Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 31 (29.7.1904)
- Date
- 1904-07-29
- Page
- Seite 428 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 428 Israelitische Wochenschrift. Nr. 31 bloß eine ethische ist, indem sie den Nächsten „nur" wie sich selbst zu lieben fordert, so hat sie doch den Vorzug, befolgt werden zu können; sie wurde von ihren Anhängern tatsächlich geübt, während diese metaphysisch ist und von dem auf eine Backe Geschlagenen fordert, er solle auch die zweite hinreichen. Von der praktischen Uebung dieser metaphysischen Nächstenliebe aber haben wir seltsame Proben erhalten. Wohl von dem Grundsatz ausgehend, daß schon die Versuchung eine Sünde sei, sind die frömmsten und eifrigsten Prediger der Feindesliebe immer bestrebt gewesen, andere zur Tugend dieser Nächstenliebe anzuhalten, und haben deshalb mit der Austeilung von Schlägen nicht gekargt. Auch der talmudische Gott in seiner Karrikatur, die aus Rohling erborgt ist, kann uns nicht zum Untertauchen veranlassen. Jedermann weiß, daß die Juden am wenigsten Gott verkörperten, und das haben sie Thora und Talmud zu verdanken. Der Talmud betont mit Nachdruck, daß die biblischen Stellen, die von Gottes Hand, Auge und Ohr sprechen, bloß der körperlichen und sinnlichen Natur des Menschen abstrakte Vorstellungen verständlich machen wollten. Derselbe Talmud kann unmöglich im Ernst einen Gott schildern, der nachts Klagelieder über den Fall Jerusalems anstimmt, früh morgens Gebetriemen anlegt, dann in der Thora lernt und den übrigen Teil des Tages mit Eheschließungen ausfüllt. Jeder vernünftige Mensch, sogar „ein Talmudist", der den Talmud nicht verstanden hat, erkennt, daß diese Agada eine Mystik enthält, die nicht wörtlich zu nehmen ist und niemals wörtlich genommen wurde. Eine mystische Agada ist kein Glaubensdogma. — — Ich folgte nun meinem verehrten Landsmann und ließ die Geschichte an meinen Gedanken vorbeiziehen. Ich blickte in die Jahrtausende zurück, und an der „großen Heerstraße" sah ich als prangende Zeugnisse der Aesthetik die scheußlichen Fratzen der Moloch- und Tamusbilder, dem Pan und Vulkan sah ich Standsäulen errichtet, und die großen Logiker des Herrn E. Jacob, die arischen Völker waren es, die sich mit herandrängten, ihre Kinder zu opfern. Aber ich sah noch etwas anderes: In der Ferne schritt einsam ein einziger Mann, sich mühend, einen Pfad zu finden. Auch seine Stimme hörte ich herübertönen. Brachte sie Kunde der Logik und stimmte sie ein in den Sirenengesang ästhetischer Ausschweifung? Nein! Nüchterne Ethik klang an mein Ohr. Sie verbot Menschenopfer, sie verbot Vielgötterei, sie befahl die Uebung von Menschenliebe und Gastfreundschaft. Nicht lange blieb der Einsame allein. Auf jenem Pfad sah ich viele sich bewegen, nicht ihm zu folgen, sondern ihn zu verfolgen. Und allmählich nimmt die Zahl der Nachkommen dieses vereinzelten Mannes zu, doch damit zugleich die der Verfolger. Die kleine Schar wuchs zu einer großen Masse heran. Ein Teil konnte zuweilen der verlockenden Aesthetik nicht widerstehen und begab sich auch auf die „große Heerstraße". Da tritt ihnen ein Eiferer entgegen, und die vernichtenden Worte ertönen: Wie lange wollt ihr noch auf zwei Wegen hüpfen? Entschließt euch! Entweder für Baal oder für den Herrn! — entweder für die Logik und Aesthetik oder für die Ethik. Es war Elias der Erste. Ich hörte den königlichen Redner, der der Ethik die Alleinherrschaft prophezeite und logisch die Logik und Aesthetik entthronte, ich hörte auch den gefühlvollen und elegischen Dichter, dem die Wankelmütigkeit seines Volks das Herz zerriß und blutige Tränen entlockte. Ich sah, wie das Volk nach demütigen und schlimmen Erfahrungen das Vertrauen zur Logik und Aesthetik aufgab und sich ganz der Ethik