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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-08-26 · 35 (26.8.1904) · p. Seite 489

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
35 (26.8.1904)
Date
1904-08-26
Page
Seite 489 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 35. Israelitische Wochenschrift. Seite 489. Der Zornmütige aber, sprach er, kann nicht lehren 9. Wohl ist es Pflicht eines jeden Menschen, sich bescheiden zu verhalten und sich nicht hervorzudrängen; allein, wo es keine Männer gibt, da, riet Hillel, bestrebe dich ein Mann zu sein* 2). Noch mehr aber als durch seine Lehren wirkte Hillel versittlichend auf den Geist seiner Zeitgenossen durch sein Leben, das auch uns als Muster und Beispiel dienen kann. Nur einige Züge aus seinem Leben will ich hier rühmend hervorheben. Es wettete Jemand mit seinem Freund auf vierhundert Sus, daß es ihm gelingen werde, Hillel zu erzürnen. Er wählte dazu einen Freitag nachmittag, wo er wußte, daß Hillel zum Empfang der Königin Sabbat sich vorbereitet. Er ging an Hillels Wohnung vorüber und rief durch das Fenster hinein: „Wohnt hier Hillel?" Der Gerufene kam heraus und fragte: „Was wünschest du, mein Sohn?" „Rabbi!" sprach er, „ich möchte eine Frage an dich richten". „Bitte, mein Sohn", erwiderte Hillel, „frage nur". Da sagte der Mann: „Warum haben die Babylonier runde Köpfe?" „Das liegt daran", antwortete Hillel, „daß sie keine vernünftige Hebamme haben"3). Nach einer Stunde kam der Mann wieder und rief: „Ist Hillel zu Haus?" Hillel ging ihm entgegen und fragte ihn nach seinem Begehr. „Rabbi!" sagte er, „ich möchte gern wissen, warum die Tarumdiner trübe Augen haben?" „Das kommt daher", erwiderte Hillel, „weil sie in einer sandigen Gegend wohnen"^). Nach einer Stunde rief er wieder Hillel heraus und fragte ihn, „warum die Afrikaner breite Fußballen haben". „Mein Sohn", antwortete ihm der gute Hillel, „die Frage ist nicht zu unterschätzen, ich aber kann sie nur dahin beantworten, daß dies daher kommt, weil sie in feuchten, wasserreichen Gegenden wohnen und barfuß gehen". Da sagte der Mann: „Rabbi! Ich hätte noch viele Fragen an dich zu richten, fürchtete ich nicht, deine Geduld auf eine zu harte Probe zu stellen." Hillel ermunterte ihn, seine Frage vorzutragen. Da sagte der Mann: „Bist du jener Hillel, der ein Nassi in Israel genannt wird?" Hrllel bejahte. „Wenn du es ja bist", sprach der Fremde, „so wünsche ich nicht, daß viele deinesgleichen in Israel entstehen". Hillel sah ihn erstaunt an und sprach: „Was veranlaßt dich zu solcher Rede?" . . . „Ich habe durch dich", seufzte der Mann, „weil ich dich nicht erzürnen konnte, vierhundert Sus verloren". Da sagte Hillel: „Mäßige dich nur, mein Freund, und sei froh, daß du nur vierhundert verloren hast, denn Hillels Langmut hätte dir noch das Doppelte ausbringen können" 5). Hillel hatte die Gewohnheit, seine Jünger, so oft diese das Lehrhaus verließen, eine Strecke Wegs zu begleiten. Als er sich einst schneller als sonst von ihnen verabschiedet hatte, fragten sie ihn, warum er es denn so eilig habe? Hillel erwiderte, er wolle ein wohltätiges Werk ausüben gehen. „Und was für ein wohltätiges Werk ist das?" fragten sie ihn. „Ich will baden gehen", antwortete er ihnen lächelnd. „Und das nennst du ein wohltätig Werk?" fragen die Jünger erstaunt. „Gewiß", antwortete er ihnen, „ist die Reinhaltung des Körpers ein gutes Werk. — Wie die Königsbilder im Theater und Zirkus von dem Aufseher dieser Häuser reingehalten und sorgfältig abgespült werden müssen, so ist auch das Baden des Körpers eine Pflicht für den Menschen, der im Ebenbild des Königs aller Könige geschaffen ist"6). 