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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-07-29 · 31 (29.7.1904) · p. Seite 429

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
31 (29.7.1904)
Date
1904-07-29
Page
Seite 429 (sequence 5)
Language
German
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fit 81. Israelitische Wochenschrift. Seite 429 üufdrängt, wenn wir einen Blick auf die Vergangenheit, auf die Weltgeschichte werfen; wir sind auch auf sie stolz, wenn sie schon nicht nach unserm Willen, weil nicht nach unserer Auffassung geschehen ist. Daß die griechische Philosophie der Menschheit nur durch uns zugänglich gemacht worden ist, gibt Herr Jacob selbst zu. Das Betonen des Umstandes, daß es nicht unser Gut, sondern arisches Geistesgut war, kann unser Verdienst ebensowenig vermindern, wie die Behauptungen und VermutüngeN der Assyriologen in bezug auf die mangelnde Originalität unserer Religion.- Amerika war vor Kolumbus da und doch verdünkt die Welt ihm den Besitz des neuen Weltteils. Das frische und reine Wasser eines tiefen Brunnens kann man ohne Seil und Schöpfer Nicht trinken. Wir jedoch leben nicht für diese Missionsidee, wir lebten Und wollen üuch tveitet NUk für uns leben, und wir sind nicht abhängig davon. Üb andere uns zuhörett wollen. Wer aber lernen will, der komme Und letne, und lernen können sie noch alle von uns, selbst die Gebildetsten. Was das Heilmittel des Herrn Dr. Jacob für die von ihm sestgestellte Krankheit, das Unterlauchen betrifft, so scheint sie mir erst recht verfehlt zu sein. Der Haß liegt nicht in der Glaubensverschiedenheit, nicht in der Nationalität, er ist in der Abneigung gegen die Forderungen und düs Wesen der Ethik zn suchen. Auch das Untertauchen wird diese Abneigung und ihre Folgen nicht wegschwemmen. Wir haben geschichtliche Beweise dafür. Sind die Ebioniten in den ersten Jahrhunderten nicht mehr verfolgt Und gemieden worden, als die Juden selbst? Hat man in Spanien den getauften Juden nicht einen besonderen Namen, Maranen, gegeben, um sie von den Christen zu unterscheiden? Lehren uns nicht tägliche Ereignisse, daß auch durch die Taufe die Schranke nicht wegfällt? Herr Jacob selbst steht das ein und gibt zu, daß der Untergang nicht auf einmal vor sich gehen kann, und daß wir auch dann mehrere Generationen hindurch werden leiden müssen, bis die Physiognomien gänzlich verwischt sein werden. Wie aber sollen wir uns bis dahin erhalten? Es hieße, sich den Kopf abhauen lassen, um nicht an Kopfschmerzen leiden zu müssen; die Ethik aus der Welt schaffen, um über die Verletzung der Ethik nicht zu klagen. Sind wir in diesem Fall nicht eher berechtigt, in der Religion unserer Väter weiter zu bleiben und die Zeit abzuwarten, in der alle Nationen zur Einsicht kommen werden, daß unsere Existenz nicht minder berechtigt ist, als die ihrige? Und wenn Herr Jacob fragt, wie wir uns bis dahin erhalten wollen, so antworten wir wieder: Das hat die Geschichte gezeigt! Die Tatsache kann doch Herr Jacob selbst nicht ableugnen, daß wir trotz der tausendjährigen unerhörten Verfolgungen noch leben. Wir lebten als Juden und wir wollen auch weiter als Juden leben und die Lieblinge der Logik und Aesthetik, die Schoßkinder des Herrn Jacob dürfen den Juden fluchen, solange ihnen die jüdische Ethik noch nicht ins eigene Blut geflossen ist, wir wollen leiden, damit die Menschheit Menschheit werde. Wnhaben noch Kraft zu schwimmen und brauchen nicht untcrzutauchen und unterzugehen. Wir wollen sehen, wessen Prophetie sich erfüllen wird; ob der Wolf zahm werden wird wie ein Schaf, oder ob das Schaf ein reißender Wolf wird. . . . L. Tauber. Gbeodor ficrzl und der Zionismus. Von Maximilian Paul-Schiff (Baden bei Wien). (Aus der „Frankfurter Zeitung".) „Eine Eiche zerschmettert, eh' der Sturm sie gebrochen", so müßte das Dichterwort lauten, wollte man es auf den im Alter von 44 Jahren Dahingeschiedenen anwenden, der vor wenigen Tagen auf dem Döblinger Friedhof zu Wien zur Ruhe bestattet wurde. Nicht zur letzten Ruhe, falls der heiße Wunsch des Entschlafenen sich verwirklichen soll. „Bis das jüdische Volk meine Leiche nach Palästina überführt", so schrieb letztwillrg dieser deutsche Schriftsteller, der schon durch die seltene Meisterung des Wortes bezeugte, daß er deutsche Empfindung bis in das Innerste eingesogen hatte. Nicht dem Schriftsteller, sondern dem Juden, dem Zionisten Herzl möchte ich einige Worte widmen, die an der Hand seines befremdenden Werdegangs zeigen mögen, warum einer der besten deutschen Männer sich schließlich selbst suggerierte, daß er als Jude sich „nicht assimilieren könne oder wolle". Nur einigemale war es mir vergönnt, Herzl im Leben näherzutreten. Als ich vor einigen Jahren in einer Versammlung der Oesterreichischen israelitischen Union dem ethischen Gehalt des Zionismus die ihm gebührende volle Gerechtigkeit widerfahren ließ, suchte mich der mir bis dahin unbekannte Herzl auf, um mich zum zionistischen Programm zu bekehren. Wenige Worte genügten, um ihn zur Einsicht kommen zu lassen, daß dies vergeblich sei. Aber die kurze Besprechung, die wir mit einander hatten, genügte mir, um zu begreifen, daß der große Zauber, den die Persönlichkeit dieses Mannes ausübte, jene mächtige Bewegung entfachen konnte, die Herzl nach langem Ringen und Prüfen im Jahre 1895 zu Paris ins Leben gerufen hatte. Kaum ein Jahr früher noch hatte er in einer Rezension von Dumas' „Femme de Claude" geschrieben: „Der gute Jude Daniel will die Heimat seines Stammes wiedersinden und seine zerstreuten Brüder heimführen. Doch gerade ein solcher Daniel weiß, daß den Juden mit ihrer historischen Heimat nicht mehr gedient wäre. Es ist kindisch, die geographische Lage dieses Landes zu suchen . . . Und wenn die Juden wirklich „heimkehrten", so würden sie am andern Tag entdecken, daß sie längst nicht mehr zusammengehören. Sie wurzeln seit Jahrhunderten in neuer Heimat, entnationalisiert, von einander verschieden, in einer Charakter-Aehnlichkeit, nur durch den sie überall umgebenden Druck erhalten." Als ich Herzl nun anläßlich seines Besuchs u. a. auf diese, noch vor so kurzer Zeit von ihm geschriebenen Worte aufmerksam machte, hielt er einen Augenblick inne und rezitierte dann folgendes Gedichtchen Heyses: „Wer heute klüger ist als gestern Und es mit frohem Mut bekennt. Den werden die Biedermänner lästern Und sagen: er sei inkonsequent." Da konnte ich nun allerdings nichts mehr antworten. Die bona fides seiner Ueberzeugung durfte ich nicht bezweifeln, und mit Vernunftgründen zu entgegnen, wäre umso weniger am Platz gewesen, als die zionistische Bewegung inzwischen eine ungeahnte, geradezu lawinenartige Ausdehnung genommen und mehrere Kongresse gezeitigt hatte, auf denen Juden aus allen Ländern der Welt allen Ernstes und in größter Begeisterung sich mit der Wiederaufrichtung eines selbständigen jüdischen Staats beschäftigten. Und tatsächlich schien infolge der Schritte, die Herzl bei der türkischen Negierung unternommen hatte, jene Verwirklichung in nicht zu weite Ferne gerückt zu sein. Hatte doch der Sultan warmes Interesse für die zionistischen Bestrebungen gezeigt. Nur wenige Jahre vergingen und die türkische Regierung gab offiziell bekannt, daß sie nicht in der Lage sei, die Errichtung eines selbständigen jüdischen Staats in Palästina zu

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