewegungen eine Hauptrolle gespielt hätte, ist übrigens eine — wahrscheinlich von Bescheidenheit eingegebene — Behauptung. Die lange Reihe der russischen Königsmörder zeigt unseres Wissens nicht einzigen jüdischen „Geist" auf. Diese Königsmörder waren sämtlich unzweifelhaft arischen, vielfach germanischen Ursprungs. Oder sollte die „Kreuzzeitung" der Meinung sein, daß Königsmorde, von einem hohen Adel begangen, nicht zu den revolutionären Betätigungen gehören? Jedenfalls ist das Verhaken der „Kreuzzeitung" ganz dazu angetan, Rekruten für die Feinde einer Gesellschaft zu werben, die den Beifall der „Kreuzzeitung" findet und ihre Fürsprache sich zuzieht. * * * (Unverständlich.) Zeitungsnachrichten zufolge soll eine Strafkammer in Osnabrück ein Urteil gefällt haben, in dem allgemein ausgesprochen wird, daß für jüdische Kinder eine Verpflichtung zur Teilnahme am jüdischen Religionsunterricht nicht bestehe. — Das ist ein Irrtum an dem natürlich nicht der Richter, sondern der Berichterstatter Schuld trägt. -i- * * (Herrlich weit gebracht.) In der „Deutschen Medizinal- Zeitung" Nr. 66 findet sich im Annonzenteil folgendes Gesuch: Dr. med. oder Cand. med. evang. Konfession, unverheiratet, mit bakteriologischen Arbeiten vertraut, wird zur Leitung milchwirtschaftlicher Arbeiten von einem größeren Institut gesucht .... Welch ein Unglück für die Kühe oder deren Milch könnte entstehen, wenn dieser Bakteriologe katholischen oder gar jüdischen Glaubens wäre! — Wir haben es wirklich herrlich weit gebracht. * * * (Die russische Militärgewalt.) Die in Stuttgart erscheinende „Oswoboschdenje" veröffentlicht die Verordnung eines russischen Korpskommandeurs. Wir entnehmen ihr die Stellen, in denen der jüdischen Soldaten besonders Erwähnung getan ist: „Um der Ausbreitung der 'politischen Seuche bei den Truppen vorzubeugen, müssen alle den Mannschaften, besonders Juden, zugehenden Briefe unausgesetzt kontrolliert werden. Den Juden muß verboten werden, Briefe in jüdischer Sprache zu erhalten. Solche Briefe dürfen nicht zugestellt, sondern müssen sofort an den Divisionsstab geschickt werden. Die in polnischer Sprache geschriebenen Briefe müssen von besonders ernannten Offizieren, die der polnischen Sprache mächtig sind, durchgesehen werden.MDie Mannschaften, bei denen Briefe in jüdischer Sprache aufgefunden werden, müssen streng bestraft werden. In ähnlicher Weise muß auch mit anderen in einer fremden Sprache geschriebenen Briefen verfahren werden. Wenn in den von den Mannschaften erhaltenen Briefen etwas Strafbares gefunden wird, so müssen solche Briefe an die Gendarmerieverwaltung übergeben werden. Damit solche Briefe den jüdischen Soldaten nicht doch etwa durch Vermittlung von Bekannten und Verwandten zugehen, müssen oft, jedoch nicht in regelmäßigen Zwischenräumen, die Koffer der Mannschaften durchsucht werden; dann müssen, etwa unter dem Vorwand der Kontrolle der Reinlichkeit, die Stiefel sowie Wäsche und Taschen besichtigt werden. Auch die Winkel in der Kaserne, Dachkammern, Kisten mit schmutziger Wäsche rc. müssen durchsucht werden. Ohne die Kompagnie-, Schwadron- und Sotnienchefs sowie ältere Offiziere in den Batterien von der Verpflichtung zu befreien, solche Durchsuchungen vorzunehmen, erachte ich es für notwendig, auch die Battaillons- und Batteriechefs damit zu beauftragen und ihnen die Verantwortung für die Folgen aufzuerlegen. Den Truppenchefs liegt es ob, sich von der Durchführung dieser Instruktion durch persönliche Inspizierungen und Revisionen zu vergewissern. Urlaub muß überhaupt eingeschränkt werden, denn die Mannschaften treiben sich, wenn sie Urlaub haben, nur auf