Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 33 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- Seite 466 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605972-9659947--8967-9606225- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ite 466 Israelitische Wochenschrift. Nr. 33 ihn unvermutet nüt der Frage: „Du hast Verdruß gehabt?" „Ja." Knapp, beinahe unfreundlich kam die Antwort; er wendete kaum den Kaps nach ihr. „Darf ich nicht erfahren, was es ist?" fragte sie bekümmert. Die strlle Sorge, die aus ihrer Stimme sprach, rührte ihn, und er erwiderte sanfter als vorher: „Nein, Kind, ich möchte nicht darüber sprechen." Mit dem Eigenwillen der Frauen, die merken, daß man ihnen etwas verbirgt, fuhr die Fürstin fort: „Ich wünschte eines zu wissen: Ist dieser Aerger dienstlich oder privater Art?" „Beides", sagte er grimmig „Alfred", bat sie zärtlich, „sage es mir doch! Das ist sonst nicht deine Art, das Alleintragen. Und dein Gesicht blickt finster — wie ein Mohrenfürst. Ich könnte mich davor fürchten. Beantworte mir nur eins: was dich da so erzürnt, trage ich Schuld daran?" Er mußte lächeln über die kleine Koketterie, mit der sie diese persönliche Note als letzten Trumpf ausspielte. Ihre liebliche Stimme, ihr einschmeichelndes und doch so unbefangenes Wesen, das ihn oft an Posthuma erinnerte, hatten ihn zuerst in sie verliebt gemacht. Sie war die verkörperte Anmut, wie sie da vor ihm stand und den braunen Lockenkopf bittend neigte; sie war seines Vertrauens würdig wie kein anderer Mensch, und doch mußte er ihre Bitte abweisen. Er streichelte ihre kleine Hand, die auf seiner Schulter lag: „Du trägst gar keine Schuld, mein Liebling. Ich bin ein rechtes Ungeheuer, daß mich dein Anblick nicht alles Unangenehme vergessen macht." „Es scheint doch nicht", sagte sie betrübt. „Geh, Porzia, sei wie immer mein verständiges Weib und frage nicht! Du kannst mir nicht helfen, trotz all deiner Liebe und Güte, und die Sache wird nur größer und schlimmer, je mehr man darüber spricht. Sorge, daß ich ein oder zwei Stunden ungestört bleibe! Hernach reite ich mit dir aus." Sie klatschte in die Hände. „Schön! Aber dann mag ich keine gefaltete Stirn sehen. Dann will ich dich ganz allein für mich." Sie lächelte ihm zu und ging. Wie sie die Portiere des Zimmers zurückschlug, stand der Diener am Ausgang. „Wenn Sie eine Meldung an den Fürsten haben, bescheiden Sie sich, Franz", befahl die Fürstin, „der Herr ist für niemanden zu sprechen". „Sehr wohl, Durchlaucht. Für diesen Fall soll ich dem Herrn Oberst diese Karte sofort überreichen." „Geben Sie her!" Sie nahm das Blatt, eine offene Visitenkarte, und las: „Unteroffizier Otto Meier vom *** Regiment". Darunter war mit Bleistift geschrieben: „Ein Freund Alfred Stahls bittet Seine Durchlaucht um baldiges Gehör." „Alfred?!" Sie schwenkte die Karte in der Luft und blickte ihn fragend an. „Du wünschest noch, meine Liebe?" „Was ist das für eine Zauberformel? Hier. Der Mann ist doch abzuweisen?" Der Fürst las und erbleichte. „Nein, nein! Man lasse ihn vor! Sofort! Und du, liebe Porzia. ..." Er blickte sie bittend an. „Du willst mich los werden. Ich verstehe", schmollte die junge Frau, „aber in einer Stunde . . . das bitte ich mir aus, muß alles unangenehme vergessen sein." Der Fürst sah ihr seufzend nach, dann gebot er dem Diener, der, seines persönlichen Befehls harrend, an der Tür stand: „Führen Sie den Unteroffizier herein!" Eigentlich hatte Meier kaum gehofft, daß die wenigen Worte, die er, einem instinktiven