Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-08-26 · 35 (26.8.1904) · p. Seite 487

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
35 (26.8.1904)
Date
1904-08-26
Page
Seite 487 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9605972-9659949--8977-9606235
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 35 Israelitische Wochenschrift« Seite 487. auch die „Welt" trägt keine Schuld. Es ist nichts zu berichten. Herzl ist eben allzu verschwiegen gewesen, er hat unter seinen Genossen keinen Vertrauten gehabt Israel Zangwill beantragte brieflich, das Präsidium einstweilen Dr. Nordau zu übertragen und den Kongreß erst einzuberufen, wenn ein Bericht der Ostafrikaexpedition vorliege. — Sir Francis Montefiore regte, gleichfalls schriftlich, die Besoldung der Hauptleiter der Bewegung aus der Hauptkasse an. — Was aus diesen Anträgen geworden, ob sie angenommen oder abgelehnt, ob sie überhaupt diskutiert worden sind, darüber verlautet nichts. Tags zuvor hatte die „Kommission für Legalisierung des Nationalfonds" sich dahin schlüssig gemacht, dem Nationalfonds die Form einer Gesellschaft der Fondssharesinhaber mit dem Sitz in England zu geben. Dieser Beschluß ist die natürliche Konsequenz des Umstandes, daß auch die Kolonialbank unter englischem Recht eingerichtet ist. In der Sitzung des großen Aktionskomitees unterhielt man sich noch über die Stellung des großen zum engeren Aktionskomitee, über die Notwendigkeit einer Organisationsänderung, und über die Ersetzung Dr. Herzls durch eine besondere politische Kommission. Herr Greenberg trat mit Eifer für die Entsendung der Ostafrikaexpedition ein, die eine Lebensfrage für den Zionismus sei. — Es wurde festgestellt, daß das ganze Aktionskomitee von der politischen Lage garnichts weiß, auch nicht Herzls hinterlassene Papiere kenne. Auf Antrag des engeren Aktionskomitees wurde beschlossen: „Das große Aktionskomitee wählt aus seiner Mitte einen aus fünf Mitgliedern bestehenden Ausschuß, der durch periodische Zusammenkünfte, und zwar alle zwei Monate, gleichberechtigt mit dem engeren Aktionskomitee, beständigen Anteil an der Leitung der Bewegung nimmt. Die von diesem Ausschuß gemeinsam mit dem engeren Aktionskomitee gefaßten Beschlüsse werden vom engeren Aktionskomitee ausgeführt." — Wie es scheint, ist schon das eine Organisationsänderung. Ferner wurde ein Antrag Bodenheimer angenommen: „Das Komitee erhält die Vollmacht, in Gemeinschaft mit dem Aktionskomitee sämtliche Aufklärungen über die politische Sachlage einzuholen." In die Kommission wurden gewählt die Herren Dr. Alexander Marmorek, Dr. Tschlenow, Dr. Bodenheimer, Ing. Ussischkin und Greenberg. Daß Herr Ussischkin in Gnaden ausgenommen worden, ist für die neueste Wandlung ebenso bezeichnend, wie daß Dr. Gaster mit dem Anathema, einstweilen allerdings nur des Vereinsorgans, belastet bleibt, dessen Bannstrahlen freilich nicht gar zu gefährlich sind. Ein zionistischer Kongreß soll Ende dieses Jahres oder im Frühjahr 1905 berufen werden. fiillel. Bon Albert Kat; Nur kurze Zeit hatten die Juden der von den Makkabäern errungenen Freiheit und Selbständigkeit sich zu erfreuen. Die Tyrannenherrschaft Aristobuls war der erste Riß in die Mauer des jüdischen Staatslebens, die religiösen Zwistigkeiten aber und besonders die Sektirer, die sich bemerkbar zu machen anfingen, lähmten nach und nach die Kraft des Volks und brachten das Vaterland dermaßen in Verfall, daß es später eine leichte Beute für die Römer wurde. Doch weit mehr als der politischen Selbständigkeit der Juden drohte die Vernichtungsgefahr ihrer Lehre. War es den ersten Makkabäern gelungen, der Lehre der Väter im Volk festen Boden zu verschaffen, so war zur Zeit ihrer Nachkommen die Auslegung des Gesetzes der Zankapfel der Parteien geworden, die in der Periode der Dynastie Herodes gänzlich in Vergessenheit geraten, wenn nicht die Vorsehung schon früher einen Mann berufen hätte, sie dem Grab der Vergessenheit zu entreißen. Dieser Auserkorene, vor dessen uns überlieferten Lebensanschauungen auch die zivilisierte Menschheit in Ehrfurcht sich beugt, hieß Hillel und wurde auf fremdem Boden, in Babylon, ungefähr 160 Jahre vor der Zerstörung des zweiten Tempels geboren*). Er stammte von seilen seines Vaters von dem Stamm Benjamin, während seine Mutter dem Stamm Juda entsproßt). Schon in der frühesten Jugend widmete sich Hillel der Erforschung der Lehre, und ließ den Vorschlag seines Bruders Schebnu, gemeinschaftlich mit ihm einen Handel zu betreiben, unberücksichtigt 3). Darüber entrüstet, zog der Bruder sich von ihm gänzlich zurück und überließ ihn seinem Schicksal. Dies hinderte jedoch Hillel nicht, seinen Vorsätzen treu zu bleiben. Als er in der Heimat seinen Wissensdurst nicht mehr stillen konnte, ging er nach Jerusalem, um die Vorlesungen der berühmten Lehrer Schemaja und Abtalion zu hören. Aller Mittel entblößt, ohne Freunde und Bekannte, zu stolz, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, und getreu seinem Grundsatz: Wer seinen Namen weit zu verbreiten sucht, verliert seinen Namen, und wer sich der Krone der Gelehrsamkeit bedient, schwindet hinH, sah er in der Residenz seiner Ahnen sich genötigt, die härtesten Arbeiten zu verrichten, um sich wenigstens kümmerlich ernähren zu können. Wie traurig seine Lage aber auch war, er murrte nicht gegen Gottes Weltregierung und zahlte von seinem kärglichen Einkommen noch an den Pförtner des Lehrhauses das übliche tägliche Eintrittsgeld. Als er eines Tags ohne jeglichen Verdienst blieb und nicht in der Lage war, gegen Bezahlung in das Lehrhaus zu kommen, bestieg er das Dach des Lehrhauses, um durch das nach damaliger Bauart obenliegende Fenster den Vorträgen zu lauschen. Die unten vorgetragenen Lehren nahmen aber seine Sinne dermaßen gefangen, daß er nicht merkte, wie der vom Himmel herabwirbelnde Schnee drei Ellen hoch über ihn gefallen war. Als die Lehrer am Morgen — wie aus dem Nachstehenden hervorgeht, scheint es an einem Sabbat gewesen zu sein — die außerordentliche Dunkelheit gewahrten und bald darauf durch das Fenster die Gestalt eines regungslos liegenden Menschen erblickten, befahlen sie, den eigentümlichen Jünger ins Lehrhaus zu bringen, und gaben sich die größte Mühe, seinen vor Kälte erstarrten Körper wieder zu beleben. Wie groß aber war ihr Erstaunen, als sie in dem Wiederbelebten den bescheidenen Hillel erkannten. Tief gerührt riefen sie einander zu: „Wie kein Zweiter sobald ist dieser würdig, daß man seinetwegen den Sabbat entweihte" ft. Der Eifer, der ihn für die Popularisierung der Nationalliteratur, für die Erforschung der Gotteslehre beseelte, hielt ihn indeß nicht ab, sich auch dem Studium der Sprachen und Wissenschaften anderer Völker zu widmen, sowie der leblosen Welt, den Pflanzen, Tieren und Geistern ihre dem gewöhnlichen Menschen unverständliche Redeweise abzulauschen6). Bald aber wurde der Himmel Israels durch die Grausamkeit seines Königs Herodes, der, um den Römern Beweise seiner Anhänglichkeit und Treue zu liefern, die Besten und Edelsten des ») Sukka 20 a. 2) Jeruschalmi, Kilaim, Kap. 9. 3) Sota 21a. ft Aboth I, 13. ft Joma 35 d. ft Sofrim 16, 9.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.