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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-08-26 · 35 (26.8.1904) · p. Seite 484

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
35 (26.8.1904)
Date
1904-08-26
Page
Seite 484 (sequence 4)
Language
German
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Seite 484. Israelitische Wochenschrift. Nr. 35 dürften die Seelen nur nach freigewonnener eigener Ueberzeugung, durch klares und begründetes Erkennen des einzelnen Inhalts gewonnen werden. Kritik, Erkenntnis des geschichtlichen Werdens, Begreifen, wie Institutionen sich allmählich herausgebildet haben, Untersuchung der Autoritäten, Fragen nach deren Berechtigung, Zurückführung ihrer Bedeutung auf das rechte Maß, das ist der Geist, der den heutigen Kulturmenschen beherrscht. Die Beschäftigung mit der kritischen Wissenschaft erzeugt auch die kritisch-wissenschaftliche Behandlung der religiösen Dokumente, der Bibel, des Talmuds und der talmudischen Schriften, ferner die philosophische Beleuchtung der Dogmen und religiösen Gesetze. Die kritische Wissenschaft, die analytisch zu Werk geht, kann daher nur zersetzend wirken. Die Bibelkritik bezweifelt die einheitliche Abfassung des Pentateuch. Die wissenschaftliche Behandlung des Talmuds zeigte ferner, daß seine Lehrsätze nicht immer logische Folgerungen der Bibel seien, sondern Folgerungen der damaligen Zeitverhältnisse. So ging die resormanstrebende kritische Wissenschaft Schritt für Schritt, bis sie dem vollständigen Radikalismus anheimfiel. Wohin sollte das führen? Was sollte an Stelle der bestrittenen Autoritäten, der bestrittenen Dokumente, der bestrittenen Gesetze treten? Auf welche Weise kann es gelingen, trotz der kritischen Wissenschaft, die alle Autoritäten vernichtet, die ganze Tradition aufrecht zu erhalten? Den Weg dazu gibt uns wieder Maimonides in seiner Lehre über den Begriff des „höchsten Gutes". Die Religion, sagt Maimonides, hat den Zweck, einerseits dem Menschen in seiner Hilflosigkeit und Schwäche gegenüber den blinden Mächten der Natur Halt und Stütze zu gewähren, andererseits die geistigen Freuden zu schaffen und zu mehren. Welches sind nun die höheren, wahrhaften Freuden? Dies, sagt Maimonides, zeigt schon das irdische Leben. Die größten Anstrengungen der Menschen sind nicht so sehr auf Speise und Trank gerichtet, als vielmehr auf Ehre, Ansehen usw. Die höchste geistige Lust aber ist das Streben nach Gotteserkenntnis, d. h. das Streben des Menschen nach dem Wahrheits-, Schönheits- und Sittlichkeitsideal; denn das göttliche Wesen ist der Träger dieser Ideale, weil es die höchste Liebe, die höchste Wahrheit und die vollendetste Schönheit ist. Da aber Ideale im irdischen Leben niemals zu erreichen sind, sondern in immer weitere Ferne gerückt werden, je mehr wir uns ihnen zu nähern glauben, so würde demnach die höchste geistige Freude des Menschen lediglich in dem beständigen Streben nach diesen Idealen bestehen, und die Förderung des Strebens nach diesen göttlichen Idealen bildet darum den positiven Inhalt der Religion. Dieser Zweck wird nun erreicht durch die vielen besonderen Religionsvorschriften, die als der Weg angegeben sind, der uns zu dieser Bestimmung führt. Jedes Hindernis auf diesem Weg heißt Sünde; die Ausübung der Gebote heißt Befreiung von der Sünde; d. h. wer aus Liebe einem Teil der Gebote nachgekommen ist, sieht sich für die Folge auf dem Weg nach den Idealen gefördert und die Hindernisse beseitigt; wer dagegen die Gebote und die Vorschriften verächtlich zu versäumen begonnen, findet dann auf dem Weg nach diesen geistigen Gütern allenthalben Schwierigkeiten und Hindernisse. Von diesem Gesichtspunkt aus ist jede theoretische Erörterung über Autorität der Tradition und die Zeitgemäßheit oder Unzeitgemäßheit der religiösen Vorschriften, insoweit es sich hier um die Förderung des dem Menschen angeborenen praktischen