Trieb folgend, auf seine Karte geschrieben hatte, ihm wirklich Zutritt bei dem Fürsten verschaffen würde; er war fast unangenehm überrascht, als ihm sein Wunsch so schnell erfüllt wurde, und er folgte dem Diener mit dem bitteren Gefühl, das jeden anständigen Menschen überkommt, wenn er zugeben, es mit ansehen soll, daß eine infame Verleumdung einen wahren Kern enthält, daß die, die er für rein und schuldlos gehalten, sich plötzlich als heimliche Sünder erweisen — eine Empfindung, die ihn diesmal um so schmerzhafter traf, als eine Frau im Spiel schien, die dem jungen Mann wegen ihrer Schönheit und Anmut eine große Verehrung einflößte. Ueberdies war sie die Mutter seines Freundes, und Meier hatte Alfred Stahl aufrichtig lieb. Nie, nie in seinem ganzen Leben mehr wollte er einer Frau vertrauen, wenn es möglich war, daß diese Posthuma, deren Stirn so rein, und deren Wesen so vornehm und würdig schien, die Geliebte des Fürsten gewesen und vor ihren Kindern und aller Welt eine Tugend geheuchelt, die sie nie besaß. Armer Alfred! Meier wußte es nur zu genau, diese Entdeckung ging dem stolzen Menschen an das Leben. . . . Aber konnte er denn noch zweifeln? Jene Begegnung des Fürsten mit Alfred im Augusta- Park, die große Freundlichkeit, mit der der Oberst seinen Freund Stahl angeredet — hatte nicht das ganz unbefangene Lottchen zuerst die sonderbare Ähnlichkeit Alfreds mit dem Fürsten bemerkt? Und jener Singer, der vor den Kameraden in der Kneipe es mit seinem Ehrenwort beschworen, ja, sich erboten hatte, einen Zeugen zu stellen, daß er Frau Stahl mit dem Fürsten allein im Park habe promenieren gesehen? Dann die Beförderung Stahls. . . Ja, und würde der Fürst wohl auf Meiers Vermerk „ein Freund Alfred Stahls" reagiert haben, wenn ihn nicht intime Beziehungen mit Alfred verbanden? Der Fürst stand noch an seinem Pult, ein Fach verschließend. „Unteroffizier Meier?" „Zu Befehl Herr Oberst!" Der Fürst kehrte sich um und trat ihm einen Schritt entgegen: „Was wünschen Sie?" Der Oberst war erst seit ganz kurzer Zeit an das Regiment versetzt; Meier hatten, so oft er sich die Erscheinung des Leuchtenburgers vergegenwärtigte, mit nicht zu verscheuchender Beharrlichkeit die Züge seines Freundes vorgeschwebt; jetzt sah er auf und — blickte erstaunt und verblüfft in ein wildfremdes Gesicht. Welchen Hanswurststreich hatte ihm da seine Phantasie gespielt? Alfred glich dem Obersten so wenig, wie die Tanne der Eiche gleicht: Herrgott, weil Größe und Haarfarbe zweier Männer zufällig übereinstimmten, mußte darum eine ehrenrührige Verwandtschaft zwischen beide sein? Das war ja mehr als lächerlich, das war absurd, verrückt. . . Donnerwetter! Meier geriet in so heillose Verwirrung, daß er den Obersten wie geistesabwesend anstarrte und ihm nicht ein einziges Wort seiner wohlpräparierten Rede in Erinnerung kam. Ahnte der Fürst, was in des jungen Mannes Seele vorging? Er fühlte wohl ein menschliches Rühren mit dem sonderbaren Schwärmer: „Setzen Sie sich!" ermunterte er ihn, „Sie scheinen im Bann einer großen Erregung. Sprechen Sie, wenn Sie ruhiger sind!" „Zu Befehl, Herr Oberst", stammelte Meier, noch verwirrter als vorher. Man erzählt von Menschen, die die visionäre Gabe haben, die Gedanken anderer zu erraten — wenn der Fürst zu diesen seltenen Geistern gehörte! Meier stand der Angstschweiß auf der Stirn. Er fühlte, wie der durchdringende Blick des Leuchtenburgers auf ihm ruhte, aber die für einen Befehlshaber merkwürdig weiche Stimme linderte doch etwas Meiers Befangenheit: