Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 31 (29.7.1904)
- Date
- 1904-07-29
- Page
- Seite 438 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 438 Israelitische Wochenschrift. Nr. 31 reine Güte, ihre Art, zu sprechen und zuzuhören, erschien so liebenswürdig, daß man die Frau liebgewinnen mochte, ohne mit ihr bekannt zu sein. „Da kommt der Fürst!" ries Lottchen und erzählte ihr kleines Abenteuer mit der gefundenen Uhr. Posthuma stand auf: „Laßt euch nicht stören, Kinder! Ich finde es hier heiß und unbehaglich; ich mochte nach dem Restaurant zurückkehren." „Warum, Mama? Bist du nicht wohl?" Luise machte Miene, aufzustehen. „Meine Güte, wie bleich du bist, Tante Posthuma!" rief Lotte erschrocken. „Nicht doch, wir begleiten dich." „Ihr bleibt alle beide hier", entschied Posthuma fest, „ich wünsche es. Seid nicht närrisch. Ich will mich nur dem Trubel und dieser spektakulösen Musik entziehen. Viel Vergnügen!" Sie lächelte beiden zu, kletterte behend die kleine Treppe an den Tribünen hinunter und ging nach dem Park. . . . Gott sei Dank, sie war allein! Wie die Ruhe und Kühle unter den im zartesten Frühlingsgrün prangenden Bäumen ihr wohl tat! Hier vergoldete die Sonne nur, hier wärmte sie nicht; die blauen Glockenblumen und Gänseblümchen im Rasen standen so schüchtern und still und ließen sich von dem Spatzenvolk, das sich hier dreist herumtrieb, anschreien, an den zarten Stengeln zausen und zupfen. Bäume und Himmel hielten Zwiesprache in aller Stille; die Menschen waren alle dort, wo der lustige Kampf tobte auf dem grünen Rasen. Nein, nicht alle. „Posthuma!" Sie hatte aus einem Seitenweg her seinen Schritt gehört und ihn auf der Stelle erkannt. Er stand plötzlich neben ihr, so still und leicht wie in der Kinderzeit, und doch war er ein starker, stattlicher Mann geworden, das Antlitz gebräunt, umrahmt von dem hellglänzenden blonden Bart. Aber seine Stimme hatte den alten, freundlichen Klang: „Ich sah Sie die Tribüne verlassen und bin Ihnen nachgegangen. Sie zu begrüßen." Sie mochte ihre Freude, ihn wiederzusehen, gar nicht verhehlen und ergriff bewegt seine dargebotene Hand. „Guten Tag, mein Fürst! Wie freundlich von Ihnen, sich meiner zu erinnern!" „Ich habe ununterbrochen Ihren Lebensweg verfolgt", sprach der Fürst weiter, „ich weiß, daß Sie leider verwitwet sind. Was bestimmte Sie, eine schöne, reiche Frau, Witwe zu bleiben?" „Die Erinnerung an meinen Gatten, Durchlaucht", erwiderte Posthuma ernst. „Er verdiente, daß ich ihm die Treue wahre; er liebte mich über alles. Und ich besitze zwei Kinder, das ist Glück genug." „Einen Sohn und eine Tochter?" „Ja, Durchlaucht." „Ich habe Ihren Sohn gesehen, Posthuma. Wenn Ihnen sein Wesen so gleicht wie sein Aeußeres. . . ." „Nicht ganz, Durchlaucht, mein Sohn ist gründlicher. Er lernte fleißig und ließ es sich sauer sein da, wo seine Mutter von all den hohen und tiefen Wissenschaften nur genascht hat. Dafür war er auf dem Gymnasium auch der Liebling der Professoren. Er wünschte eigentlich Mathematik zu studieren — denken Sie, Durchlaucht, Mathematik! Von mir hat er das nicht. Aber nach dem Tode meines Mannes erklärte er mir, Kaufmann werden zu wollen, um die Arbeit seines Vaters fortzusetzen. Ich ließ ihm seinen Willen. Es ist ein prächtiger Junge, nur von einem brennenden Ehrgeiz beseelt. Auch das war der