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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-08-12 · 33 (12.8.1904) · p. Seite 465

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
33 (12.8.1904)
Date
1904-08-12
Page
Seite 465 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 33 Israelitische Wochenschrift. Seite 465 Feuilleton. Lin Frauenleben. Biographischer Roman von C. Berg. (Fortsetzung.) Aber mit einem kräftigen Ruck hatte sich Meier schon selbst befreit. Beide Hände des Trunkenen in seinen nervigen Fäusten wie in einen Schraubstock pressend, daß ihm die Nägel ins Blut drangen, sprach er leise, aber um so eindringlicher zu ihm: „Wenn du nicht augenblicklich vernünftig wirst, dann schlage ich dir auf der Stelle den Schädel ein, du verrückter Kerl! Glaubst du, weil du dich toll und voll säufst, dürftest du ungestraft anständigen Leuten die Ehre abschneiden?!" „Laß los!" keuschte Rost, den der fürchterliche Händedruck Meiers vor Schmerz nüchtern machte. „Loslassen, oder ich rede, was dich reut!" „Garnichts mehr hast du zu reden", fuhr Meier ihn an, „Ruh' geben sollst du, du Lump!" „Nun gerade nicht", knirschte Rost. „Denkst du denn, ich wüßt's allein? Von Tisch zu Tisch ist er gegangen und hat's erzählt — da Schröter hat's auch gehört." „Ich habe nichts gehört", antwortete Schröter, den Säbel festschnallend und die Handschuhe aufziehend. Auch der jüngere Schröter und sein Vetter griffen nach ihren Hüten. „Doch!" rief Rost hartnäckig, „alle Wissens, daß der Oberst ihn persönlich befürwortet hat. . . Und den feinen Tip mit Monostatos hatte seine Mutter auch vom Fürsten." „Rost!" flüsterte Meier, kreideweiß vor Wut, „wenn du noch einen Mucks tust" und er schüttelte ihn, daß dem sich vergebens Wehrenden Hören und Sehen verging. „Lassen Sie ihn laufen, Meier, Sie sehen, der Mann ist unzurechnungsfähig! Guten Abend." Der Einjährige ging gefolgt von den Zivilisten; sie hatten alle drei keine Lust, den Ausgang der unerquicklichen Szene abzuwarten. Stahl und die beiden Falkensteine saßen in der abgelegenen Ecke des anderen Saales in eifrigem Gespräch; der ältere bestritt, daß sie ihre militärische Laufbahn mit dem Reserveoffizier beschließen würden, während Alfred Stahl, ganz Feuer und Flamme, versicherte, er werde die ganze Kraft seiner Persönlichkeit einsetzen, um dies Ziel zu erreichen. „Und ich werde mir nicht die geringste Mühe darum geben", erklärte Falkenstein junior; „sie lassen Unsereinen zum Examen garnicht zu. Allenfalls die Mediziner, denn die brauchen sie. Der Graf von oder der Baron von Z. würden glauben, daß ihre Ahnen aus den Grüften steigen, wenn sie einen Juden zu ihrem Korps zählten. Meinetwegen können die alten Herren Raubritter ruhig liegen bleiben; Gott behüte, daß sie wieder auferstehen!" „Höre, Flock", sagte Alfred ärgerlich, „wenn alle so pomadig dächten wie du, werden wir Juden unsere Gleichberechtigung im Staat niemals erreichen." „Die werden wir auch niemals erreichen", entgegnete Flock, „aber tröste dich, guter Alf! Denn diese Gleichberechtigung wäre das Ende des Judentums. Wenn unsere Glaubensgenossen in hohe Stellungen und Aemter gelangen, beginnen sie sich ihrer Abkunft und der Religion ihrer Väter zu schämen und taufen sich. Mach' die Augen auf, Alf, Beispiele beweisen! Wo sind die Nachkommen Moses Mendelssohns? Warum wurden Heine und Börne Christen und hundert andere, die es zu Rang und Ruhm gebracht? Wieviel