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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-08-26 · 35 (26.8.1904) · p. Seite 488

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
35 (26.8.1904)
Date
1904-08-26
Page
Seite 488 (sequence 8)
Language
German
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Seite 488. Israelitische Wochenschrift. Nr. 36. Volks, die sich den von ihm eingeführten römischen Sitten und Gebräuchen widersetzten, dem Tode geweiht hatte, schwarz umwölbt, und Israels Weisen sahen sich genötigt, den Ort ihrer Tätigkeit, Jerusalem, zu fliehen. Unter den Flüchtlingen befand sich vermutlich auch Hillel, der wiederum sein Geburtsland, Babylon, aufsuchte *), von wo er erst, nachdem die Gemüter sich beruhigt hatten, zu einem Peßachfest eine Wallfahrt nach Jerusalem unternahm. Wie es scheint, nahm er jetzt dort für immer seine Wohnung. Während seiner Abwesenheit hatte sich Vieles in Jerusalem geändert. Schemaja und Abtalion waren den Weg alles Fleisches gegangen und an ihre Stelle waren die Bene Bathyra an die Spitze des Synedriums getreten. Die Schreckensherrschaft Herodes, dessen furchtbare Grausamkeiten man seiner idumäischen Abstammung zuschrieb, hatte zur Folge, daß in den Gelehrtenkreisen Jerusalems eine feindliche Strömung gegen alles Fremdartige sich bemerkbar machte. Hillel, der ein Jünger der Proselyten-Abkömmlinge Schemaja und Abtalion war, konnte wahrscheinlich dadurch, vielleicht aber auch, weil es nicht in seiner Natur lag, die Aufmerksamkeit Anderer auf sich zu lenken, in der ersten Zeit nicht zu der ihm gebührenden Anerkennung gelangen. — Ein günstiger Zufall nur war es, der ihm dazu verhals, einen Lehrstuhl in Israel zu erreichen. Als nämlich die Bene Bathyra nicht genau das Gesetz wußten, ob, wenn der Rüsttag des Peßachfestes auf einen Sabbat fällt, die Darbringung des Peßachopfers zulässig sei oder nicht, wurden sie aus der Reihe ihrer Jünger aus Hillel aufmerksam gemacht, der mit Stolz auf seine Lehrer sich beziehend ihnen schlagende Beweise lieferte, daß der Sabbat für die Darbringung des Peßachopfers kein Hindernis bietet* 2). Die Bene Bathyra, die seine geistige Ueberlegenheit einsahen, ernannten ihn zu ihrem geistigen Führer^), und bald sammelte sich um ihn ein Kreis von achtzig Jüngern, von denen dreißig die „Stufe Moses, dreißig die Stufe des Josua ben Nun erreichten", während die übrigen zwanzig zu den hervorragendsten Männern jener Zeit zählten^). Der bedeutendste unter ihnen war Jonathan ben Usiel, und der geringste Jochanan ben Sakkai. Ueber den Ersteren berichtet eine Sage, daß, als er seinen Prophetentargum veröffentlichte, das Land Israel in seinen Grundvesten erbebte und eine Stimme sich vernehmen ließ': „Wer ist es, der meine Geheimnisse den Staubgeborenen enthüllte"5 6), und von dem Letztem heißt es, daß er selbst gesagt hätte: „Wenn alle Himmel Pergamente, alle Bäume Schreibrohre und alle Meere Tinte wären, so würde dies nicht genügen, um mein Wissen zu verzeichnen, das ich von meinem Lehrer gelernt, und dennoch habe ich der Wissenschaft nicht mehr abgewonnen, 'als eine Fliege, die in das Meer taucht" 6). Hillel war sichtlich bemüht, die ihm angeborene Liebe zu der Universnlwissenschaft auch auf seine Jünger zu übertragen?), was ihm wie selten Jemandem vor und nach ihm auch gelungen ist. Obwohl Hillel nun der geistige Führer der Juden geworden war und infolge seiner friedlichen Gesinnung auch der Gunst des Herodes sich zu erfreuen hattet, so verließen ihn doch seine Bescheidenheit und Gutmütigkeit nicht. Seine Devise lautete: „Sondere dich nicht von der Gesamtheit ab, glaube nicht an dich selbst bis zu 1) Weiß, Zur Geschichte der jüdischen Tradition, Bd. I., S. 158. 