Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-08-12 · 33 (12.8.1904) · p. Seite 456

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
33 (12.8.1904)
Date
1904-08-12
Page
Seite 456 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9605972-9659947--8957-9606215
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 456 Israelitische Wochenschrift. Nr. 33 brochenen Teilnahme an dem regen Leben des menschheitlichen Organismus die Bewegungen zeigen mußte, die es im Lauf der Weltgeschichte darstellte. Das Judentum ist mit der Menschheit vor- und rückwärts geschritten, nahm trotz seiner Isolierung den innigsten Anteil an ihren Jrrtümern und Schwächen sowohl, als auch an ihren Entdeckungen und Kraftäußerungen. Die Juden kämpften für Herd und Vaterland in der antiken Welt, schwärmten mit Phantnsiebildern ebenso gut wie ein Plotin und Porphyr; wetteiferten mit Mauren um den Sieg der aristotelischen Philosophie und in der gereimten Poesie; trieben mit ihren Zeitgenossen Astrologie und Alchemie, verfertigten ihre Amulette und Talismane und erwiderten die grausamen Verfolgungen und die erduldeten Folterschmerzen oft mit Haß und Rachedurst. Nur unter diesem Gesichtspunkt der Entwicklung werden wir zum richtigen Verständnis des Unterschieds gelangen zwischen dem Judentum in seiner äußern Erscheinung auf seinen verschiedenen Entwicklungsstadien und dem Judentum nach seinem innern Wesen, nach seiner innern Idee. / Man bilde sich aber auf keinen Fall ein, daß man durch die assyriologischen Funde der Neuzeit die israelitische Religion ins Herz getroffen habe. Schülerhafter und kindischer kann wahrlich das Wesen und die Idee des Judentums nicht aufgefaßt werden, als wenn man die buntscheckigsten Lappen der Keilinschriften-Literatur zusammenflickt und sie als Judentum präsentiert! Die Ergebnisse der Assyriologie bestätigen nur das, was wir niemals bestritten haben und auch jetzt nicht bestreiten, daß die jüdische Religion auf dem Boden des semitischen Heidentums gewachsen ist; und eine Hauptaufgabe der alttestamentlichen Theologie wird es nunmehr sein, die Berührungspunkte zwischen Jsraelitismus und Semitismus darzustellen und abzuwägen. Aber dieses semitische Heidentum galt der israelitischen Religion nur als der Dünger, während die Kraft eines neuen, ihr allein eigenen Prinzips die Frucht ist, die noch jetzt die ganze zivilisierte Welt nährt. Wir dürfen uns also auf keinen Fall der Erwägung verschließen, daß es sich in der israelitischen Religion um die religiöse Entwicklung von mehr als einem Jahrtausend handelt. Im alten Testament handelt es sich um das Wirken Moses und der Propheten, um den Glauben, die Sitten und die kultischen Institutionen eines Volks, dem zunächst nnr die mit dem Willen seines Gottes sich deckende Volkssitte und die im Orakel der Priester, Seher und Propheten vernommene Gottesstimme Autoritäten sind, während sich eine heilige Schrift erst im Verlauf, ein Lehrstand erst gegen Ende seiner Geschichte sich bildete. Und doch hat sich in der bunten Fülle eines solchen Lebens, das noch dazu durch einen lebhaften und komplizierten Umbildungsprozeß hindurchgegangen ist, ein göttlicher. Geist kristallisiert; und doch hat der ganze religiöse und ethische Inhalt des neuen Testaments die entsprechenden jüdischen Gedanken zur Voraussetzung und wird von diesem aus erst völlig verständlich. Hinter den Gedanken des neuen Testaments erblickt der Kundige überall die Gedankenwelt des zeitgenössischen Judentums. Das sind Tatsachen, die von allen christlichen Theologen und Bibelkritikern zugestanden werden. Daher werden uns die neuesten Ergebnisse der Assyriologie, aus der man manche Berührungspunkte