Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 35 (26.8.1904)
- Date
- 1904-08-26
- Page
- Seite 490 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 490. Israelitische Wochenschrift. Nr. 36. pflegten. Schamai, fest in seinem System der absoluten Wahrheit, erklärte strengen Tones: „Man schildere sie, wie sie ist, und lege ihr keine anderen Vorzüge bei, als die sie wirlich besitzt." Hillel dagegen meinte: „Es sei höchst unpassend, bei einer so freudigen Gelegenheit Fehler zu erwähnen, die die Freude verbittern und die Braut beschämen könnten. Man sage daher, daß sie schön und anmutig sei." Es wäre doch aber eine Lüge sondergleichen, wendete Schamai ein, wenn man eine lahme oder blinde Braut als schön und anmutig preisen würde. Nein, wir müssen uns stets nach den Worten der Schrift richten, die uns ausdrücklich befiehlt: „Von einem falschen Ausspruch halte dich fern." (Exodus 23, 7.) Wie aber, erwiderte Hillel, wenn ein Freund von uns, der einen schlechten Kauf gemacht, sich einer süßen Täuschung hingebend, mit dem gekauften Gegenstand fich freut und seine glückliche Zufriedenheit aller Welt zeigt. Würden wir darüber lachen? Würden wir über seinen erworbenen Besitz spotten? Ganz so verhält es sich hier. Wenn der arme Bräutigam sich in seiner Wahl getäuscht hat, aber in seiner Blindheit glücklich und zufrieden ist, so dürfen wir nicht mit einer strengen Kritik kommen und in seinen Freudenbecher Wermut hineintun J). Auch für die sozialen Verhältnssie seines Volkes hatte Hillel ein offenes Auge und war bemüht, so manchem Uebel durch zeitgemäße Reform abzuhelfen. Nach dem Gesetz bekanntlich entbindet das Ablaßjahr von allen Schulden. Diese Vorschrift hatte aber zur Folge, daß die Reichen trotz der Vorschrift, Arme durch Darlehen zu unterstützen, den Armen nichts leihen wollten. Um diesem Uebelstand abzuhelfen, führte Hillel das „Prosbul" ein, eine gerichtliche Prozedur, die dem Gläubiger das Recht einrüumt, sein Guthaben zu jeder Zeit einfordern zu dürfen* 2 3 4). Eine zweite, nicht minder wichtige Reform betraf die Einlösung eines verkauften Hauses in einer mit einer Mauer umringten Stadt. Nach der heiligen Schrift durste der Verkauf das ganze Jahr hindurch mittelst Rückgabe des Geldes rückgängig gemacht werden. Damit aber der Besitzer dies durch Abwesenheit am Ende des Jahres nicht verhindern könne, traf Hillel die Einrichtung, daß der Verkäufer, wenn der Käufer am Ende des Jahres abwesend war, das zurückzuzahlende Geld dem Tempelschatzmeister einhändigen durfte, um nachher durch Gerichtszwang in den Besitz seines Hauses gelangen zu können^). Kein Wunder, daß er die Krone seines Geschlechtes war und daß selbst Herodes sich endlich in Ehrfurcht vor ihm beugte. Auch sein Bruder Schebna suchte sich nun Hillel zu nähern und sprach zu ihm: „Ich gebe dir die Hälfte meines erworbenen Reichtums und gib du mir dafür die Hälfte deines dich erwartenden Lohnes." 4) Ob Hillel auf den Vorschlag seines Bruders eingegangen war, wird nicht berichtet; es wird nur mitgeteilt, daß eine Stimme vom Himmel gehört wurde, die da rief: „Gäbe ein Mann seines Hauses ganzes Gut um Liebe —- man würde ihn nur verachten." 5) Hillel erreichte ein Alter von 120 Jahren6 7). An seiner Bahre weinte ganz Israel, wie um einen geliebten Vater, und rief wehklagend: „Dahin ist der Fromme, dahin der Bescheidene, dahin der Jünger des Schriftgelehrten Esra."?) Weder der Geburtsnoch der Todes¬ *) Kathuboth 17a. 2) Schebiit 10, 3 und 4. 3) Erachin 31b. 4) Sota 21a. b) Jbid. 6) Seder Hadorot. 7) Sota 48 b. tag dieses Geisteshelden ist uns bekannt, ja nicht einmal der Ort, wo sein Grab sich befindet, läßt sich mit Bestimmtheit bezeichnen. Doch darf uns dies nicht betrüben; denn sein Name blieb für alle Zeiten dem Leben erhalten. Seine Lehren sind, zum Lob unserer Glaubensgenossen sei es gesagt, das Gemeingut Israels geworden, sein Geist ist wie Israel selbst unsterblich geblieben, und sein Grundsatz: „Was du nicht willst, daß man dir tue, füge auch deinem Nächsten nicht zu", ist sein in flammender Sternenschrift glänzendes Testament. S p v e $ f a a t*. Die Israel-Stele. Wir erhalten folgende Zuschrift: Hamburg, 23. August 1904. Sehr geehrter Herr! Erst heute lese ich ihre treffliche Kritik der Broschüre Spiegelbergs in Nr. 27 der „Jsr. Wochenschrift". Wie Sie richtig vermuten, ist von einem „Jsraelstamm" auf der Stele des Mereuphtah garnicht die Rede. Dort heißt es: „Askalon ist fortgeführt, Gezer ist überwältigt, Jensam ist vernichtet, . A-si-r-'l ist ein.... ohne Frucht, Nordpalästina (Charu) ist eine Witwe für Egypten geworden." Während die Namen Askalon, Gezer und Jensam mit dem Determinativ für Länder und Städte versehen sind, ist A-si-r-'l mit dem Determinativ für Menschen versehen. Dieser Umstand hat Spiegelberg verführt, in A-si-r-'l Israel zu finden. In der Aufzählung der Namen der Inschrift ist eine Anordnung der Orte von Süden nach Norden wahrzunehmen. Dann wäre vielleicht I-si-r-'l das biblische Jesreel. Der nördliche Teil der Ebene von Jesreel gehörte zu den fruchtbarsten Gebieten Kanaans, so daß Mereuptah ruhmredig von sich sagte, daß er durch seinen Kriegszug das fruchtbare Jesreel in ein Land oder dergl. (hier ist eine Lücke in der Inschrift der Stele) „ohne Frucht" verwandelt habe. Jesreel ist außerdem wirklich ein Eigenname (I. Ehr. 4, 3; Hosea 1, 4). In jedem Fall ist die Konstruktion eines „Stammes" Israel in Kanaan vor der Einwanderung Israels nach Kanaan (der als gleichwertvolle Leistung die völlig unbewiesene, aber darum um so allgemeiner anerkannte Gleichsetzung der Chabiri der Tell-el-amorna-Tafeln mit Israel an die Seite gestellt werden darf) ein Zeugnis für die Willkür, die auf allen Gebieten der Philologie verpönt wird, aber auf dem Freigebiet der biblischen Philologie leider noch immer gestattet ist. Hochachtungsvoll Prediger Dr. Rieger. Die Politik. (Die empfohlene Geistlosigkeit.) Die „Kreuzzeitung" hat die Verhandlungen des internationalen sozialistischen Arbeiterkongresses in Amsterdam mit berufsmäßiger Aufmerksamkeit verfolgt. Ihr Zorn gilt dem Sozialismus, in höherem Maß