Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 33 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- Seite 460 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 460. Israelitische Wochenschrift. Nr. 33. beiden Herren scheint nach meinen Bemühungen wie besiegelt, im besten Fall wird man in einer späteren Geschichte der Jerusalemer Juden auf sie das Diktum angewendet finden: von der Parteien Haß und Gunst verwirrt, schwankt ihr Charakterbild in der Geschichte — nein, es gilt jetzt, ein persönliches Plaidoyer zu halten, nachdem ich gesucht habe, andere aus der Pfanne zu hauen, zuzusehen, daß ich nicht selber darin brate, und die nötige Vorsorge zu treffen, damit ich nicht wie der Retter manches Unglücklichen bei meinem Hilssversuch selbst dem Untergang geweiht werde. Diese Gefahr droht mir aber allen Ernstes infolge Ihrer kurz gedrängten, vieldeutiger Auslegung fähigen, und mich an Ihre häufigen geistigen Turniere mit der edlen. Ihnen und mir so teuren „Kreuz-Zeitung" erinnernden Bemerkung zu dem Satz, in dem ich, nach einem Vergleich der Preisverhältnisse der russischen und deutschen Post bei Benutzung von Drucksachen wegen erheblicher Billigkeit, unbeschadet meiner deutschen Reichsangehörigkeit, der ersteren den Vorzug zu geben mich genötigt sah und dabei Geldinteresse und Patriotismus in Kollision geraten ließ. Nach Ihrer Bemerkung über diesen Satz könnte es den Anschein erwecken, oder vielmehr muß ich es als eine ausgemachte Tatsache ansehen, daß Sie, verehrter Herr Redakteur, und Ihre gesch. Leser der Ansicht sind, daß für mich in allen Fällen und in jeder Weise Geldinteresse und Patriotismus zwei einander ausschließende Begriffe sind. Als ich den Satz niederschrieb, fühlte ich auch wohl, daß er, vereinzelt hingestellt, einer solchen Auslegung fähig wäre, ja daß sie als die einzig mögliche erscheinen könnte; aber im Zusammenhang meiner Ausführungen fürchtete ich nicht, daß er irgend einer Mißdeutung bei Ihnen oder in Ihrem gesch. Leserkreis begegnen würde. Nachdem das nun aber doch geschehen, finde ich es unbedingt notwendig, meine Auffassung des Begriffs „Patriotismus" oder „Vaterlandsliebe" bestimmter zu definieren und den von mir in dem früheren Artikel gebrauchten Ausdruck zu präzisieren. Unter Patriotismus versteht man doch wohl ohne Widerspruch die Liebe zu der von einem Gesetz regierten, von einem Geist, Denken und Fühlen beseelten, gegen äußere und innere Feinde zu einem Schutz- und Trutzbündnis zusammengeschlossene Gesamtheit, deren Erhaltung selbstverständlich ohne persönliche Opfer physischer, geistiger und materiell pekuniärer Art unmöglich ist. Daß die Liebe zu dieser brüderlichen Gesamtorganisation, daß die Liebe zum Vaterland, dem wir die Sprache, die Erziehung und Bildung, das äußere Fortkommen, Recht und Schutz in der Heimat und im Ausland verdanken, an der Geldbörse keine Schranke finden darf, das finde ich auch durchaus selbstverständlich und natürlich, und kommt mir die Anschauung jenes römischen Kosmopoliten und der internationalen Sozialdemokratie, der die bekannten Worte Ausdruck verleihen: „ubi bene, ibi patria", ebenso verächtlich vor, wie die Handlungsweise eines Kindes, das im Glück der eignen Mutter vergessen wollte, die es geboren und unter vieler Mühe, unter großer Freude, aber noch größeren Schmerzen und Sorgen auferzogen, bis es imstande war, selbständig die eigenen Wege zu gehen. Ist es also auch für mich eine ausgemachte Sache, daß das Interesse an dem Volkganzen, an dem Vaterland oder an dem Staat als Gesamtorganisation der nach gleichen Rechten und Pflichten verbundenen Bürger dem Geldinteresse vorzugehen hat, so scheint mir, wie das bei der Frage der Benutzung der deutschen oder russischen Post in