Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 31 (29.7.1904)
- Date
- 1904-07-29
- Page
- Seite 433 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 31. Israelitische Wochenschrift. Seite 433. Methode dieser Vorträge. In letzterer Hinsicht führe ich folgendes an: Die bisherigen Rationalisten und sogenannten Freidenker, die wir zu bekämpfen hatten, haben zwar die ganze Thora geleugnet, aber ein Gebot der Thora haben die meisten beobachtet und sich dadurch nach der bildlichen Sprache unserer Chachamim einen Verteidiger vor dem himmlischen Gericht gesichert, nämlich das Gebot: Du sollst nicht zweierlei Gewicht in deinem Beutel haben, schweres und leichtes, du sollst nicht zweierlei Maß in deinem Haus haben, großes und kleines. Die bisherigen Angreifer haben den Offenbarungsbegriff bestritten, manchmal auch lächerlich gemacht, indem sie ihm das Postulat, daß die Menschen nur das glauben dürfen, was ihnen schon durch die Vernunft erklärlich ist, gegenüberstellten, aber sie haben jede Offenbarung, wo immer sie geschehen sein soll, bestritten. Sie haben die Wunder bestritten und ihnen die Behauptung entgegengesetzt, daß die Naturgesetze unabänderlich seien, selbst von der höchsten Macht, von dem Weltschöpfer, nicht suspendiert werden können, aber sie haben diese Behauptungen nicht bloß bezüglich einzelner, sondern betreffs aller Wunder aufgestellt, ohne Unterschied, ob sie im alten Testament sind, oder sonst wo berichtet werden. Deshalb hat Delitzsch dadurch Aufsehen erregt, daß er lediglich den Offenbarungsglauben des alten Testaments angegriffen und geradezu lächerlich gemacht hat, daß er ausschließlich die Wunder des alten Testaments karrikiert hat, daß er aber an einem Offenbarungsbericht und an einem Wunderglauben, die ihm persönlich näher stehen, als die alttestamentarischen, ehrfurchtsvoll vorbeiging. Der Wahrheit zuliebe muß ich einräumen, daß er allerdings ein neueres Wunder bezweifelt und symbolisch zu erklären versucht hat. Dieser Vorgang war von Delitzsch umso auffallender, als er sonst in religiösen Fragen sehr tolerant ist. Er sagt in seinem ersten Vortrag (Seite 47): „Die Religion der in Babylonien zugewanderten Semiten ging dort rasch unter in dem seit Jahrhunderten daselbst eingebürgerten Polytheismus der älteren und ältesten Landesbewohner, einem Polytheismus übrigens, der uns, was seine Vorstellung von den Göttern betrifft, durchaus nicht unsympathisch berührt': sind doch die Götter der Babylonier lebendige, allwissende und allgegenwärtige Wesen, die die Gebete der Menschen erhören und wenn sie gleich zürnen über die Sünden, sich doch immer wieder zur Versöhnung und zum Erbarmen bereit finden lassen." Er sagt also an dieser Stelle, daß er dem Polytheismus von Babel durchaus nicht unsympathisch gegenübersteht, einem Polytheismus, von dessen männlichen Gottheiten eine das Opfer der eigenen Kinder verlangt, und von dessen weiblichen Gottheiten mindestens eine von ihren Priesterinnen und Anbeterinnen ein Verhalten verlangt, das das gerade Gegenteil jenes Verhaltens ist, das die römischen Vestalinnen einhalten sollten; dieser Polytheismus ist ihm nicht unsympathisch. Vergleichen Sie nun damit, was Delitzsch in der Vorrede zu seinem zweiten Vortrag auf Seite 4 bezüglich des Gottes Israels sagt. Er hat nämlich die Buchausgabe seines zweiten Vortrags mit einer Übersetzung des 63. Kapitels von Jesaias unter dem Titel „Zur Klärung" eingeleitet. Da heißt es: „Je tiefer ich mich versenke in den Geist des alttestamentlichen prophetischen Schrifttums, desto banger wird mir bei dem Gott des alten Testaments (Delitzsch nennt hier den vierbuchstabigen Gottesnamen, den