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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-07-29 · 31 (29.7.1904) · p. Seite 434

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
31 (29.7.1904)
Date
1904-07-29
Page
Seite 434 (sequence 10)
Language
German
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Seite 434. Israelitische Wochenschrift. Nr. 3t. wenn die Gesetze Moses' wirklich Vorzüge in ethischer Hinsicht enthalten sollten, es sich daraus erkläre, daß letztere 1000 Jahre später geschrieben sind. Also seine Ansicht über das Verhältnis der beiden Gesetze ist, glaube ich, aus dem Gesagten deutlich zu entnehmen. Ich erlaube mir auch, zu betonen, daß ich auch bei dieser Frage die theologische Seite ganz außer Acht lasse. Die meisten der hochgeehrten Anwesenden kennen meinen religiösen Standpunkt, daß ich fest überzeugt bin, daß die Bibel auf göttlicher Offenbarung beruht. Aber für die heutige Diskussion lasse ich diese Frage ganz beiseite und stelle nur die Bibel einerseits und Hammurabi andererseits einander gegenüber. Zunächst möchte ich mir erlauben, einige Mitteilungen über das Gesetzbuch Hammurabis zu machen. In Susa, der ehemaligen Hauptstadt des persischen Reichs, wurde nämlich im Jahre 1893 unter Schutt und Geröll ein Steinblock gefunden im Ausmaß von 2x/2 Meter Höhe und nicht ganz 2 Meter Breite, dicht beschrieben auf beiden Seiten mit Schriftzeichen in Keilschrift, die die Gelehrten mühsam entziffert haben. Es stellte sich heraus, daß es ein Gesetzbuch des Königs Hammurabi von Babylon ist, der ungefähr 2200 Jahre a. Chr. n. regiert haben soll und von dem man annimmt, daß er mit dem König Amraphel, mit dem Abraham Krieg führte, identisch sei. Amraphel soll eine Verstümmlung des Namens Hammurabi sein. Wie dieser offenbar in Babylon ausgestellt gewesene Stein nach Susa gekommen ist, weiß man nicht. Der Stein enthielt in 49 Kolumnen 382 Gesetze, außerdem eine Vorrede, in der sich Hammurabi viel darauf zu gute tut, diese Gesetze verfaßt und herausgegeben zu haben, und eine Nachrede, in der er dieselben unter den Schutz von (ich glaube) 33 Göttern und Göttinnen stellt, deren Fluch denjenigen treffen soll, der irgend eine Zeile von den Gesetzen auslöscht. Es ist dies eine charakteristische Widerlegung der Behauptung, daß zur Zeit Hammurabis der Monotheismus in Babylon bekannt gewesen sein soll. Dieser Fluch und diese 32 Götter und Göttinnen haben aber nichts genützt. Leider sind 5 Kolonnen, die ungefähr 40 Gesetze enthalten haben dürften, in der Mitte wegradiert. Wenn auch Delitzsch der Frage aus dem Weg gegangen ist, ob wirklich das Gesetz Hammurabis das Vorbild der Bibel ist, haben andere Leute diese Frage aufgeworfen. Meines Wissens ist von keiner wissenschaftlich bedeutenden Autorität behauptet worden, daß eine direkte Uebertragung aus Hammurabis Kodex in die Bibel stattgefunden hat. Es ist das auch in hohem Grade unwahrscheinlich. Das Gesetz Hammurabis ist sehr weitläufig, sehr kasuistischen Inhalts, enthält zum Beispiel über Diebstahl eine große Anzahl von Gesetzen und es ist nicht anzunehmen, daß ein später geschriebenes Gesetz diese kasuistischen, teilweise sehr interessanten Entscheidungen ganz ignoriert und sich mit allgemeinen Vorschriften, wie sie unsere Bibel enthält, begnügt hätte. Es ist zwar im 19. Jahrhundert vorgekommen, daß spätere kürzer abgefaßte bürgerliche Gesetzbücher teilweise aus früheren weitläufigeren Kodices geschöpft haben, aber eine derartige philosophische Abstraktion kann man in jenen uralten Zeiten nicht voraussetzen. Damals wäre sicher jeder menschliche Gesetzgeber sehr froh gewesen, wenn er eine so umfangreiche Vorlage gefunden hätte, so wie heutzutage wir Juristen froh sind, wenn wir ein paffendes Formular für