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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-07-29 · 31 (29.7.1904) · p. Seite 439

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
31 (29.7.1904)
Date
1904-07-29
Page
Seite 439 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 31 Israelitische Wochenschrift. Seite 439 Und während sie eilig davonschritt, blieb Alfred Leuchtenburg stehen, um ihr nachzuschauen, so lange seine Blicke ihre Gestalt erreichen konnten. Es ist ein seltenes Geschenk des Zufalls, der einen reisen Mann nach zwanzig Jahren seine Jugendgeliebte Wiedersehen läßt, unentstellt durch Zeit und Leid. .. Als der Fürst sich umwandte, um nach den Tribünen zurückzukehren, stieß er auf zwei Männer, der eine ein Zivilist schon in vorgeschrittneren Jahren, mit einer gewissen schäbigprotzigen Eleganz gekleidet, der andere ein hochaufgeschossener Einjähriger mit einem für seine fünfundzwanzig Jahre stark abgelebten Gesicht. Jetzt stellte er sich in Positur, um den Vorgesetzten zu grüßen. Der Oberst legte flüchtig zwei Finger an die Mütze und ging rasch vorüber. „Wir haben ihn in seinem Rendezvous gestört", sprach Robert Herz hämisch. „Ja, ja, alte Liebe rostet nicht!" „Noch kann ich mich von meinem Erstaunen nicht erholen", flüsterte der Andere, den Weg des Obersten mit Späherblicken verfolgend. „Nein wahrlich, Herz, hätte ich den Fürsten nicht selbst mit dieser Dame hier an dieser verschwiegenen Stelle auf und abspazieren gesehen, ich hätte Ihnen Ihre ungeheuerliche Geschichte nie geglaubt!" „Nun, was sagen Sie jetzt? He? Erzählt der alte Herz Lügen? Was? Haben Sie gesehen, wie sich das die Hände gedrückt hat? Mit welchen Blicken das einander angesehen? Richtig wie ein Liebespaar! Die feine Madame Stahl! Wenn ihr alter Onkel sie nicht damals Knall und Fall geheiratet hätte, würde man einen schönen Skandal erlebt haben." Der lange Einjährige strich krampfhaft seinen dünnen, starren Schnurrbart, der seinem ohnehin häßlichen Gesicht das Aussehen eines bösartigen Katers verlieh, in die Höhe. Diese „Skandal-Affäre" mundete ihm ordentlich köstlich, wie aufgewärmter Kaffee einem alten Weibe schmeckt. Denn Robert Klinger war von Charakter, ganz wie sein Hauswirt Robert Herz, ein verleumdungliebendes, klatschsüchtiges altes Weib. „Da wäre also nach Ihrer Darstellung Stahl ein natürlicher Sohn des Fürsten Leuchtenburg?" fiel er dem unruhig gestikulierenden und schwatzenden Herz ins Wort. „Nun wird mir' auch vieles klar — vor allem der Hochmut dieses Alfred Stahl und seine ewige Bevorzugung durch die Vorgesetzten. . . Natürlich, wenn man von solcher Abkunft ist!" Es klang wie Neid aus den Worten des Elenden: er hätte seine Eltern, arme, anständige Handelsleute, sofort preisgegeben, um für den Bastard eines Fürsten zu gelten. „Nun, lieber Herz, meiner Diskretion können Sie sicher sein, ich plaudre nichts aus." „Meinetwegen können Sie darüber reden, so viel Sie Lust haben", brummte Herz. „Meinen Sie denn, es glaubt Ihnen irgend wer? Die Stahls sind so reich, daß sie mit ihrem Sündengeld alle Schande tot machen können. Wer weiß heut, was vor zwanzig Jahren war?" Er wies nach dem Platz vor dem Restaurant, wo eine lange Tafel Posthuma, ihre Kinder und deren Freunde in lustiger Gesellschaft vereinte. „Heute ist die Person, die ich wegen ihrer schlechten Aufführung zurzeit aus meinem Haus gejagt habe, die reiche Madame Stahl, kutschiert in Pferd und Wagen, hat ihr eigen Haus; ihre Tochter ist an einen Millionär verheiratet, trotzdem sie viel, viel häßlicher und dümmer ist als mein Lottchen, und der hochnäsige Alfred