Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 31 (29.7.1904)
- Date
- 1904-07-29
- Page
- Seite 430 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 480. Israelitische Wochenschrift. Nr. 31. gestalten. Mit diesem Augenblick war denn auch begreiflicherweise der Höhepunkt für die zionistische Agitation gekommen, die durch geschickte Verquickung des politischen Moments mit dem religiösen Sehnsuchtsideal die fast unglaubliche Kooperation der westlichen aufgeklärten mit den östlichen orthodoxen Juden bewirkt und gerade unter den letzteren so zahlreiche Anhänger gewonnen hatte. Umsonst hatten Herzl wohlgesinnte Kenner der Verhältnisse vorausgesagt, daß die Türkei nie und nimmer die erhoffte Selbständigkeit eines jüdischen Staats in Palästina zugeben werde, umsonst hatten einsichtige, mit dem Werdegang der sozialistischen Bewegung und der Werbekraft ihrer Mittel vertraute Männer vor einer Beschränkung auf ein topopraphisches Endziel gewarnt; aber angesichts der Begeisterung, die das zionistische Losungswort inzwischen bei den breiten östlichen Massen gefunden, war jede Warnung unnütz geworden, obwohl Herzl selbst in seinem „Judenstaat" keineswegs an Palästina, sondern an Argentinien oder an irgend ein zur Kolonisation geeignetes Ländergebiet gedacht hatte. Während Marx' genialer Organisationsentwurf von der Vereinigung aller Proletarier gerade durch seine Universalität imstand war, die sozialistische Bewegung zu schaffen, und mit Bernsteins ewig grüner Formel „Das Endziel ist nichts, in der Bewegung liegt alles" die sozialistische Organisation unbegrenzt fortgeführt werden kann, wurde die zionistische Bewegung durch ein keineswegs in der jüdischen Religion, sondern in der Diaspora entstandenes und bei den orthodoxen europäischen Judenmassen aufrechterhaltenes Sehnsuchtsideal in national, chauvinistische Bahnen gelenkt. In seinem zweiten zionistischen Werk „Alt-Neuland" spricht denn auch Herzl nur mehr von Palästina als unverrückbarem Ziel. Müßig wäre es, heute darüber nachzudenken, was aus der zionisiischen Bewegung bereits geworden wäre, wenn die Türkei die Pforten Palästinas wirklich geöffnet und dieses zur „öffentlich rechtlichen Heimstätte für diejenigen Juden, die sich nicht assimilieren können oder wollen", gemacht hätte. Selbst eingeschworcne Zionisten sind der Ansicht, daß in diesem Fall die Bewegung bereits ihr klägliches Ende gesunden haben winde. Gebricht es doch der von Herzl noch im Jahre 1894 mit Recht bezweifelten „historischen Heimat" ebenso an den wirtschaftlichen und politischen Voraussetzungen für eine Staatengründung, noch mehr aber den Einwanderern an den nötigen individuellen Vorbedingungen. Doch das palästinensische Losungswort war nun einmal als Schiboleth ausgegeben. Mit schwerem Herzen mußte Herzl daher auf dem letzten zionistischen Kongreß die vorläufige Unrealisierbarkeit einer öffentlich rechtlichen Heimstütte in Palästina bekanntgeben, indem er gleichzeitig von neuen Unterhandlungen Mitteilung machte, die er mit der englischen Negierung bezüglich eventueller Ueberlassung eines Landstrichs im ostafrikanischen Uganda pflog, das Nordnu damals ein „Nachtasyl" nannte. Aber auch dieses Projekt soll angesichts des Widerstands im Parlament von der englischen Regierung bereits definitiv fallengelassen sein. Ob der bereits totkranke Herzl davon Kenntnis erlangte, ist mir nicht bekannt. Wenn er auch selbst von diesem Ersatzmittel wenig gehalten haben dürfte, so ist doch zu hoffen, daß ihm diese Kunde erspart geblieben ist. Und trotzdem wäre es nun höchst verfehlt, wollte man den auf den edelsten Motiven beruhenden Herzlschen Bestrebungen Bedeutung und Erfolg nbsprechen. Sache seiner Nachfolger muß es nun sein, aus der im topographischen Endziel sich verschlingenden Bewegung eine im