Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 31 (29.7.1904)
- Date
- 1904-07-29
- Page
- Seite 436 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 436 Israelitische Wochenschrift. Nr. 31. Die Politik. (Der Rücktritt des Justizministers Schönstedt.) Der preußische Justizminister Herr Schönstedt will, wie es heißt, im Herbst seinen Abschied nehmen. Nach der agrarisch-antisemitischen „Deutschen Tageszeitung" liegt ein Abschiedsgesuch noch nicht vor, das, wenn es komme, durch das hohe Alter des Ministers begründet sein würde und nicht durch die scharfe Kritik, die der Reichsjustizsekretär im Reichstag an dem Kontraktbruchgesetzentwurf geübt habe, auch nicht durch den Königsberger Hochverratsprozeß. Das Blatt schreibt weiter: „Die Kritik des Kontraktbruchgesetzes im Reichstag war allerdings etwas ungewöhnlich und auffällig, aber für das Gesetz trägt jetzt nicht mehr der Justizminister die eigentliche und formelle Verantwortung, sondern das Staatsministerium in seiner Gesamtheit und der Ministerpräsident im besondern. Sollte, woran nicht zu denken ist, das Gesetz zurückgezogen werden, so würde wie damals beim Volksschulgesetz nicht nur der Ressortminister, sondern auch der Ministerpräsident gewisse Konsequenzen ziehen müssen, aber wie gesagt, daran ist nicht zu denken. Was aber den Königsberger Prozeß anlangt, so ist es ja richtig, daß die Klage nicht vollkommen ausreichend vorbereitet zu sein scheint, dafür trägt aber nicht die Justizverwaltung die Verantwortung, sondern das betreffende Gericht, das das Hauptverfahren eröffnet hat, und dieses Gericht ist bekanntlich unabhängig. Sollten aber, was wir nicht wissen und auch nicht annehmen, gewisse Anweisungen ergangen und befolgt worden sein, so würde auch hierbei der Justizminister nur die Mittelperson gewesen sein und die unmittelbare Verantwortung nicht tragen. Wir nehmen keinen Anstand, offen auszusprechen, daß wir, wie die Dinge jetzt liegen, das Ausscheiden des Justizministers doppelt bedauern würden. Es würde geradezu wie ein Triumph der Demokratie und des Judentums wirken, die beide Herrn Dr. Schönstedt immer mit ihrem Hasse 'beehrt haben." Es ist nicht wahr, daß das „Judentum" Herrn Schönstedt mit seinem Haß beehrt hat. Auch die Juden haben das nicht getan. Denn Herr Schönstedt ist, soweit die Juden in Frage kommen, nicht der Täter seiner Taten gewesen, sondern der Vollstrecker eines Willens, dem er sich wahrscheinlich nicht lieber gefügt hat, als er sich einem anders gerichteten Willen gefügt haben würde. Ob Herr Schönstedt bleibt oder geht, ist vollständig gleichgiltig. Was wir wünschen müssen, und um der Gerechtigkeit willen wünschen, ist ein Systemwechsel. Diesen sehen wir noch nicht kommen. Bis dahin aber ist es für uns vollkommen irrelevant, wer als Justizminister zeichnet. * * * (So sind sie alle.) Kürzlich ist der antisemitische Schriftsteller Wilhelm Marr gestorben. Sein Tod erinnert an die vielleicht einzige Wahrheit, die er in seinem Leben bekannt hat. Er schrieb in einem Brief: „Ich bin ein alter Parteigänger, aber nie habe ich mehr Erzschelmenbande gefunden, als unter den heutigen Geschäfts-Antisemiten. Das aber dürfen Sie privatim erklären, daß ich nach 30jährigem Judenkrieg mich mit Ekel bis zum Erbrechen abwende von dem ganzen heutigen Geschäftsschwindel-Antisemitismus." Er hat sie gekannt, genau gekannt. Und so sind sie alle, alle ohne Ausnahme. (Mit der Macht.) Die „Frankfurter Zeitung" berichtet aus New Port, daß der bekannte Demokrat Straus, früherer amerikanischer Gesandter in der Türkei, sich für Roosevelts neue Präsidentschaftskandidatur erklärt habe. Dazu bemerkt die „Kreuzzeitung": „Auf den ersten Blick muh diese Nachricht auffallen. Straus gehörte nicht der radikalen Bryanschen Richtung an, die auf dem demokratischen Nationalkonvent in St. Louis unterlegen ist, sondern er war Golddemokrat, und die Golddemokraten haben doch gesiegt und ihren Kandidaten Parker durchgesetzt. Man sollte meinen, Straus würde Parker aus Leibeskräften unterstützen, statt dessen geht er zu Roosevelt übet. Die Erklärung bietet sich in dem von dct „Frankfurter Zeitung" weise verschwiegenen Umstand, daß Straus Jude ist, und das Judentum liebt es ja, mit der Macht zu gehen. Und Herr Straus ist kein gewöhnlicher Wald- und Wiesenjude; er nimmt sogar im Judentum eine führende Stellung ein; es ist in letzter Zeit vielfach die Rede davon gewesen, er solle an Stelle des verstorbenen Herzl der Führer des Zionismus werden. Wahrscheinlich werden die meisten Juden, welche noch zur demokratischen Partei schwören, ihm in Roosevelts Lager folgen, und von diesem Gesichtspunkte aus ist das Vorkommnis allerdings interessant. Die Juden kalkulieren nicht schlecht, wenn sie jetzt Roosevelts Partei ergreifen, denn er kann ihnen mehr nützen, als Parker. Durch das Zirkular des Staatssekretariats zugunsten der rumänischen Juden und den Versuch, die Kischinew-Petition in Petersburg anzubringen, hat er sich überdies schon die Neigung Israels in hohem Grade erworben. Auf einem anderen Blatt steht es, ob es der republikanischen Partei wesentlich nützen wird, wenn das Freikorps der Makkabäer zu ihr stößt. Hat doch neulich selbst ein spezifisch jüdisches Preßorgan zugegeben, daß die Juden bisher jede Partei, der sie sich anschlossen, ruiniert hätten. Die freisinnige Partei ist dem deutschen Volk durch ihre jüdische Avant- und Arrieregarde schwerlich sympathischer geworden, und ebenso hat die Erfahrung gezeigt, daß die Juden durch die unglaubliche Nervosität, die sie stets zu den extremsten Schritten nach der einen oder anderen Seite verleitet, ihre Leibpartei auch taktisch schädigen. Sie bewahren nie kaltes Blut, sondern sind entweder „himmelhoch jauchzend" oder „zu Tode betrübt", und reißen dadurch oft auch besonnene Parteigenossen zu großen Dummheiten fort." Es ist erstaunlich, wie einseitig das Gedächtnis der „Kreuzzeitung" ist. Sie hat behalten, daß Straus — von gänzlich unberufener und unkundiger Seite — als Nachfolger Herzls in der zionistischen Führerschaft genannt worden war, das Dementi aber hat sie vergessen. Daß Straus eine „führende Stellung im Judentum" einnimmt, ist von der „Kreuzzeitung" einfach erfunden. Straus ist ein prominenter Mann — daß er ein prominenter Jude wäre, müßterr wir erst aus der „Kreuzzeitung" lernen. Daß das Judentum cs liebt, mit der Macht zu gehen, ist unwahrer als uns lieb sein kann, obwohl wir den Wert der Sicherheit, der „Kreuzzeitung" nicht zu begegnen, keineswegs gering anschlagen.