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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-08-12 · 33 (12.8.1904) · p. Seite 461

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
33 (12.8.1904)
Date
1904-08-12
Page
Seite 461 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 33. Israelitische Wochenschrift. Seite 461. Die Politik. (Minister v. Plehwe.) In zahlreichen Zeitungen ist der russische Minister v. Plehwe als der große und kühne Staatsmann hingestellt worden, der weitblickende Politik mit ungewöhnlicher Tatkraft verfolgte. Diese Schilderung ist unzutreffend. Plehwe war ganz und gar eine subalterne Natur, keines anderen Schwunges fähig, als den der angeschminkte Fanatismus zu verleihen vermag. Verlebt, sittlich verkommen, charakterlos, feige und grausam — das sind seine Wesenszüge. Auch war er gar nicht der Täter seiner Taten, sondern der gefügige und willige Vollstrecker der Befehle von Hintermännern, die sich im Schatten zu halten ihrer vornehmen Geburt schuldig zu sein glaubten, wohl auch vorzogen, der Rache ein ihnen fernes Ziel zu geben. Der Tod Plehwes hat an den Verhältnissen nichts, gar nichts geändert. * * * (Was erwartet Rußland von Plehwes Nachfolger?) Fürst Meschtscherski spottet in seinem „Grashdanin" über die Petersburger Gesellschaft, die schon 15 verschiedene Kandidaten für den Posten des Ministers des Innern namhaft gemacht hat, wird aber dann ernst und fragt: was erwartet Rußland von dem neuen Minister des Innern? „Um die Wahrheit zu sagen, wird das Tempo, in dem sich der Gedanke der Gesellschaft in den höheren Schichten des russischen Volks bewegt, allmählich schneller, und obgleich zwischen dem Amtsantritt W. K. Plehwes und seinem Tod nur 2 Jahre und 3 Monate liegen, so hat sich das Tempo des gesellschaftlichen Gedankens doch so beschleunigt, daß jetzt die geistige Welt dessen, was von der Regierung erwartet wird, eine ganz andere ist als vor 2 Jahren und 3 Monaten, und der historische Augenblick, den wir jetzt, nach dem -gewaltsamen Tod des Ministers des Innern, durchleben, unvergleichlich viel schwerer und wichtiger erscheint, als nach dem Tode Ssipjagins. Die Frage, was wünschen wir von dem neuen Minister des Inner::, erhält daher eine noch größere Bedeutung als früher. Um diese Frage zu beantworten, :nuß man sich nach meiner Ansicht vor allen Dingen ein richtiges Bild von Rußland machen und sich darüber klar werden, was Rußland vorstellt. Rußland ist ein Volk von ungefähr 1-10 Millionen Bewohnern, das unter dem Russischen Zaren steht, der vor anderthalb Jahren erklärt hat, daß die Hebung des Wohlstandes dieses Volks seine einzige Sorge sei. Von diesen 110 Millionen sind 138 Millionen ihrem Herrscher sowohl in der Liebe als in dem Vertrauen zu ihm schrankenlos ergeben, und 2 Millionen bestehen aus Leuten, die in der Denkweise, in den Wünschen und in den Ansichten über die Regierung unendlich verschieden sind. Was verlangen die 138 Millionen des russischen Volks? Sie verlangen eines: eine starke Zarische Gewalt und eine starke Regierung, damit die einzige Sorge, den Wohlstand des Volks zu heben, sich betätigen könne. Was verlangen jene zwei Millionen? Sie verlangen eine Aenderung der Staatsordnung und der Regierung, und bei der Prüfung der Wünsche stellt es sich heraus, daß sie zwei Zwecke haben: sich an die Stelle der Regierung und an die Stelle des Volks zu setzen. Hieraus ergibt sich die logische Folgerung: Da 138 Millionen russischen Volks mehr sind als zwei Millionen, so ist die Regierung des russischen Herrschers verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, daß sie stark sei, um den