Jerusalem der Fall ist, die Sache doch ganz anders zu liegen gegenüber einzelnen Institutionen, die der Staat angeblich zum Vorteil, zur Bequemlichkeit und zum Nutzen seiner Bürger einrichtet, von denen er aber auch selbst Gewinn zieht, und von denen nach der Ueberzeugung vieler Mitbürger manche für das allgemeine Wohl sogar schädlich und verwerflich sind und deshalb gerade vom Standpunkt des wahren Patriotismus öffentlich diskreditiert und bekämpft werden müssen. Der Staat richtet öffentliche Verkehrsanstalten ein, baut Eisenbahnen, legt Post- und Telegraphenstationen an, sorgt für Schiffahrtsverbindung zwischen den heimatlichen und überseeischen Ländern, gründet Bank- und Kreditinstitute, sorgt für Erziehungs- und Unterrichtsanstalten, preist Lotterien an, nimmt das Monopol auf Tabak, Spirituosen, Genußmittel aller Art rc. rc. Nun ist die Frage, die meines Erachtens für die Ethik bei der Behandlung der Kasuistik nicht schwer zu lösen ist: bin ich auch in all den genannten und unzählig anderen Fällen vom Standpunkt des Patriotismus aus verpflichtet, alle solche Einrichtungen und Vornahmen des Staats zu billigen und bei etwaigem Bedarf die von ihm gebotene Gelegenheit zu benutzen, um ihn zu decken, selbst wenn dies zu meinem eigenen Schaden geschehen müßte? Nach meinem Dafürhalten kann auch nach den strengsten Grundsätzen der Ethik diese Frage nur unter das Kapitel der Adiaphora eingereiht werden, das heißt, es muß in das Belieben des Einzelnen gestellt bleiben, ob er sich unbeschadet seines Patriotismus der vom Staat gebotenen Gelegenheiten im Bedarfsfall bedienen will, oder nicht, falls er anderswo besser seinen Vorteil zu finden glaubt, wie das ja auch alltäglich wirklich in der Praxis tausendfach vorkommt. Wenn hier Grund zu angeblichem Mangel an Patriotismus vorliegt, so trägt nicht der Staatsangehörige, sondern der Staat selber die Schuld, wie ich das in meinem Artikel mit Beziehung auf die deutsche und russische Post in Jerusalem als unmißverständlichen Wink anzudeuten suchte mit den Worten: „Und es ist doch nicht abzusehen, warum das, was bei den Russen möglich, die Deutschen nicht auch können". Diese Ansicht von den Dingen stand mir übrigens so wie jetzt auch schon während der Niederschrift des angezogenen Artikels fest, und wenn ich dort sagte: „In Geldsachen hört nicht nur die Gemütlichkeit, sondern auch der Patriotismus auf", so wollte ich damit nur einem Landsmann eine Antwort geben, der mir etwa infolge der Benutzung meiner russischen Post Mangel an Patriotismus, nach seiner Auffassung des Wortes, vorwerfen könnte, und habe nur versäumt das Wort Patriotismus in sog. Gänsefüßchen zusetzen; denn, daß ich mit dieser meiner Handlungsweise den Patriotismus im wahren und allein berechtigten Sinn des Wortes nicht zu verleugnen brauche, steht mir nach wie vor fest. Doch wie oft glaubt der Mensch mit seiner Handlungsweise und seinen Reden im Rechten zu sein, und er befindet sich trotzdem im Irrtum. In der Behandlung subtiler und heikler Fragen habe ich, geehrter Herr Redakteur, schon oft Gelegenheit gehabt, Ihren Scharfsinn für richtige Lösung und sachgemäße Entscheidung zu bewundern (wollen Sie aus unangebrachter Bescheidenheit dieses Lob hier nur nicht unterdrücken!), möchten sie also die Güte haben, das, was ich in meinem Plaidoyer auf Ihre zwar nicht streng formulierte, aber doch deutlich genug ausgedrückte Anklage zu meiner Selbstverteidigung und Selbstrechtfertigung vorgebracht habe, einer unparteiischen Prüfung unterziehen, weil ich ernstlich gesonnen bin, falls Sie mir in demselben mit zwingenden Beweisen einen Fehlschuß aufweisen, meine Worte und Handlungsweise in entsprechender Weise darnach zu rektifizieren. Hochachtungsvollst Phil. Kieferndorf.