Verträge, Instruktionen u. dgl. finden, das uns die Arbeit erspart. Es ist auch nicht Sitte der Bibel, zu leugnen, was sie von anderswo entnommen hat. Ich erinnere daran, daß die Organisation des Richterstandes (daß nämlich die kleinen Sachen vor die Volkshäuptlinge kommen und nur große Sachen vor das Oberhaupt, vor Moses gebracht werden sollten) dem Schwiegervater des Moses zugeschrieben wird und nicht deffen eigener Initiative. Wie gesagt, von irgendwelcher wiffenschaftlichen Autorität wurde die direkte Uebertragung aus Hammurabi in die Bibel nicht behauptet, obgleich in beiden Gesetzeswerken ähnliche Bestimmungen sich vorfinden. Wohl aber hat ein Gelehrter jüdischen Glaubens die Vermutung aufgestellt, daß, mit Rücksicht auf eben diese Unwahrscheinlichkeit einer direkten Uebertragung, eine gemeinsame Urquelle existiert habe, aus der einerseits Hammurabi sein Gesetzbuch, andererseits Moses das seinige genommen habe. Diese Behauptung ist noch unwahrscheinlicher. Ich bitte zu bedenken, in welches Zeitalter Hammurabi gesetzt wird — 3000—2200 a. Chr. n. Nun ist das babylonische Reichsgesetzblatt nicht jede Woche erschienen. Die alten Gesetzbücher hatten eine etwas dauerhaftere Natur, wie zahlreiche Analogien beweisen. Nach den fünf Büchern Moses erfolgte für die Juden eine weitere Kodifikation erst in der Mischna, also ungefähr 1500 Jahre später. Bei den Römern ist nach den 12 Tafeln eine Sammlung, die man als Kodifikation annehmen kann, erst mit dem L6icturn Perpetuum, also ungefähr 500 Jahre später, erschienen. Das hochgebildete Athen hat sich während seines ganzen staatlichen Bestandes mit den Gesetzen Solons begnügt, ohne eine neue Sammlung. Ebenso Sparta mit Lycurgs Gesetzen. Es ist also nicht anzunehmen, daß Hammurabi schon 50 Jahre später als ein früherer Gesetzgeber sein Gesetzbuch verfaßt hat. Hätte ein solches Urgesetz existiert, so hätte es nach diesen Analogien 500—1000 Jahre vor Hammurabis Gesetzen bestehen müssen; ob in dieser Zeit aber die Schrift überhaupt existierte und ob damals ein Kulturzustand existiert hat, der die Abfassung eines Gesetzbuchs möglich oder nötig machte, wäre sehr zu bezweifeln. Also auch diese Hypothese muß meiner Ansicht nach als unwissenschaftlich zurückgewiesen werden. Es entsteht nun die Frage, wieso kommt es, daß bei genaueren Vergleichen gewisse Aehnlichkeiten zwischen Bibel und Hammurabi sich zeigen. Hervorragende Gelehrte nichtjüdischer Konfession z. B. Professor Köhler haben die Frage beantwortet und haben meiner Ansicht nach mit vollstem Recht darauf hingewiesen, daß diese Aehnlichkeiten teilweise auf der Natur der Sache beruhen, indem kein Gesetz auf der ganzen Welt gewisse Fälle anders entscheiden konnte, als die Bibel und Hammurabi. Beispielsweise heißt es in der Bibel, daß, wenn der Hirt mit der Hütung einer Herde betraut ist und ein Stück des Viehs von einem Raubtier zerrissen wird, er nichts zu zahlen braucht. Wird aber ein Stück Vieh gestohlen, dann hat er es zu bezahlen So entscheidet die Bibel, so auch Hammurabi. Das liegt in der Natur der Sache. Denn der Hirt braucht nicht stärker zu sein als der Löwe, der das Schaf zerrissen hat, soll, aber nicht schlafen, damit die Diebe nichts stehlen können. Ein großer Teil der Analogien ist dadurch entstanden, daß kein Gesetzbuch der Welt, höchstens jenes von Sodom, von dem die merkwürdigsten Entscheidungen im Talmud berichtet werden, diese Frage anders entscheiden konnte. Was dann noch übrig bleibt von den Analogien beruht auf der Tatsache, die niemand bestreiten kann, der die Bibel gelesen hat, daß die jüdischen Stämme aus Mesopotamien, also aus einem dem babylonischen Reich angehörenden Land, stammen. Wir heißen Hebräer, weil wir von „eher hanohor"

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