widmete. Die gefährliche Aesthetik hat es mit vollem Bewußtsein und mit gutem Recht verworfen, die Logik aber haben die Juden zu jeder Zeit gepflegt, und ich brauche nur Philo, Maimonides, Jbn Gabirol und Spinoza zu nennen, um meiner Behauptung den Wahrheitsstempel aufzudrücken. Die alte Heerstraße verfiel mehr und mehr. Die alte Aesthetik wurde durch neue Bilder, die alte blutige Logik durch neue blutige Erfindungen ersetzt; Kreuzzüge, Autodafes, Inquisition und schwarze Verleumdungen traten an die Stelle der alten Greuel. Die alte arische Logik hängte sich das fromme Schafsfell der Ethik um und verfolgte die noch immer einsam wandernde semitische Ethik. Da hörte ich andere Propheten dem unglücklichen Volk Mut zusprechen. Diese Verfolgung ist eine Feuerprobe für seinen Glauben, für seine Ethik; glücklich, wer seine Probe besteht! Und sie haben sie überstanden! Unversehrt gingen die Juden aus dem Feuer hervor, und die jüdische Ethik wird nach wie vor geübt, und unerschüttert blieb der Glaube, daß noch alle Menschen zur gleichen Erkenntnis gelangen werden. Die Welt ist seit damals fortgeschritten, Kunst und Wissenschaft fast überall verbreitet, alles wurde veredelt, verfemert — nur der Haß blieb derselbe. Raub, Mord und Todschlag sind nicht auf das Mittelalter beschränkt geblieben, sie treiben auch am hellen Tag der Kultur ihr Unwesen. Der radikale nationalisüsche Arier haßt noch immer die Ethik, der ethische Semit findet in seine Genossenschaft keine Aufnahme, auf der Schulbank rückt der kleine Arier von ihm weg. Da höre ich wieder eine Prophetenstimme: „Ihr traget selber die Schuld an eurem Leid! Warum geht ihr den einsamen dornenvollen Pfad der Ethik! Kommt doch herüber auf die große Trinitätsftraße, heult mit den Wölfen!" — Es ist die Stimme Elias des Zweiten. Jesaias rief einst: „Laßt uns in das Licht des Ewigen gehen und auf den Berg Gottes steigen." Der neue Prophet ruft uns nach unten, wir sollen untertauchen. Nun finde ich die Diagnose des Herrn Dr. Jacob falsch. Anstatt den Puls des Patienten zu fühlen hat er, wie jener betrunkene Arzt, nach seiner eigenen Hand gegriffen. Kein Wunder, daß er dem angeblich Kranken das Pulver verschrieb, das er für sich selbst begehrte. Herr Dr. Jacob, Sie irren sich! Der Schmerz, das Band der deutschen Bürgerschaft nicht tragen zu dürfen, aus der Schulbank von einem kleinen Arier verachtet zu werden, ist Ihr eigener und alleiniger. Wer zu Haus sich nicht behaglich fühlt und fremde Gesellschaft aufsuchen muß, den mag es freilich schmerzen, wenn er zurückgewiesen wird. Der deutsche Jude aber ist bei sich zu Haus gut aufgehoben und braucht keine fremde Genossenschaft. Er bedarf zu seiner Genugtuung nicht des Druckes der widerwilligen Arierhand. Wohl empfindet er jede Kränkung; aber die Tränen, die er weint, sind nicht sowohl seiner Benachteiligung geweiht, sie fließen dem verletzten Menschenrecht, der verletzten Ethik! Sein Selbstbewußtsein ist ungebeugt, denn er leidet schuldlos. Die Verfolgungen und Unterdrückungen, die Verleumdungen und Verunglimpfungen der Juden sind die Folgen „eines sittlichen und kulturellen Tiefstandes." Wenn Herr Jacob diese Behauptung als Gebildeter nicht billigen kann, so mag er die haarsträubenden Tatsachen der hohen Kultur, der Logik und Aesthetik zuschreiben. Wir haben auch nicht nötig, durch unsere „Mission" unsere Existenzberechtigung erst zu erweisen. Keiner Sekte und keiner Nation fällt es ein, einen Grund für ihre Eristenzberechtigung anzugeben. Die Tatsache allein, daß sie existiert, berechtigt sie auch weiter zu existieren, und da wir als Juden bis jetzt gelebt haben, so haben wir das Recht, auch ferner als solche zu leben. Die Missionsidee ist bloß ein Resultat, eine Tatsache, die sich uns unwillkürlich