ich in dieser Form nicht wiederholen darf), der die Völker mit seinem unersättlichen Zornesschwert hinschlachtet, der nur ein Lieblingskind hat, dagegen alle anderen Nationen der Nacht, der Schande, dem Untergang preisgibt." So sprach er, nachdem er von den babylonischen Götzen so tolerant gesprochen, vom Gott Israels! Ich bitte Sie, in dem zuletzt verlesenen Zitat die Worte „Geist des alttestamentlichen prophetischen Schrifttums" genau zu beachten. Sie charakterisiren treffend Delitzschs Konsequenz. In seiner letzten Schrift „Rückblick und Ausblick" bezeichnet er das Prophetentum als dasjenige, was noch etwas taugt in Israel. Da heißt es (auf Seite 5): „Die Propheten Israels in Ehren! Sie bleiben mit ihren ernsten, strengen Predigten zu Sittenreinheit, Recht und Gerechtigkeit, mit ihrem heiligen Eifer für den Gott ihrer Väter, ihrem auch vor Königen nicht verleugneten Ueberzeugungsmut, ihrem glühenden Patriotismus für alle Zeiten ein leuchtendes Vorbild — aber im Volk Israel alles rosig erblicken, das babylonische Altertum dagegen durch die gelben und trüben Gläser mißgünstiger Voreingenommenheit betrachten und auf diese Weise Gerechtigkeit und Wahrheit mit Füßen treten — das geht nicht an." Wir haben also gesehen, bis zu welcher Höhe sich der Haß Delitzschs gegen das biblische Judentum versteigt. Es ist dies umso auffälliger, als sowohl Delitzsch, wie auch seinen erlauchten Zuhörern folgende Erwägung nicht fremd geblieben sein kann. Der Talmud sagt: „Wenn einmal der Verderber losgelassen ist, dann weiß niemand, wie weit er geht". Wenn die Fortentwicklung der Religion, die Delitzsch in seinem zweiten Vortrag propagiert, darin bestehen soll, daß das ganze alte Testament mit Ausnahme einiger Stellen, die Gnade in seinen Augen gefunden haben, in der Schule beseitigt und nicht mehr als Bestandteil der heutigen Religion erkannt werden soll — wenn diese Revision der Bibel verwirklicht wird, dann wird diese Entwicklung und Revision auch vor dem weißen Blatt zwischen dem Buch der Chroniken und dem Evangelium Matthäi nicht halt machen! Delitzsch mag dies vielleicht gleichgiltig oder gar erwünscht sein, ob es aber allen seinen erlauchten Zuhörern gleichgiltig wäre, das möchte ich sehr stark bezweifeln. Ich nehme hiermit von Delitzsch Abschied, hoffentlich auf Nimmerwiedersehen und gehe zur Frage „Moses und Hammurabi" über. Bezüglich des Gesetzbuchs Hammurabis hatte Delitzsch in seinem ersten Vortrag nur wenige Andeutungen gemacht. Es war noch nicht im Druck erschienen und es waren nur Fragmente in einer entdeckten babylonischen Bibliothek bekannt geworden. Erst in seinem zweiten Vortrag sagte er, es sei ein Gesetzbuch gefunden worden von höchster Bedeutung und deutet auch an, ohne sich ausdrücklich darüber zu erklären, daß dieses Gesetzbuch das Vorbild des Gesetzbuchs von Moses gewesen sei. Er sagt ausdrücklich: „Ich habe mir Reserve auferlegt bei meinen Vorträgen wegen der gläubigen Protestanten, Katholiken und Juden, die denselben beiwohnen". An anderer Stelle sagt er: „Ich habe nicht die Frage erörtert, ob Hammurabi das Vorbild der Bibel gewesen sei". Ich glaube, aus diesen zwei Aeußerungen sieht man schon, daß, wenn er die Frage aus Rücksicht auf die Gläubigen nicht erörtert hat, er, wenn er keine Rücksicht auf die Gläubigen hätte nehmen wollen, .die Frage bejaht hätte, und man erkennt seine Ansicht auch ferner daraus, daß er betont, daß die Sprachweise der biblischen Gesetze in vielen Fällen mit Hammurabi übereinstimmt und daß er erklärt, er wolle auch nicht weiter erörtern, ob in juridischer und ethischer Beziehung das eine oder andere Gesetz vorzuziehen sei. Er behauptet weiter, daß