Bedürfnisses nach diesen geistigen Idealen handelt, ganz irrelevant. Es ist ganz einerlei, welche Motive diese Vorschriften zeugten, aus welcher Zeit sie stammen, wer der Urheber war, da der Zweck hinsichtlich des praktischen Bedürfnisses des Menschen nach den geistigen Idealen ein bleibender ist. Die ganze Tradition mit der ganzen Masse von Vorschriften ist ja selbst von dem Standpunkt der freisinnigsten Kritik das Resultat der Entwicklung der Geschichte des Judentums; sie ist gleichsam die Verkörperung des Judentums, und ein Judentum ohne - Tradition ist undenkbar. Deshalb sollte man weniger auf Autoritäten pochen, als vielmehr Vorbilder und Muster aufstellen, zu denen wir mit Ehrfurcht und heiliger Scheu emporblicken können. Die Auswahl an derartigen Vorbildern ist unendlich groß. Der wahrhaft religiösen Männer gab es viele innerhalb des Judentums, die in der strikten Beobachtung der religiösen Vorschriften ihre höchste Befriedigung fanden; und in dieser Ehrfurcht, in dieser heiligen Scheu vor solchen Vorbildern liegt gewiß ein stilles Wohlbehagen an dem idealen Gehalt. Kurz, man sollte gegenüber der wissenschaftlichen Reform mehr das praktische, sittliche Moment der religiösen Vorschriften und der Tradition hervorheben. Allen Religionsübungen, allen Gesetzen, allen Regeln und Vorschriften sollte die Moral als höchste Instanz, als positiver Inhalt gegeben werden. Die Moral ist das höchste Gut, das angestrebt werden muß, und jedes Gebot befestigt den Menschen in der Sittlichkeit. Wir kommen hiermit zu einem Punkt, den das Christentum als Trumpf gegen das jüdische Zeremonialgesetz ausspielt, nämlich die Verwerfung des Standpunkts, nach dem die Moralüät der Handlungen nicht darin bestehe, daß sie um des vorgeschriebenen Gesetzes willen geschehen, sondern daß sie in der eigenen Gesinnung wurzeln und aus freier Selbstbestimmung hervorgehen müsse. Nicht die gesetzliche, zwingende Vorschrift dürfte als maßgebende und treibende Kraft wirken, sondern die freie Liebe. Jndeß auch das Judentum hat diese Theorie und Idealität; es hält nur vorerst den gesetzlichen Standpunkt als Ansangsstufe sittlicher Entwicklung und moralischen Strebens für jeden einzelnen fest, und gibt den höhern, idealen Standpunkt als weitere Stufe zur Erstrebung auf. Die Erreichung dieses Ziels aber ist individuell; für die Gesamtheit ist die gute Handlung und die Moralität des gesellschaftlichen Zusammenlebens nur gesichert, wenn sie gesetzlich vorgeschrieben ist. Die „Liebe" als höheres Ziel stellt auch das Judentum auf; die höhere Vollendung als Prinzip besserer Moral ist nicht erst durch das Christentum geschaffen worden. Wir heben als Beispiel die Armenunterstützung heraus. Das Judentum ordnet diese auf dem Weg der Gesetzgebung durch vorgeschriebene Zehntenabgabe und andere Einrichtungen, begnügt sich aber nicht damit, sondern erklärt: „Hiermit wird die Armut noch nicht vollständig beseitigt werden; wo du sie auch findest, verhärte nicht dein Herz und verschließe nicht deine Hand, sondern gib noch dazu aus freiem Antrieb, aus „Liebe", so viel nötig ist". Und so ist Wohltätigkeit von jeher ein dauernder Vorzug in den Herzen und in dem Leben der Juden. Erst in der jüngsten Zeit kommt man auch christlicherseits darauf, der Not der Armen auf gesetzlichem Weg zu steuern. Man nennt dieses zwar „praktisches Christentum", im Gegensatz zu dem „theoretischen", das sich auf die „freie Liebe" beschränkt. In Wahrheit aber ist dies eine Rückkehr zu dem jüdischen System der „Gesetzesvorschriften". Zunächst muß gegeben werden; die Armen können nicht auf die „freiwillige" Gabe warten; diese würde nur ausreichen, wenn alle auf der gleichen Höhe sittlicher Vollendung ständen. Man ist demnach auf Mose zurückgegangen. Unser Neligionsbuch heißt „Thora" > (Lehre). Zunächst wirkt für die gute Tat die „Lehre" auf die

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