guckt Sie nicht an, lieber Klinger, trotzdem Sie Referendar sind und tausendmal mehr wissen als er." Der Referendar gab Herz von der Seite einen bösen Blick. „Daß dieser soi-disant Stahl mich nicht beachtet", antwortete er, wieder heftig seinen Schnurrbart mißhandelnd, „ist mir höchst egal; dagegen bemerke ich, daß er Ihrer Enkeltochter viel zu viel Beachtung schenkt. Und sie täten gut, ein Auge darauf zu haben, verehrter Freund! Fräulein Lottchen wäre nicht die erste, die sich wegen eines romantischen Windbeutels eine solide Partie verscherzt". „Ich will da nicht ran gehen", brummte Herz, „ich verkehre mit den Leuten nicht. Aber wenn Lottchen nach Haus kommt, werde ich ihr erklären, daß das Flirten mit den Stahls ein Ende nehmen muß. Und so schlecht ist das Volk: da bitten sie mein Lottchen in ihr Haus, nur um sie gegen mich aufzuhetzen." Sie gingen beide wie in stiller Verabredung in großer Entfernung hinter dem Tisch der Stahls vorbei: der eine, weil er recht gut wußte, daß man ihn überhaupt nicht auffordern würde, heranzukommen, der andere, weil er befürchtete, Lotte werde ihm wie bei früheren Gelegenheiten eine Szene machen; sie nahm immer für die Stahls gegen ihn Partei und sprach sehr deutlich von Aufdringlichkeit, sobald ihr Großvater einmal Miene machte, auch seinerseits von der Gastfreiheit der Stiefverwantten profitieren zu wollen. . . . Lottchen stand am Fenster in ihrer kleinen Kammer, schwärmte den Vollmond an, der über den Spitzdächern der engen Gasse schwebte und schwelgte in süßer Erinnerung. Sie hatte den herrlichsten Frühlingstag in ihrem bis jetzt so freudelosen Leben genossen, und sie vergegenwärtigte sich noch einmal alles Schöne, das sie heute erlebt. „Lotte", hatte Alfred gesagt, „wenn unser Pferd gewinnt, erhältst du ein Drittel; eins teile ich mit Luise und das letzte Drittel erhält Mama." „Ach, Alfred, lasse nur mich aus, ich habe überall Pech!" „Unsinn, Lottchen", flüsterte Alfred leise, „einmal kommt schon das Glück auch zu dir." „Schlag die Daumen ein!" riet Luise, „da kommt der Rappe, ein prächtiges Tier." „Aufgepaßt, Mädchen!" rief Alfred. „Die hochbeinigen Gegner sind garnicht zu verachten." „Staatstiere insgesamt", versicherte Flock, „du wirst hinten runterfallen mit deinem Rappen, lieber Stahl." „Monostatos ist ein Ungar", erklärte Alfred, „Ihr wißt doch, extra Idun^ariam non e8t vita . . . Ungarn ist immer allen voraus!" Die jungen Leute hatten noch hin und her gestritten, dann setzte die Musik ein und das Rennen begann. Lottchen bekam Herzklopfen; ihre scharfen schwarzen Augen verfolgten die schönen Tiere, bis der aufwirbelnde Staub es beinahe unmöglich machte. Rosse und Reiter zu erkennen. ' „Stahl", hörte sie Meyer höhnen, „Ihr Vollblutrappe zottelt wie ein Tramway-Gaul." Da intonierte die Kapelle einen Czardas, und als hätte das edle Tier die feurigen Melodieen seiner Heimat erkannt, schoß es wie ein Pfeil dahin, wirklich allen voraus, bis an das Ziel. „Monostatos hoch!" Lottchen und Luise schreien mit am lautesten in dem Beifallsjubel; sie wedelten mit den Tüchern und trommelten mit den Füßen, „wie kleine Gassenjungen", kritisierte Meier ihren Begeisterungsrausch. Dann waren sie alle nach dem Restaurant geeilt, Posthuma aufzusuchen und ihr den Sieg Monostatos mitzuteilen. „Mama, wie ist dir jetzt?" „Tante, Tante, Monostatos hat gewonnen." „Wie ist Ihr Befinden, gnädige Frau?" Sie sprachen alle sechs auf einmal auf Posthuma ein, und Lottchen hätte Meier beinahe umarmt, weil er ihr zuraunte: „Unmöglich zu glauben, daß Ihre Tante nicht wohl

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