2) Pesachim 66 a. 3) Jbid. *) Sukka 25 b. 5) Megilla 3 a. 6) Sofrim 16, 8. 7) Baba Batra 134 a. 8) Seder Hadoroth. deinem Todestag und brich nicht den Stab über Jemanden, bis du selbst in seine Lage gekommen bist"*). Als er einem eines Tags von ihm bewirteten heruntergekommenen Armen, der früher die Gewohnheit hatte, täglich beim Ausreiten einen Sklaven sich voranlaufen zu lassen, keinen Sklaven zu diesem Zweck zur Verfügung stellen konnte, lief er selbst dem verwöhnten Gast eine Strecke Weges als Sklave voran2). Und nicht minder als bescheiden und gutmütig war er auch nachsichtig gegen Jedermann. Zu Schamai, der mit Hillel wegen seiner Schriftauslegung und liberalen Lebensanschauung in Streit lebte, kam einst ein Heide und fragte ihn: „Wie viel Lehren besitzt Ihr?" Schamai erwiderte: „Wir besitzen zwei Lehren, eine schriftliche und eine mündliche". Da sagte der Heide: „An die schriftliche Lehre glaube ich, nicht aber auch an die mündliche. Nimm mich in den Schoß des Judentums unter der Bedingung auf, daß ich nur die Satzungen der schriftlichen Lehre beobachte". Da wies ihn Schamai barsch ab. Er kam nun zu Hillel und trug auch ihm sein Anliegen vor. Hillel willfahrte seinem Wunsch und unterwies ihn in der schriftlichen Lehre so lange, bis der Heide selbst zu der Ueberzeugung kam, daß die mündliche Tradition nichts weiter als eine Erklärung der schriftlichen Lehre sei, ohne die diese nicht zu erfassen ift3 4). Als Schamai einen Heiden abwies, weil er das Judentum in einem Zeitraum, so lange er aus einem Fuß würde stehen können, erlernen wollte, sagte Hillel, als jener mit demselben Vorschlag sich an ihn gewandt hatte: „Was dir unangenehm ist, füge auch deinem Nächsten nicht zu. Das ist die Grundstufe, auf der das Judentum basiert, alles Uebrige ist nur ein Kommentar" ^). Ebenso unterrichtete er einen von Schamai fortgetriebenen Heiden, der Jude werden wollte, um dereinst Hohepriester werden zu können, und bemühte sich, ihm die Pforten des Judentums zu erschließen. Als er ihm den Vers erläuterte: „Der Fremde, der sich dem heiligen Dienst naht, soll getötet werden", fragte der Heide, „gegen wen diese Warnung erlassen sei". Hillel erwiderte, selbst gegen den König David. Da sagte sich der Heide, wenn selbst ein Israelit, der nicht dem Stamm Levi angehört, die Priesterwürde nicht erlangen kann, um wieviel weniger erst ich, der ich mich erst seit Kurzem dem Haus Jakobs angeschlossen habe5). Als die drei Proselyten einst zusammentrafen, sagten sie: Schamais Jähzorn vertrieb uns aus der Nähe Gottes, während Hillels sanftmütige Einsicht uns der Erkenntnis und den göttlichen Wissenschaften zugeführt hat 6). Hillels Streben ging auch hauptsächlich dahin, überall, unter Juden wie unter Heiden, Licht und Wissen zu verbreiten. Wer sein Wissen nicht zu bereichern sucht, lautet ein Ausspruch von ihm, der nimmt in seinem Wissen ab7), und wer nicht lernt, der ift todeswürdig 8). Wissen und Erkenntnis nur führen den Menschen zu einem frommen, sittlichen Lebenswandel. Der Geistesleere aber, sagte er, kann nicht Furcht vor der Sünde haben, und der Unwissende kann nicht fromm fern9). Will jemand seine Nächsten belehren und ihnen Wissen und Erkenntnis erschließen, so ist es nötig, daß er in Güte und Milde mit ihnen verfahre. ff Aboth 2, 4. Ketuboth 67 b. 3) Sabbat 31 a. 4) Jbid. 5) Joid. 6) Jbid. 7) Aboth 1, 13. 8) Jbid. 8) Jbid. 2, 5.

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