zwischen Jsraelitismus und Semitismus herausschnüfselt, durchaus nicht abschrecken. Es soll der Bekenner des Judentums durch diese Untersuchung sich von der Wahrheit überzeugen, daß seine von den Vätern ererbte Religion zwar nicht dem Wesen und der Idee, aber der äußern Erscheinung nach einen Entwicklungsgang fordert, daß das Judentum der Gegenwart nicht mehr dasselbe Gewand seiner Vorzeit trügt, und daß sich das jetzige auch für die Zukunft ändern wird. Diese Ueberzeugung möge ihn zum Unterscheiden führen zwischen Wesen und Erscheinung, zwischen Schale und Kern. Sie möge ihn aber auch ferner lehren, daß seine Religion nicht an Altersschwäche gestorben sei und begraben werden müsse, sondern daß sie in voller Lebenskraft sich befindet; daß sie wegen ihrer Selbsterhaltung sich zwar manchmal in ein Leichengewand hüllen mußte, um in dieser äußern Erstarrung den innern Lebenskeim gegen die heftigen Stürme der Weltgeschichte desto sicherer schützen zu können, daß sie aber diese Lebenskeime in voller Kraft sich wieder entwickeln läßt, sobald die Frühlingssonne der Toleranz, der Zivilisation und der Humanität es gestattet. Der Bericht der Jüdischen Kolonisations°6e$ell$chaft. (Schluß.) Die Tätigkeit der I. C. A. in Rußland wird zumeist von dem in Petersburg ansässigen russischen Zentralkomitee geleitet. Das zuvörderst zu erreichende Ziel ist die Besserung der materiellen Lage für kleineHandwerker, Gewerbetreibende usw. durch Errichtung von Darlehns- und Sparbanken, billiger gesunder Wohnungen, durch Darlehen an Landwirte, und die geistige Hebung der jüdischen Bevölkerung durch Einrichtung von Elementar-, Landwirtschafts- und technischen Schulen, Fortbildungsschulen für Erwachsene und Unterweisung der Landwirte in den neuesten Methoden rationeller Bewirtschaftung. Die Wirksamkeit der I. C. A. ist im Berichtsjahr bedeutend erweitert worden. In den Elementarschulen ist die Zahl der Schüler (von 5530 im Vorjahr) auf 7050 gestiegen; die 34 technischen Schulen für Knaben und Mädchen (2 mehr als im Vorjahr) wurden von 3388 Schülern besucht, von denen 1852 — 1324 Knaben und 528 Mädchen — bereits an der Arbeit in den Werkstätten sich beteiligten. Die Zahl der Personen, die im Berichtsjahr Darlehen erhielten, hat sich von 13 404 im Vorjahr auf 17 459 erhöht. Die von der I. C. A. subventionierten landwirtschaftlichen Kolonien werden von beinahe 50 000 jüdischen Familien bewohnt. Im übrigen ist das Zentralkomitee bemüht gewesen, die für die Auswanderung nach Argentinien und Brasilien geeigneten Familien ausfindig zu machen. Die von der I. C. A. unterstützten Landwirtschafts- und Gartenbauschulen sind: 1. Die Landwirtschaftsschule in Minsk — 56 Schüler gegen 48 im Vorjahr —, hier ist beinahe die gesamte Landarbeit ausschließlich von den Schülern verrichtet worden. 2. Die Landwirtschaftsschule zu Mohilew am Dniepr. Sie hatte im Berichtsjahr 31 Schüler — im Vorjahr 21 — die Höchstzahl der überhaupt nufnehmbaren Schüler, die hauptsächlich im Gartenbau unterwiesen werden. 3. Die Landwirtschaftsschule zu Orgujew: sie hat jetzt 11 Schüler, nachdem neun Schüler ihre Lehrzeit beendet und gute Stellungen gefunden haben. 4. Die mit der Talmud-Thoraschule verbundene Landwirtschaftsschule in Czenstochowa hat nur 4 Schüler. 5. Die 'Landwirtschaftsschule in Czenstoniew in Russisch-Polen hat 72 Schüler — 48 im Vorjahr —, die auf dem 660 Hektar großen der Schule gehörigen Landgebiet in allen Landarbeiten, in Viehzucht, Obst- und Gemüsekultur, Blumenpflege usw. unterrichtet werden. 6. Die mit der Talmud-Thoraschule verbundene Gartenbauschule in Orscha hat 45 Schüler, die täglich 2 bis

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.