1) Jbid. 2) Jbid. 3) Sabbat 31a. *) Jbid. 5) Jbid. 6) Levitikus Kabba 34. Nicht selten pflegte er sich bei seinen Schülern, als er sich von ihnen trennte, auch damit zu entschuldigen, indem er ihnen sagte, daß er nach Haus eilen müsse, um einen teuern Gast zu bewirten. „Wie, Rabbi!" fragten sie ihn eines Tags, „hast du denn alle Tage Gäste, daß du alle Tage dasselbe sagst?" „Ja", antwortete ihnen der sanfte Hillel, „ich habe täglich einen lieben, teuern Gast, den ich mit dem Besten, was ich habe, bewirte: Es ist meine Seele, die Gott mir gegeben und für deren Erhaltung und Pflege ich sorgen muß"H. Bor Gott wandelte er in tiefster Demut und sein Vertrauen auf ihn war felsenfest. Er lobte Gott für seine Gaben alle Tage und sorgte nicht für den nächsten Tag, weil er mit Bestimmtheit Gottes Beistand täglich erwartete2). Wenn er, des Weges kommend, Geschrei in der Stadt vernahm, drückte er mit den Worten des Psalmisten: Schreckliche Gerüchte hörte er und fürchtete sich nicht, weil sein Herz unverzagt auf den Ewigen hoffte (Psalm 112, 7), seine Zuversicht aus, daß jenes nicht von seinem Haus herrühre ^). Und in demselben Maß, wie er auf Gott vertraute, fürchtete er ihn auch, und zwar aus reiner, hingebender Liebe. Seine Freude an Gott war stets von einer heiligen Scheu begleitet4 5 * * *). Wenn er von dem Liebesbund Gottes mit Israel sprach, bediente er sich folgenden Satzes: „Meine Füße führen mich an den Ort, den mein Herz liebt. Kommst du in mein Haus, spricht der Ewige, so komme ich in das deines. Als er einst einen Schädel auf dem Wasser schwimmend bemerkte, pries er Gottes gerechte Vergeltung und sprach: „Weil du ersäuft hast, hat man auch dich ersäuft, und das Ende derer, die dich ersäuft, wird sein, daß sie gleichfalls ertrinken werden"6). Es ist nicht unwahrscheinlich, daß ihm diese Worte entfahren waren, als er über die Mordtaten des Herodes nachgedacht hatte. Er bemühte sich auch, seinen Zeitgenossen strenges Pflichtbewußtsein gegen sich und andere beizubringen. „Wenn ich nicht für mich bin", lehrt er, wer ist für mich? und bin ich nur für mich, was bin ich??) Sprich nicht, wenn ich in freier Muße bin, will ich lernen, denn vielleicht kommst du nie zu freier Muße^). Er ging in den Fußstapfen seiner Lehrer, die strenge Vorsicht im Reden anempfahlen, und hatte stets das Wort im Munde: „Sei von den Jüngern Arons, friedliebend und nach Frieden strebend, die Menschen liebend und sie hinführend zur Gotteslehre."9) Er war aber auch kein Freund vonübertriebener Frömmigkeit 10) und lehrte seine Jünger, von den Sitten und Gebräuchen ihrer Mitmenschen nicht abzuweichenn). Obwohl er nicht minder als sein Freund und Gegner Schamai die Wahrheitsliebe über alles stellte, so lehrte er doch, daß es Fälle gebe, wo der Mensch von der Strenge der absoluten Wahrheit abgehen düfre, ohne daß man ihm deswegen etwas zur Last legen könne. Es kam nämlich einst im Lehrhaus die Rede auf die Lieder, die man zu verfassen und singen pflegte, um die Braut an ihrem Hochzeitstag zu feiern, und auf das Maß der Lobeserhebungen, die in solchen Liedern der Braut erteilt zu werden Jbid. 2) Beza 16 a. 3) Berachoth 60a. 4) Jer. Sukka 5, 4. 5) Sukka 53 a. 6) Aboth 2, 6. 9 Jbid. 1,14. ») Jbid. 2,4. ») Jbid. 1,12. w) Aboth d. R. Nathan, K. 12. n) Tosifta Berachoth, K. 2.

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