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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-08-12 · 33 (12.8.1904) · p. Seite 467

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
33 (12.8.1904)
Date
1904-08-12
Page
Seite 467 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 83 Israelitische Wochenschrift. Seite 467. „Man hat Sw vorläufig aus der Hast entlassend" „Soeben, Herr Oberst." „Den-Unteroffizier Stahl auch?" „Ja, Herr Oberst." „Und der Gefreite Rost befindet sich auf dem Wege der Besserung?" „So wurde uns berichtet: man hat Rost aus dem Lazarett als geheilt fortgeschickt; jetzt ist er als Rekonvaleszent im Revier." Der Fürst nickte wie befriedigt: „Ein Glück für Ihren Freund. Die Aerzte sagen, eine Linie höher die Wunde. . . ." „Und Rost hätte der Teufel geholt. Es wäre nicht schade gewesen um diesen Lumpen. Ich, Herr Oberst, an Stahls Stelle, ich hätte ihn totgeschlagen." Der Fürst lächelte, Meier gefiel ihm in seiner ehrlichen Wut. „Sie werden bestraft werden. Sie und Stahl." „Zum erstenmal, Herr Oberst." „Ich weiß, ich weiß. Und ich bin nicht der Einzige, der diese unglückselige Affäre bedauert. Sie haben die Sympathien des ganzen Regiments." „Ja, aber auf eine ganz verfluchte Art." Meier war aufgesprungen, und allen Drill, allen militärischen Zwang außer acht lassend, wie ein Mensch zum Menschenbruder sprechend, Aug in Auge stand er vor dem Fürsten und rief bewegt: „Herr Oberst, die Kameraden sympathisieren mit Stahl, nicht weil sie in ihm einen anständigen Juden sehen, der für sein Streben und seine Pflichttreue, sowie seiner angenehmen Persönlichkeit wegen von den Vorgesetzten ausgezeichnet wurde und im Zorn einen betrunkenen Schlingel, der seine Ehre zu besudeln gewagt, züchtigte — nein, aus so vernünftigen Gründen beehrt das Regiment Alfred Stahl mit seiner Teilnahme nicht; aber da haben wir einen so nichtswürdigen Kerl unter uns, der Stahl haßt, weil mein Freund mit all den Vorzügen begnadet ist, die jener entbehrt, und dieser Neidhammel ist an jenem Unglücksabend im „Löwenbräu" von Tisch zu Tisch gegangen und hat den Kameraden, nachdem er ihnen ihr Ehrenwort, ihn nicht zu verraten, abgeschwatzt, einen romantischen Firlefanz in die Köpfe gesetzt und ihnen einen Bären aufgebunden von Stahls illegitimer Geburt. . . . Herr du meines Lebens, ich Hab ja den Blödsinn selber geglaubt bis zu dieser Stunde, da ich weiß, mein Fürst, daß ich mich in Gedanken mit versündigt habe an meinen armen Freund, an Ihnen, Durchlaucht, und an einer ehrbaren Frau, die ich für diesen Frevel von ganzem Herzen um Vergebung bitte. Und das ist noch nicht das Schlimmste, Herr Oberst. Mein unglücklicher Freund. ..." Der Fürst fuhr erschrocken auf: „Er glaubt doch nicht etwa, daß sie wahr sei, diese schändliche Lüge?!" „Sie haben ihn mit ihren Klatschereien irr und wirr gemacht", erwiderte Meier finster. '„Wir vermochten nur mit großer Mühe auszukundschaften, wer der Urheber dieser schändlichen Geschichte war. Der kleine Falkenstein, der ein heller Kopf ist, hat uns den Namen dieses männlichen Waschweibes eruiert. Es ist ein gewisser Klinger." „Norbert Klinger", sagte der Fürst; „ich habe ihn auch schvtt erfahren. Klinger alias Singer, das ist der Name?" „Ganz recht, Durchlaucht. Stahl hat ihm die Ehre angetan, ihn zu fordern; darauf hat dieser Mensch in einem kriechend höflichen Schreiben Stahl geantwortet, daß ihm seine Grundsätze sowie seine Religion — er hat vor einem Jahr einen winzigen Rest Judentum für ein großes Stück Protestantismus eingetauscht — den Zweikampf verbieten, daß er es selbst am unendlichsten bedauere, wenn Stahl sich irritiert fühle, rc. rc. Im übrigen verweise er ihn an seine eigene Familie, da er, Klinger, von einem nahen Verwandten Stahls jene ominösen Mitteilungen erhalten habe." „Also von Herrn Herz?" sagte der Fürst. Meier sah überrascht auf. „Durchlaucht sind unterrichtet?" „O, ich habe schon als Knabe dieses Individuum verabscheuen gelernt. Ich wußte garnicht, daß der Mensch noch existiert. . . . Aber das gehört nicht hierher. . . . Bitte, weiter!" „Ich habe Stahl gebeten, mir Herrn Klinger zu überlassen", fuhr Meier fort. „Bei nächstbester Gelegenheit werde ich ihm „Mansche!" zurufen oder sonst ein ruppiges Wort und ihm dann ein Paar herunterhauen!" „Das darf der Oberst nicht gehört haben", sagte der Fürst lächelnd. „Nee. Ich bitt auch schön, daß er es wieder vergißt. Aber das wäre noch das Schlimmste nicht. Ich kann den Jammer nicht mehr mit ansehen: mein unglücklicher Freunds er grübelt und zweifelt, er sinnt und quält sich." Der Fürst nahm von seinem Pult ein kleines in Saffian gebundenes Heft, wie man es in den fünfziger Jahren zu Tagebüchern benutzte, blätterte darin und sprach: „Posthuma Stahl hat am 31. August 1853 ihren Oheim Emil Stahl geheiratet. Ich befand mich mit meiner Mutter damals in Sizilien, von da gingen wir nach Kairo, wo wir ein volles Jahr verblieben. Dort habe ich auch im Juni oder Juli 1854 im englischen Cafe eine Nummer der „Vossischen" gelesen, in der Herr und Frau Emil Stahl die Geburt ihres Sohnes anzeigten. Wenn Alfred Stahl oder einer seiner Freunde nur einen Gran Besinnung und klare Vernunft besitzen, würden sie einen Gang nach dem Stadthaus unternehmen. Der erste, beste Beamte wird ihnen auf Wunsch die ordnungsgemäßen Papiere vorweisen." „Sehr wohl, Durchlaucht! Aber Herr Robert Herz läßt durchblicken, der Arm des Fürsten Leuchtenburg reichte weit, und die Geburts-Urkunde Alfreds sei gefälscht. . . . Stahl verbringt seine Tage mit dem Durchstöbern und Nachforschen nach Briefen und Papieren. Er, der ehedem seine Mutter vergötterte — ich glaube, er ist auf dem Wege, sie für ihre vermeintliche Ehrlosigkeit jetzt zu hassen." Meier schwieg. Er konnte das Gesicht des Fürsten nicht sehen. Alfred Leuchtenburg saß mit dem Rücken gegen das von Portieren und Gardinen verhüllte Fenster; er hielt den Kopf gesenkt und schien in tiefes Sinnen verloren. Erst nach einer ganzen Weile sprach er, und seine Stimme klang wie die eines Mannes, der in gleich großem Maß Schmerz und Abscheu fühlt: „Das muß man diesem Rotiert Herz lassen, seine Bosheit mit ihrer lebenslänglichen Ausdauer hat einen Stich ins Große, wie sein unermüdlicher Haß. Calomniez, calomniez, il en restera toujours quelque chose! Seine Methode ist nicht neu, aber dafür um so erprobter. Ihren Freund bedaure ich weit schmerzlicher, als Sie es ahnen. Und noch mehr seine Mutter, die ich gegen all diese perfiden Verleumdungen nicht einmal schützen darf." „Wieso nicht, Durchlaucht?" fragte Meier trocken. „Die Gründe dafür sehe ich nicht ein. Mit Delikatesse und Vornehmheit kommt man Otterngezücht nicht an den Leib, da heißt's, dem Geschmeiß ordentlich den Kopf zertreten. Kurz und bündig: Ich kam hierher, den Fürsten Leuchtenburg aufi zufordern, daß er öffentlich erkläre: Alfred Stahl ist nicht mein Sohn." (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich 'ür tun redaktionellen Teil: M. A. Klausner, für den Inseratenteil: Arthur Schalem in Berlin.

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