Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 35 (26.8.1904)
- Date
- 1904-08-26
- Page
- Seite 486 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 486. Israelitische Wochenschrift. Nr. 36. v. I. gegeben, als ihm in der Stellung eines Ministergehilfen die Aufgabe zufiel, sich um die kommerziellen Verhältnisse in den Westprovinzen zu sorgen. Er hat schon damals Plehwe gegenüber die Tatsache betont, daß die Zustände im Ansiedlungsrayon geeignet seien, die Regierung und damit die russische Finanzwirtschaft in den ärgsten Mißkredit zu bringen. Plehwe soll erst nach Beginn des Krieges mit Japan, als die Plazierung der ersten Anleihe nicht so glatt vor sich ging, sein Einverständnis zu der Einbringung des Entwurfs gegeben haben." Die tatsächlichen Angaben sind richtig. Was Georgi als Vermutung milteilt, entspricht den wirklichen Vorgängen. Georgi hat eben nicht alles erfahren, und deshalb geht er in seinem Endurteil fehl, wenn er sagt: „Von den wenigen Persönlichkeiten, denen der besprochene Erlaßentwurf überhaupt bekannt ist, wird er für eine unnütze Arbeit gehalten, einzig dazu angetan, den mit den Verhältnissen nicht genau vertrauten Persönlichkeiten Sand in die Augen zu streuen." So schlimm liegen die Dinge nicht. Der Gesetzentwurf enthält auch noch andere Bestimmungen, die als wertvolle Verbesserungen anzuerkennen wären und das Zustandekommen des Gesetzes wünschenswert machen. So soll nach dem Muster der Gesetzgebung Zar Nikolais I. bestimmt werden, daß allen jüdischen gedienten Soldaten freies Aufenthaltsrecht in ganz Rußland gewährt sein soll. Scheinbar bedeutet der Rückgriff auf eine über 60 Jahre zurückliegende Gesetzgebung keinen Fortschritt, doch wäre in Wirklichkeit ein sehr bedeutender Fortschritt vorhanden. Unter Zar Nikolai I. währte die Militärdienstpflicht 35 Jahre — heute ist allgemeine Wehrpflicht, und der aktive Dienst dauert unter Umständen nur sechs Monate. Line lflotorbootsfabrt über den Salzsee. Ein in Jerusalem lebender Mitarbeiter der in London erscheinenden Wochenschrift „Jewish Chronicle" berichtet seinem Blatt über eine Fahrt, die er vor kurzem in einem Motorboot über den Salzsee unternommen hat. Es ist mutmaßlich das erste Mal, daß ein modernes Fahrzeug die trüben, schweflichten Gewässer durchkreuzt hat. Das beherzte Unternehmen hat so manche bisherige Annahme als irrtümlich erwiesen. Entgegen der landesüblichen, sich nur auf Beobachtungen vom Land aus stützenden Behauptung, daß nämlich das Wasser des Sees eine gelbliche Schwefelfarbe trage und das ganze Meer einem „See von geschmolzenem Blei" gleiche, erwies sich die Farbe in der Mitte des Sees als durchaus nicht verschieden von der des gewöhnlichen Wassers. Die anfänglich grünen Fluten nahmen allmählich einen bläulichen Farbenton an. Und das Fahrzeug durchschnitt die Fluten mit derselben Leichtigkeit wie auf jedem andern See. Auch die Annahme, daß am Toten Meer die Tierwelt wie^ausgestorben scheine, ist nach dem Bericht nicht zutreffend. Man beobachtete eine ganze Anzahl von Schwalben, die, durch den ungewohnten Anblick des seltsamen Fahrzeugs und noch mehr durch den schrillen Ton der Schiffspfeife erschreckt, in pfeilschnellem Flug dem Land zustrebten. Dagegen bestätigt der Bericht die ungemeine Schwere des 25 v. H. Salzstoffe enthaltenden Wassers, ein Umstand, aus dem sich die bekannte Tatsache erklärt, daß man sich im Toten Meer mühelos auf der Oberfläche erhalten