Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 31 (29.7.1904)
- Date
- 1904-07-29
- Page
- Seite 440 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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- IRI
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Seite 440. Israelitische Wochenschrift. Nr. 31 sein soll. Die Frau stammt sicher aus dem Geschlecht Penelopes loeim nicht gar Helenas. Sie leuchtet vor Schönheit". Ja, so reizend, so liebenswürdig war ihr Frau Posthuma noch nie erschienen und so heiter! Wenn Lottchen an ihren ewig nörgelnden Großvater dachte, dessen ständiges Thema es war, von Frau Postel schlecht zu sprechen, ballte sie die Faust. „Wer verwahrte den Zettel mit dem Namen des siegreichen Pferdes?" hatte Posthuma gefragt. „Ich, Tante", rief Lottchen, „Alfred hat ihn mir zur Erinnerung geschenkt." „Willst du mir dieses Souvenir überlassen? Ich gebe dir gern meinen Gewinnanteil dafür. Greife zu, Lotte, es sind dreihundert Mark!" „Aber Tante?!" Lotte war ganz erschrocken, als ihr Posthuma unter dem Tisch drei Hundertmarkscheine in die Hand drückte. „Bitte, nimm doch den Zettel ohne Geld, er hat ja sonst keinen Wert!" „Bitte, hier!" „Monostatos aus dem Stall Leuchtenburg und ein Wappen! Nein, Tante, für ein nichtiges Blatt darf ich unmöglich das schwere Geld behalten." „Sträube dich nicht länger!" sagte Posthuma. „Du verkaufst mir das Blättchen noch unter dem Preis, für mich hat es höheren Wert." Alfred, dessen erinnerte sich Lottchen jetzt mit Verwunderung, hatte seine Mutter befremdet angeblickt. „Mutter, kennst du wirklich den Fürsten?" „Freilich", hatte Posthuma lächelnd geantwortet, „der Fürst und ich waren Jugendgespielen; auch dein Vater hat den Fürsten wohl gekannt." Alfred war dann gleich wieder sehr guter Laune geworden; er und Luise hatten Lottchen gezwungen, die Hälfte ihres Gewinns anzunehmen, und als sie sich weigerte, schalt Luise sie einen unehrlichen Spielverderber und praktizierte ihr die Scheine ohne weiteres in ihr Handtäschchen. Sechshundert Mark! So viel Geld hatte Lottchen noch nie ihr eigen genannt! Sie beschloß, ihren Schatz geheim zu hallen. Als Wirtschafterin des Großvaters hatte sie ein undankbares Amt: von dem wenigen Geld, das er ihr gab, verlangte er einen leckeren Tisch; auch forderte er, daß sich Lotte fein kleiden und immer geputzt gehen sollte; denn seine Eitelkeit und Prunksucht waren mit den Jahren noch gewachsen. Natürlich hatte das arme Ding den Kopf voll Sorgen, und die Schulden beim Bäcker, Fleischer, Hauswirt raubten ihr während mancher Nacht den Schlaf. Nun konnte sie die drückendsten Gläubiger befriedigen und einen Notgroschen bei Seite legen; freilich durfte der Großvater niemals davon erfahren: Lottchen kannte den Alten; er hätte sie gepeinigt, oft und öfter von den Verwandten Geld zu verlangen, und das stolze Kind, das an Charakter weder dem Vater noch der Mutter, sondern der Herz so verhaßten Stieftochter glich, hätte sich lieber schlagen lassen, ehe es sich zu Erpresserdiensten hergab. Sie versteckte das Geld in einer kleinen Porzellandose, dem einzigen Andenken, 'daß sie von ihrer früh verstorbenen Mutter besaß, und fast bitter gedachte Lotte dieser Toten, die sich in krankhafter Sehnsucht nach dem flüchtigen Mann ins Grab gegrämt und ihr Kind arm und hilflos in der Welt gelassen, als einzigen Beschützer einen grilligen, ewig nörgelnden Alten, der sie mit seiner selbstsüchtigen Liebe tyrannisierte und einer unsicheren Zukunft entgegentrieb. Ja, wenn Alfred all die Pläne, die er