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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-07-22 · 30 (22.7.1904) · p. Seite 423

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
30 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
Seite 423 (sequence 16)
Language
German
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Nr. 30. I-rraelltlsche Wvck cnschr»st. Seite 423. Feuilleton. Ein Trauenleben« Biographischer Roman von C. Berg. (Fortsetzung.) „Meier", neckte er ihn heute wieder, „Sie wandeln einher wie der steinerne Gast; an den hübschesten Gesichtern gehen Sie achtlos vorüber, dabei äugeln die Töchter des Landes nach Ihnen, daß es eine Freude ist, und ich opfere mich auf, all die braunen und blauen Blicke aufzufangen, auf daß sie nicht nutzlos verloren gehen". „Ich sterbe ja doch als Junggesell", erwiderte Meier, „ich müßte denn ein Mädchen finden, daß Ihrer Frau Mutter gleicht." „Das finden Sie nicht", entgegnete Lotte Robinsohn, „da geben Sie besser das Suchen auf! Ich erinnere mich noch genau des Tages, da ich meine Tante zum erstenmal sah. Meine Mutter war gestorben; mein Großvater rüstete sich zur Reise, die ich mit ihm über das große Wasser antreten sollte, um meinen Vater, der Gott weiß wo verschollen ist, zu suchen. Ich saß allein in unserer häßlichen, unfreundlichen Stube am kalten Ofen und fror, da ging die Tür auf und eine Dame kam herein, schön wie die Feen in meinen Märchenbüchern, nur daß sie keine Krone und kein Goldgewand, sondern einen kleinen Hut mit Schleier trug und ein dunkles Kleid." „Sie befahl sogleich der Haushälterin, Feuer zu machen", fuhr Lotte begeistert fort, „dann ließ sie mir von dem Konditor an der Ecke schöne, warme Schokolade holen — nie wieder hat mir das Getränk so herrlich geschmeckt." Die Herren lachten. „Darauf stieg die Fee in den Wolkenwagen und verschwand?" „O nein, Herr Meier, Feen gehen nie, ohne ihren Schützlingen eine größere Gabe zu hinterlassen. Die schöne Dame reichte mir ein Päckchen in Seidenpapier und sagte: „Oeffne es nur, wenn du in Not kommst, hörst du?" Ich versprach." „Erlauben Sie mal", rief Meier dazwischen, „wie viel Jahre zählten Sie zu jener Zeit?" „Neun." „Nun", bemerkte Meier kritisch, „solch ein Kind weiß doch gar nicht, was das bedeuten soll, die Not." „Da irren Sie, Herr Meier, ich habe diesen Begriff schon viel, viel früher gekannt. Und ein halbes Jahr später, als wir in New-Aork saßen, ohne Bekannte, ohne Obdach, ohne Brod, da übergab ich meinem Großvater das so lange ängstlich verborgene Packet. Es war eine Börse mit schrecklich viel Geld; Großvater eröffnete später damit ein Geschäft, das uns Glück gebracht hat. . . . Deine Mutter, Alfred, ist und bleibt die beste Frau der Welt." Alfred blickte sie gerührt an. Und gerade mit dir, kleine Lotte, verfährt sie nicht immer am freundlichsten". „Tut nichts", erwiderte Lotte, „ich liebe und verehre sie doch wie eine Heilige." „Wie eine Heilige", wiederholte Meier träumerisch. „Achtung, Augen links!" kommandierte er plötzlich in munterem Ton. Lotte, neugierig gemacht, warf ihre schwarzen Augen nach allen Richtungen und rief, einen Wagen bemerkend, der an der Lisiere des Parkes hielt: „Dort steigt mein Großvater aus und mit ihm unser Einwohner, Herr Singer, nein