Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 35 (26.8.1904)
- Date
- 1904-08-26
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Zeitschrift für die Geslimlintkreffk» des Judentums. Webst dem Weibl'att: Iüörlcbes LittevclturbLcrtt. verantw. Redakt.: Lll. A. R lausner, Serliu W., Tanenzienstr. 19 a. Telephon: Amt IX, Nr. 6567. Verlag: Arthur Schalem Berlin 6., Noßstraße 3. Telephon: Amt l, Nr. 5729. Poft-Zeitungsliste Nr. 393^. Bezugspreis vierteljährlich: Deutschland n. Oesterreich-Ungara 3,00 MK alle anderen Länder 3,50 MK. Nr. 35 Berlin. 26. August \90\. JclVrycltty XlII. Erscheint an jebem Freitag, das jüdische Litteraturblatt monatlich zweimal. Zu beziehen durch die Post oder unsere Expedition: Berlin 0.19, Roß-Straße 3. Anzeigen für die einspaltige Petitzeile oder deren Raum 30 Pf. Bei Wiederholungen Preisermäßigung. Alle Annoncen-Expeditionen sowie unsere Expedition nehmen Anzeigen entgegen Für die Redaktion bestimmte Mitteilungen erbitte ich an die Adresse: Berlin^., Tauenzienftr. 19 a. M. A. Klausner. Inhalt. Artikel: Zeremonialgesetz und Moral. Von Rabbiner Dr. B. Seligkowitz-Köthen. — Judengesetzreform in Rußland. — Eine Motorbootsfahrt über den Salzsee. — Vom zionistischen Aktionskomitee. — Hillel. Von Albert Katz. — Sprechsaal: Die Israel-Stele. Von Dr. Rieger. — Politik: Die empfohlene Geistlosigkeit. — Unverständlich. — Herrlich weit gebracht. — Die russische Militärgewalt. — Wochenchronik: Wochenkalender. — Berlin: Suspension vom Amt. — Synagogen-Einweihung. — Königsberg i. Pr.: Neue Vorschriften für russische Auswanderer. — Wien: General Stöffels Abstammung. — St. Petersburg: Aerzte und Juden. — Personalnachrichten und kleine Mitteilungen. — Vakanzen. — Feuilleton: Ein Frauenleben. Von C. Berg. (Fortsetzung.) — Brief- und Fragekasten. — Inserate. Lmmomalgeselr und Moral. Von Rabbiner Dr. B. Seligkowih-Köthen. Bei Gelegenheit der Entwicklung des Begriffs des sittlichen Handelns, wobei es hauptsächlich auf die Verbindung der äußern Handlung mit der innern Gesinnung ankommt, sucht Maimonides den Hinweis der Bibel auf Lohn und Strafe in folgender Weise zu rechtfertigen: Wenn dennoch, sagt Maimonides, in Bibel und Talmud auf Lohn und Strafe nachdrücklich hingewiesen und so durch Erregung von Furcht und Hoffnung eine Einwirkung auf das religiöse und sittliche Leben versucht worden ist, so geschah dies mit Rücksicht auf die vielfach vorkommende Unreife in sittlicher Beziehung, und weil unsere Religionslehrer als tiefe Kenner der Menschennatur einsahen, es sei fürs erste wenigstens notwendig und wertvoll, das äußere richtige Verhalten zu sichern, während die Vollkommenheit des sittlichen Standpunkts allerdings erst bei innerer Zustimmung und Anregung vorhanden sei. Maimonides erläutert dies sehr ansprechend durch ein Gleichnis: Ein Kind, das den Schulbesuch und das Lernen erst liebgewinnen soll, werde vorläufig dafür mit Versprechung von Genuß und Vorteil gewonnen, die nach den Fortschritten seiner Entwicklung nötigenfalls zu immer höhern Gegenständen emporsteigen, ohne den eigentlichen Zweck des Lernens geltend zu machen, weil der Wert des Lernens und Wissens dem Kind durchaus unverständlich sei und ein Antrieb für sein Streben noch nicht vorhanden sein könne. Und dieses Verfahren sei nachahmenswert bei der Erziehung der Jugend und der ungebildeten Menge; da müßten bei völliger Unfähigkeit zu einer idealen Anschauung die äußern Beweggründe des Lohns und der Strafe als einstweiliger Notbehelf angewendet werden. Die Furcht ist das niedrigste Erziehungsmittel. Es setzt voraus, daß dem Guten in der Menschenseele alle positiven Anknüpfungen fehlen, und wendet sich deshalb an das Prinzip des Bösen, an den gemeinen Egoismus, um dem Menschen durch Vorhaltung peinlicher Strafen das Verlassen sündiger Bahnen abzugewinnen. Das Mittel der Lockung durch verheißene Freuden ist schon um einen Grad würdiger; es ist schon geeignet, den Sinn für positive Güter zu wecken, die zu erreichen und zu fördern auch im Smn wahrer Sittlichkeit ist. Aber noch ist hier die Gesinnung in ihrer selbstischen Verfassung belassen, noch ist hier auf den natürlichen Egoismus gerechnet, der doch von einer wahrhaft versittlichenden Einwirkung vielmehr verneint, ausgerottet und durch edlere Willensrichtungen ersetzt werden sollte. Durch Fortgebrauch des Mittels der Furcht und der Lockungen wird also sittlicher Verderb geschaffen anstatt sittlicher Hebung. Ehe es jedoch möglich ist, aufzusteigen zu Einwirkungen solcher Art, die das Innere der Gesinnung umbilden und den selbstischen Trieb des Egoismus in das Gegenteil umschaffen, in den Trieb, der das Gute, Göttliche, Ideale als solches liebt und will, wird, noch näher dem Standpunkt der Furcht, Ehrfurcht und heilige Scheu erreichbar sein, in der schon ein stilles Wohlbehagen an dem idealen Gehalt zu dämmern und über den selbstischen Trieb Herr zu werden beginnt. So ist das nächste Mittel zur Einwirkung auf das Innere der Gesinnung der Eindruck heiliger Autoritäten, und die Gesinnung achtungsvollen Gehorsams wird hierdurch sich an Stelle des Egoismus gesetzt. Allein der allgemeine Charakter des unsere Zeit beherrschenden Geistes verträgt sich mit dem Begriff und dem Prinzip der Autorität nicht, am allerwenigsten auf religiösem Gebiet. Nicht nur die Stufen der Furcht und der Lockung, sondern auch die der Autorität sind längst überschritten, und allenthalben