Fehler seiner Mutter nicht." „Nein", wiederholte der Fürst und sah ihr lächelnd in die, wie in früherer Zeit, voll Schelmerei lachenden Augen, „ehrgeizig war seine Mutter nicht. Aber heute darf ich's Ihnen danken, daß Sie klug handelten, für uns beide vorbedacht, für sich wie für den unbesonnenen Schwärmer, den die Erinnerung an seine Jugendliebe noch vor mancher Verirrung geschützt hat. Und ich war recht einsam lange Zeit. Das Schlimmste tat mir der Krieg: meine Mutter hat den Tod meines Bruders nur um Wochen überlebt. Seit zwei Jahren" — seine Stimme erhielt wieder einen Hellen Klang — „wünschte ich, Posthuma, daß Sie meine Frau einmal sähen." „Meine Kinder, Durchlaucht, haben mir die Fürstin gezeigt. Sie gefällt mir über alle Maßen gut", rief sie lebhaft. „Meine Freundin ist noch ganz die alte", lächelte der Fürst, „sie bewundert nur in Superlativen." „O, Durchlaucht, ich hätte auch das Gegenteil ehrlich bekannt. Sie kennen meine ungeschickte Art, das, was mir mißfällt, nie zu verschweigen. Und, mein Fürst, wer alt wird und selbst viel Leid erfuhr, lernt lesen in den Gesichtern der Menschen. Auf dem Antlitz der Fürstin steht: „Ich bin eine glückliche Frau, mein Gatte und ich, wir lieben uns aus vollster Seele." „Meine Porzia ist ein holdes, herzensgutes Wesen. Sie haben recht gelesen: ja wir sind beide sehr glücklich." Sie hatten, ohne daraus zu achten, den großen Mittelweg im Park, der bis an die Grenze der Lichtung führte, durchschritten; schon sah man von weitem das bunt bemalte Schweizerhäuschen des Restaurants auf dem freien Platz erscheinen; auch Tische wurden sichtbar, vor denen vereinzelte Gäste, die den Rennen serngeblieben, saßen und Kaffee tranken oder ins Grüne blickten. Nun hörte man schon Stimmengewirr, das immer lauter und kräftiger bald zu tausendstimmigem Geschrei anschwoll. Es kam von den Tribünen herüber; deutlich unterschied man Hurrahrufe und „Heil"; der Sieg war wohl entschieden, und der erste Preis erreicht. „Ich muß umkehren", sprach der Fürst. „In der nächsten Nummer laufen meine Pferde. Meine Frau hofft stark, daß einer unserer Rappen einen Preis davontragen werde. Als Vollblut-Ungarin ist sie, was Pferde anbelangt, eine Autorität; ich habe ihr meinen besten Renner geschenkt, und nun schwört Porzia darauf, Monostatos werde in großer Form sich zeigen." „Monostatos!" rief Posthuma lebhaft. „Mein Sohn bat mich, ihm ein Pferd zu nennen, an dessen Sieg ich glaube; ich habe ihm Monostatos genannt, der Name heimelte mich an." „Da haben wir die Wirkung in die Ferne! Ich halte von dem Rappen viel, er ist so ungeberdig und wild wie unser einstiger Lieblingsmohr." Und er pfiff leise das Monostatos- Lied. „Darf ich Sie an Ihren Platz geleiten?" fragte er dank. „Bemühen Sie sich nicht, Durchlaucht! Ich setze mich hier an irgend einen Tisch und werde meine Kinder erwarten. Haben Sie Dank für die Zeit, die Sie jetzt mir gewidmet!" Sie bot ihm zum Abschied die Hand. „Werden wir uns wieder begegnen?" fragte der Fürst. Ueber Posthumas Antlitz zuckte wie ein Leuchten ein Abglanz jener schalkhaften Koketterie, die sie als Mädchen so reizend hatte erscheinen lassen. „Wiederbegegnen, Durchlaucht", sagte sie treuherzig. „Ich glaube, es wäre besser, es geschehe nicht". „Sie haben Recht", erwiderte der Fürst und drückte herzlich ihre Hand. „Leben Sie wohl!"