Klinger — du meine Güte, ich verspreche mich noch so oft! Ist er nicht von deiner Kompagnie?" „Unglückskind!" antwortete Alfred. „Wir wollten biefcnt Klinger ausweichen, und du rennst ihm direkt in den Weg." „S'ist ein zuwiderer Patron", brummte Meier. „Nun, so biegen wir hier in den Seitenpfad! Es ist näher, und wir kommen sogleich an den Rennplatz und die Tribünen. Hollah, wer fängt mich?" Lotte rannte voraus, die jungen Leute ließen ihr einen Vorsprung, dann flogen sie ihr nach, und Alfred haschte sie an ihrem dicken Zopf. „Du Unband, was wird dein Großvater sagen, daß du ihm durchgebrannt bist?" „Großvater konntt zu Haus bleiben; alte Leute gehören aufs Kanapee. Aber dieser gräuliche Klinger scheint keinen Gefährten zu haben und schleppt Großvater überall mit. Beeilen wir uns, deine Mutter einzuholen, damit Großvater uns nicht finden kann!" „Sie sind eine zärtliche Enkeltochter", lachte Meier. „Nein", erwiderte Lotte schroff, „das bin ich nicht." „Aufpassen!" rief Alfred. Meier sah auf, eine Equipage rollte vorüber, und die beiden Einjährigen standen stramm. Der Wagen hielt, ein großer, sehr schlanker Offizier stieg aus und bot einer ihm nachfolgenden Dame die Hand. Sie war eine sehr stattliche, überaus elegant gekleidete Frau; Lotte bewunderte ihre Figur, ihre Robe, ihren Hut: die gesamte vornehme Erscheinung der Fremden hat sie in Begeisterung versetzt. In gemessenem Abstand folgte sie mit ihren Begleitern dem eleganten Paar; auf einmal hielt Lotte ihren Schritt an, bückte sich und schrie: „Seht doch, was hier liegt!" Sie hielt ihren Fund in die Höhe, es war eine winzige, goldene Uhr mit Brillanten besetzt. „Teufel auch", sagte Meier, „ob das nicht die Kommandeuse verloren hat? Tragen wir das Ding zum Schutzmann!" „Es ist doch natürlicher, die Dame zu fragen, ob sie es nicht vermißt", meinte Alfred. „Die Oberstin anreden?!" machte Meier entsetzt. „Mensch, Sie sind wohl toll? Wenn er nun unsere ganz unvorschriftswidrigen Degen bemerkt? Nee, Stahl, die Kurage habe ich nicht." „Aber ich", sagte Alfred, nahm Lottchen die Uhr aus den Händen und eilte davon. „Wir wollen uns hinter dem dicken Stamm verstecken", bat Meier. „Sie sind ein Held", lachte Lotte, aber sie folgte ihm doch, denn sie war furchtbar neugierig, zu sehen, ob die Uhr wirklich der schönen Frau Oberst gehöre. Das fremde Paar war stehen geblieben. Lotte sah, wie die Dame an ihrer langen, goldenen Kette nestelte und der Offizier ihren Sonnenschirm aufspannte: offenbar, sie suchten beide etwas. „Es stimmt", flüsterte Lotte. „St", warnte Meier, „wollen hören, wie Alfred sich aus der Affäre zieht. Schneidig grüßt er, ganz patent!" Alfred hatte das Paar eingeholt. „Darf ich fragen, ob die Gnädige diese Uhr vermißt?" „Da ist sie!" rief die Dame erfreut. „Sieh doch, Alfred, das nenne ich mir ein Glück! Sehr freundlich, mein Herr, ich danke sehr." „Nun sage wer, man soll nicht an Wunder glauben", lächelte der Offizier. „Auch ich danke Ihnen, Kamerad!" Er reichte Alfred die Hand; in diesem Augenblick mochte er ihn wohl näher ins Auge fassen, sein Blick ruhte durchdringend auf dem jungen Einjährigen, und es dauerte geraume Zeit, ehe er Alfreds Hand von sich ließ. Der errötete wie ein Mädchen.

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