Wohlstand der 138 Millionen des russischen Volks zu sichern. Wenn man also, ohne viel zu klügeln, die Frage stellt, was wir mit den 138 Millionen des russischen Volks von dem neuen Minister des Innern wünschen, so wird die einfache und direkte Antwort jedes gesund denkenden Russen lauten: Daß er keine andere Sorge habe als die Sorge des Zaren, und keinen anderen Zweck als die Erfüllung des Wunsches des Volks: die Hebung seines Wohlstandes." Es ist möglich, daß 138 Millionen Russen von 140 Millionen nichts verlangen, als „die Hebung ihres Wohlstandes". Sollten aber wirklich bloß 2 Millionen Russen der Ueberzeugung sein, daß der öffentliche Wohlstand unter einem Willkürregiment nicht gehoben werden kann? * * * (Die Judenpässe an der russischen Grenze.) Die „Vossische Zeitung" schreibt über die differentielle Behandlung von Ausländern an Rußlands Grenze: „Sowohl die republikanische als auch die demokratische Konvention in den Vereinigten Staaten haben anläßlich der Ausstellung der Präsidentschaftskandidaten eine Resolution angenommen, dahingehend, daß die Regierung darauf sehe, daß die Pässe aller amerikanischen Bürger gleichviel welcher Religion oder Rasse anerkannt werden. Eventuell sollen neue Verträge mit denjenigen Ländern abgeschlossen werden, in denen ungeregelte Unterschiede gemacht werden. Diese Resolutionen sind speziell auf Rußland gemünzt. Nun wird allerdings schon seit wer weiß wie vielen Jahren von der amerikanischen Regierung vergeblich das hier Gewünschte zu erreichen gesucht. Alle Noten, alle mündlichen Vorstellungen, die nanrentlich Staatssekretär Hay dem russischen Botschafter Grafen Cassini gernacht hat, sind ohne Erfolg gewesen. Aber man hofft jetzt, daß gegenüber dem einhelligenden Wunsch der Vertreter der ganzen amerikanischen Nation die russische Regierung doch andere Seiten aufziehen wird. Man betrachtet in den Vereinigten Staaten die Paßfrage keineswegs als eine nur die Juden angehende Frage, sondern als eine Frage der nationalen Würde. Der Annahme der Paßresolution in beiden Konventionen sind vorangegangen zahllose Volksversammlungen, in denen entsprechende Resolutionen gefaßt worden sind. Wie man weiß, hat sich auch die deutsche Regierung vergeblich bemüht, durchzusetzen, daß die Pässe deutscher Bürger jüdischen Glaubens an der russischen Grenze respektiert werden. Man hofft nun in Amerika, daß jetzt alle Kulturstaaten an Rußland die gleiche Forderung stellen werden, und daß Rußland die Erfüllung dieser Forderung nicht mehr ablehne:: werde. Der vor einiger Zeit in New-Aork interviewte Fürst Uchtomski hat eine solche Konzession an die amerikanischen Juden nicht für unmöglich erklärt. Wie dann das Gleiche dem benachbarten und befreundeten Deutschland verweigert werden könnte, ist schwer einzusehen." Es ist möglich, daß Rußland der bestimmten Forderung Amerikas jetzt nachgibt. Deutschland aber wird an dem Verdienst keinen Anteil haben. Die „Bemühungen" der deutschen Regierung, von denen die „Vossische Zeitung" spricht, waren so zahm, daß sie zur Ablehnung förmlich aufforderten. Der Urheber des Königsberger Hochverratsprozeffes ist wohl dem Verdacht entrückt, daß er durch imponierende Haltung den Russen etwas «bringen könnte. (Falsches Gerücht.) Ein Berliner Nachrichtengeschäft verbreitet die Meldung, daß in einer russischen Ministerratssitzung, der Herr v. Witte präsidierte, beschlossen sei, dem Zaren eine weitgehende Reform der Judengesetzgebung, insbesondere die Abschaffung der Ansiedlungsbeschränkungen, sowie die Beseitigung der den Handel und Verkehr der Juden beschränkenden Aus-

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