kann, auch ohne besondere Schwimmkünste anzuwenden. Ebenso bestätigt der Bericht die Oede und kahle Einförmigkeit.der ganzen Landschaft. Unweit Jericho schifften sich die Reisenden ein und fuhren den von üppigem Buschwerk umstandenen Jordan hinunter. Oft ragten die überhängenden Aeste und Zweige der Tamarisken- und Weidenbäume so weit in den Fluß hinein, daß das Fahrzeug Mühe hatte, an ihnen vorbeizukommen. Gegen die Mündung hin erweiterte sich der Fluß bedeutend. Und bald bekundete die große Zahl der auf der Oberfläche des Wassers treibenden toten Fische, daß man sich bereits im Salzsee befand. Nach Süden zu dehnte sich das 40 bis 50 englische Meilen lange und etwa 8 Meilen breite tote Meer aus. Seine Tiefe beträgt im Durchschnitt mehr als 1200 Fuß; doch steigt der Meeresboden nach Süden zu bedeutend an, so daß das Wasser an einzelnen Stellen nur eine Tiefe von ungefähr 12 Fuß erreicht, und in Zeiten großer Dürre das den See von dem Tal Siddin trennende Wasserbecken sogar von Fußgängern durchschritten werden kann. Von der Mitte des Salzsees aus tritt dem Beschauer die ganze trostlose Einsamkeit und tote Einförmigkeit der Landschaft greifbar vor Augen. Ringsumher nicht das geringste Zeichen von Vegetation. Nichts als Wasser und kahles Gestein. Rechts die Hügel von Judäa, von oben bis unten mit einer gelblich-weißen Kruste von Salz und Schwefel bedeckt. Zur Linken die langen, mineralhaltigen Bergrücken von Moab, deren zahllose Bergspitzen beständig Naphtha und Erdharz ausschwitzen. Nach Süden zu Salzhügel, die aus dem Meeresgrund aufzusteigen scheinen. Und über dem toten Gestein und den regungslosen Fluten, die die Benutzung des Steuerruders fast entbehrlich machen, die glühend heiße Sonne. — Die Reisenden dehnten ihre Fahrt bis nach Callirrhoe aus, wo der im ersten Buch Moses erwähnte Springquell „Pemin" sich in das Tote Meer ergießt. Dann kehrten sie nach den grünen Ufern des Jordan und nach Jericho zurück, wo man ihnen mitteilte, daß die Behörde eine Wiederholung der Spazierfahrt ein für allemal untersage. Uom zionistischen Aktionskomitee. Wien, 21. August. Das große Aktionskomitee hat am 16. d. M. die angekündigte Beratung abgehalten. Namens des engeren Aktionskomitees erstattete Architekt O. Marmorek Bericht. Der „Welt" zufolge sagte er: „Die Zeit von den letzten Sitzungen des großen A.-C. bis heute war ausgefüllt mit der Krankheitsgeschichte Dr. Herzls, mit seinem Tod, seinem Begräbnis und den bitteren Tagen nachher. Bis zu seinem letzten Augenblick führte Dr. Herzl persönlich alle Agenden der äußeren Politik. Alle andere Arbeit wurde ihm vom A.-C. vollkommen abgenommen. Referent schilderte dann die gegenwärtige politische Situation, den Stand der Verhandlungen mit England, Rußland und der Türkei, und erwähnt die Eröffnung der Bankfiliale in Jerusalem, an der sowohl der englische Konsul als auch die türkischen Lokalbehörden teilnahmen. Er berichtet ferner von der Anteilnahme des A.-C. an der Hamburger Kolonisationsgesellschaft und bringt zur allgemeinen Kenntnis, daß die Expedition zur Erforschung Ostafrikas, bestehend aus drei Herren aus England und zwei Herren aus Südafrika, sich demnächst auf den Weg machen werde." Dieser Bericht ist erstaunlich dürftig. Nicht als ob Herr Marmorek in seinen Angaben dürftig gewesen wäre; die Wiedergabe seiner Ausführungen durch die „Welt" ist eine anhaltende Verschweigung, ist die Karikatur einer Berichterstattung. Und