jüdisches Blut fließt wohl in den Reihen derer, die heute auf uns herabsehen! Und der jüdische Offizier! Daß Gott sich erbarm! Es kennt der Ochse seinen Eigentümer und der Esel die Krippe seines Herrn, aber der würde seinen Vater nicht kennen und seine Mutter nicht segnen, die Erde würde beben unter seinem stolzen Tritt; aber wenn irgend ein hochgeborener Herr von Habenichts daher käme und böte ihm allergnädigst sein blaublütiges Töchterlein zur Gemahlin an, er würde beglückt zugreifen, und wäre sie schon so gelb wie ihr Adelsbrief und so steif und hölzern wie das Brett vor seinem Schädel." „Darum sage ich: die Regierung tut in ihrer abgrundtiefen Weisheit mehr für die Erhaltung der Juden, wenn sie sie unterdrückt, als wenn sie ihnen Orden und Aemter gibt; denn hätte uns nicht Pharao Ziegel streichen lassen, wären wir längst ein verschollenes Volk wie Mizrajim, Moab, Amalek und die anderen toten Reiche alle! . . . Also, Prosit, Bruder, der ewige Jude soll leben!" „Du bist ein sehr bitterer Pessimist." „Die Wahrheit ist bitter wie Aloe, aber auch so gesund." Alfred hob seine großen, blauen Augen warm zu ihm auf. „Ich werde immer an den Fortschritt des Guten glauben." „Wie alle Leute, die Erfolge haben." „Aber, du eigensinniger Heraklit, ich glaube nicht der schlechteste Jude zu sein, und man hat mich doch befördert, sogar schon nach unverhältnismäßig kurzer Zeit." „Ausnahme! Das ganze Regiment ist in Aufruhr über diese Auszeichnung." „Es gibt sehr viele Christen", sprach Alfred bewegt, „die den Vorzügen der Juden vollste Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ist uns Meier nicht ein aufrichtig ergebener, treuer Freund?" „Ausnahme!" „Ich wüßte sehr gern, wo diese Ausnahme bleibt!" sprach der ältere Falkenstein aufstehend und nach der Glastür gehend. „Dacht ich's doch, daß der betrunkene Kerl mit ihm Krach anfangen würde!" Mit einem Sprung stand Alfred neben ihm: „Was Teufel ist da los?! Das sieht ans, als wollten die Beiden einander die Hälse brechen!" Er drückte auf die Klinke, um in den Saal zu eilen. Flock hielt ihn zurück. „Willst du einen Hund bei den Ohren packen? Was ereiferst du dich?! Ihr Streit geht dich nichts an." „Das wäre ja noch schöner, einen Freund in der Patsche zu lassen!" rief Alfred empört. „Siehst du nicht, daß das den Beiden Festung kosten kann?" Er stürzte in den Saal. „Meier, um Gotteswillen, laß doch Rost in Ruhe!" „Das geht Sie garnichts an", schnaubte Rost, „ich brauche Ihre Fürbitte nicht." „Otto", bat Stahl leise, „so höre doch! Der ganze Saal schaut auf dich!" „Das gilt Ihnen!" schrie Rost, „sie wollen alle den Juden sehen, der den Leuchtenburger zum Vater hat." In der nächsten Minute hatte ihn Alfred zu Boden geschlagen. Der Tumult, der nun folgte, war unbeschreiblich. Mit großer Mühe hoben drei Mann Rost, der ohnmächtig und blutend auf der Diele lag, auf eine schnell herbeigeholte Bahre. Der anwesende Hauptmann von Alfreds Regiment ließ Stahl und Meier verhaften und nach der Wache führen. . . . Zum erstenmal in ihrer seit zwei Jahren andauernd wolkenlosen Ehe fand die Fürstin Leuchtenburg ihren Gatten schweigsam und zerstreut. Sie wunderte sich, daß er entgegen seiner Gewohnheit, sich mit ihr nicht aussprach; da sie ein lebhafte, offene Natur war, folgte sie ihm in sein Arbeitszimmer, wo sie ihn nachdenklich an seinem Schreibtisch fand, und überfiel

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