Sinne Bernsteins sich „bewegende" auszulösen, sie geradezu zu entnationalisieren und neue Ideale wie reale Ziele in ihr Programm aufzunehmen. Ebenso wie die sozialistische Bewegung ohne Katastrophentheorie und trotz vieler unrealisierbarer Programm-Utopien in Fluß erhalten werden kann, ebenso kann — und sollte — eine zionistische Bewegung „ohne Zion" — so widersprechend dies auch klingen mag — fortbestehen. Man würde sich an Herzls Manen und dem sittlichen Gehalt des Zionismus schwer versündigen, wenn man dessen Existenzberechtigung nur im Zusammenhang mit der Zionsparole erweisen wollte. Daß es schwere Kämpfe kosten wird, die Bewegung in neue Bahnen überzuleiten, ist angesichts der allzustarken programmatischen Betonung des topographischen Endziels nicht zu leugnen, und sicherlich wird ein Teil der bisherigen Anhänger ohne weiteres abfallen. Denn die orthodoxen östlichen Massen — die Misrachi —, die in ihren heimischen oder überseeischen Ghetti nur wegen der erhofften Rückkehr nach Zion zum Zionismus sich bekennen, sie stehen und fallen mit Zion. Ihr Zionismus war nie etwas anderes, als das alljährlich am Osterfest in vollster Ueberzeugung ausgesprochene Gebet des gläubigen Juden: „Uebers Jahr in Jerusalem!" Daß eine Organisation gedrückter und geknechteter Massen notwendig ist, mag es sich nun um Proletarier oder um eine nationale Bewegung handeln, steht wohl außer Zweifel. Wenn nun diese Organisation nur durch Schlagworte erreichbar war, die in praxi wenig oder selbst keine Verwirklichung sinden können, so wird man dies Herzl ebensowenig wie Marx verargen, vorausgesetzt, daß die entstandene Bewegung in realere Bahnen übergeleitet und das ihr innewohnende sittliche Moment zum Kern der Bewegung gemacht werden kann. Der sittliche Gehalt jenes Zionismus, von dem Syrkin, der geistvolle Uebersetzer der Werke Tolstois mit Recht einst sagte, „daß für ihn Palästina ebenso unwesentlich sei, wie es Amerika für Jkarien und Afrika für Freiland war", jenes Zionismus, „der nicht den Juden im Juden zur Ehre bringen will, sondern vielmehr den Menschen im Juden", jenes Zionismus, der „in seinem Judenantlitz der Welt der Stärkeren zum Trotz sein Menschentum erringen möge", diesen Zionismus wird der Kenner der osteuropäischen Judenmassen nur mit Genugtuung begrüßen müssen. Sofern der Zionismus eine nationaljüdische Bewegung innerhalb der assimilierten und assimilierungspflichtigen Juden der westlichen Kulturländer angestrebt hat, muß man ihn wie jede nationale Bewegung, der weder politische, noch kulturelle Aktualität zu Grunde liegt, rundweg verdammen. Heute aber sollte lediglich die Wirkung des Zionismus vom Standpunkt der Erfolge betrachtet werden, die er bei den nach Bildung und Kultur dürstenden Massen des Ostens hatte, die in wirtschaftlicher und geistiger Not verkommen müßten, wenn sie, vor allem deren jugendlicher Teil, nicht eine vor dem Versumpfen rettende ideale Begeisterung — sei es von wo immer — empfangen. Ob Herzl gerade daran gedacht hatte, als er die Bewegung ins Leben rief, will ich heute nicht ergründen. Unermeßlich aber ist der Segen, den der Zionismus auf die glänzend begabten slavischen Judenmassen tatsächlich bereits ausgeübt hat, denen er Hoffnung. Menschenwürde und Schaffensfreudigkeit fast mit einem Schlage verlieh. Dies wird man anerkennen müssen, auch wenn man in den Geistes- und Kunstprodukten vieler junger jüdischer Elemente des Ostens nicht die von den Zionisten gewähnte „jüdische Moderne", sondern nur moderne Juden erblickt. Und bei aller berechtigten Aversion gegen nationaljüdische Bewegungen innerhalb der westlichen Kulturländer wird doch kein Kenner der Verhältnisse in der Verlegenheit sein, wo er mehr sittlichen Gehalt zu suchen haben wird, ob beim getauften oder ungetauften jüdischen Assessor,