seiner Cousine heut Abend, als er zehn Minuten auf dem Heimweg durch den Park mir ihr Zurückbleiben konnte — wenn er all die süßen Hoffnungen, die er ihr zuflüsterte, einmal zu erfüllen vermöchte! Warum denn nicht? Alfred war nicht nur der schönste, er war auch der klügste und beste Mensch der Erde; Lotte liebte ihn seit der ersten Minute, da sie ihn gesehen, und er wird ihr einst das Glück geben, das große, wunderbare, ach noch so himmelferne Glück. . . , „Lotte! Sötte! Die Stimme des Großvaters drang schrill durch zwei Zimmer. „Ja! Ja!" Sie versteckte das Porzellandöschen mit dem Geld hurtig in ihrem Bett und sprang wieder ans Fenster; sie hörte den Alten kommen. „Willst du gleich das Fenster schließen! Willst dich wohl erkälten, wie?" eiferte Herz. „Besorge das Abendbrot, für Herrn Klinger mit! Wir speisen in seinem Zimmer." Lotte runzelte die Stirn, als sie Klinger erwähnen hörte. Wie unsympathisch war ihr dieser Mensch mit seiner aufdringlichen Freundschaft für den Großvater! Sie antwortete, ohne ihren Platz am Fenster zu verlassen: „Dein Abendbrod, Großvater, steht längst in der Ofenröhre deiner Stube bereit. Der Tisch ist auch schon gedeckt. Mich entschuldige, ich habe bereits gegessen. Herr Klinger soll sein Nachtmahl einnehmen, wo er Lust hat. Er ist bei uns nicht in Kost. Und sein Zimmer betrete ich überhaupt nicht". „Das muß man sagen, Lotte", polterte Herz los, „wenn du von den Stahls kommst, bist du dreifach so mürrisch und verdrießlich wie sonst. Ich werde dir den Verkehr mit jener Gesellschaft ein für allemal verbieten; mir passen diese Leute nicht, hörst du? Und ich will, daß du gegen den Herrn Referendar freundlich bist! Du wirst dich nicht unter deinem Stand weggeben: deine Mutter hat auch einen Juristen geheiratet." „Der ihr nach einem Jahr auf und davongelaufen ist", ergänzte Lotte bitter. „Dank der Jntriguen deiner sauberen Posthuma." „Das ist nicht wahr!" schrie Lotte. „Genug, genug!" Herz hob theatralisch die Hand. „Ich will davon nichts mehr hören. Komm jetzt mit Lottchen! Bringe ein wenig Fleisch und Brod", schmeichelte er. „Herr Klinger hat zwei gute Flaschen Sekt auf seinem Zimmer." „Die mag er allein trinken", grollte Lotte und setzte boshaft hinzu: „Sie werden wohl auch getauft sein wie er." „Du solltest dir diese vorteilhafte Partie nicht entgehen lassen, Kind! Ein so hochgebildeter, netter Herr!" „Ein richtiger Unchain", sprach Lotte verächtlich. „Pfui, Lottchen, wer wird jüdische Ausdrücke gebrauchen) Ich finde das höchst unfair." „Ich nicht", erwiderte Lotte trocken. „Keine lebende Sprache besitzt das entsprechende Wort dafür; aber wenn du das lieber hörst, kann ich ja auch ekelhafter Patron sagen." „Nimm dich in acht!" rief Herz erbost. „Wenn ich es wünsche, wirst du den Referendar heiraten und du magst froh sein, wenn er dich nimmt. Bild dir's ein, Alfred Stahl wird dich heiraten! Zum Narren hält er dich, und wenn du auf den warten willst, wirst du einen grauen Zopf kriegen." „Den färb' ich dann", lachte Lotte, und plötzlich wieder ernst und finster aus ihren großen schwarzen Augen blickend, sprach sie fest: „Wenn mich dieser Klinger mit seinen Anträgen nicht verschont, dann kündigst du ihm; darauf besteh' ich! Ich werde ihn nie heiraten, lieber spring' ich zum Fenster hinaus. Und nun laß mich in Ruh'!" (Fortsetzung folgt.) fPH'ifii:r i ■i.i'iTif-.i* 1 im^ ^^im Verantwortlich für dcn redaktionellen Teil: M. A. Klausner, für den Inseratenteil: Arthur Scholem in Berlin. Druck und Verlag von Arthur Scholem, Berlin C., Roßstraße 3.