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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1904-07-22 · 30 (22.7.1904) · p. Seite 424

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
30 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
Seite 424 (sequence 17)
Language
German
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Seite 424 Israelitische Wochenschrift. Nr. 30. „Um Gotteswillen", murmelte Meier, „er hat den Degen bemerkt! Das kostet drei Tage bestimmt!" „Unsinn!" flüsterte Lotte, „es scheint mir viel mehr, als ob ihm Alfred sehr gefalle. Er sieht ihn sehr wohlwollend an. . . . Noch immer. Das ist recht sonderbar!" Meier steckte den Kopf vorsichtig hinter dem Stamm hervor. „Saperlot, Fräulein, Sie haben Recht! Der Mann hat ein Glück!" „Sie heißen Stahl", sprach der Oberst mit bewegter Stimme. „Alfred Stahl. Herr Oberst." Der Fürst blickte warm in des jungen Mannes offen schönes Gesicht. „Ich freue mich des Zufalls, der Sie mir in den Weg geführt". Es klang wie verborgene Rührung in des Fürsten Worten. „Leben Sie wohl, Kamerad, wir sehen uns noch!" Er bot Alfred noch einmal herzlich die Hand, die Fürstin grüßte mit graziösem Lächeln, dann waren beide fort. Alfred stand noch verdutzt auf der nämlichen Stelle, als ihn die Stimmen Loties und Meiers aus allem Nachdenken wachriefen. „Stahl, Sie Teufelskerl, nun sagen Sie blos, woher Sie der Oberst kennt?!" „Ich weiß es so wenig wie Sie." Meier schüttelte den Kopf: „Nein, das ist doch aber merkwürdig." „Ich werde selbst nicht klug daraus", erwiderte Alfred nachdenklich. „Vielleicht hat der Fürst meinen Vater gekannt, und eine Erinnerung an diesen hat ihn überkommen. Oder er fand, daß ich meinem Vater ähnlich sehe." „Weißt du, Alfred, was mir aufgefallen ist?" sprach Lotte. „Der Oberst ist genau so groß wie du, sein Haar ist ganz so hellblond wie das deine, und wenn er geht, streckt er den Rücken und zieht die Schultern zurück. Just so gehst du auch!" „Sie haben aber jede Bewegung Ihres Herrn Vetters genau studiert", lachte Meier. Lotte wurde verlegen, Alfred sprach garnicht: Er war in Gedanken noch immer bei dem Oberst, der ihn kannte, und grübelte über das woher und wieso! . . . Nun, er wollte seine Mutter fragen, da würde er sicher die Wahrheit erfahren. Schließlich war die ganze Begegnung garnicht so etwas wichtiges, wie er sich da einredete. „Donnerwetter, Stahl, wo bleibt Ihr wohl?! Ihr werdet noch die Rennen versäumen!" Die beiden Falkensteine standen am Sattelplatz und berichteten, Frau Posthuma und Frl. Luise hätten sich bereits zu ihren Plätzen auf den Tribünen begeben, Lotte solle neben ihrer Cousine in der ersten Reihe Platz nehmen, Frau Posthuma sitze in der zweiten. Lottchen kletterte gewandt auf ihren Sitz. „Flink, flink!" mahnte Luise. „Auf welches Pferd wettet Alf?" „Weiß nicht", antwortete Lotte und winkte ihn mit ihrem Schirm heran. „Eben haben mich Flick und Flock dasselbe gefragt", erwiderte Alfred. „Rate, Luise, auf welches setze ich? Es starten Wotan, Harras, Myosotis, Goldelse, Monostatos." „Aber Alfred, ich verstehe den blauen Dunst davon." „So nenne doch eines aufs Geratewohl! Der Gewinn solidem sein. Da nimm die Starterliste! Wotan ist Favorit." Luise überlegte. „Ich werde Mama fragen." Sie kehrte sich zu ihrer Mutter; nach einer Minute lachte sie Alfred zu. „Monostatos sagt Mama." „Schön, Lisel, es bleibt^dabei!" „Hollah, Stahl, bist du nun einig mit dir?" fragte Flock. „Auf wen setzst du?" „Monostatos sei's Panier." „Verrückt", sagte Flick, „eins zu dreißig. Kennst du denn den Gaul?" „Bedaure. Ich habe meine Damen einen Namen wählen laffen a tout risque." „Nun, sie haben Ihnen nicht den Schlechtesten genannt", rief Meier. „S'ist ein tüchtiger Außenseiter. Der Rappe gehört dem Baron von Wedel." „Was Ihnen nicht einfällt!" korrigierte Flock. „Monostatos ist aus dem Stall Leuchtenburg." Die Erwähnung des Namens Leuchtenburg kam Alfred ungelegen, er wußte selbst nicht warum. Am liebsten hätte er jetzt auf ein anderes Pferd gesetzt, er fürchtete aber, sich lächerlich zu machen, und schwieg. ... Im Grunde, was ging ihn der Fürst von Leuchtenburg an? War er, Alfred Stahl, ein nervöses Frauenzimmer, das sich von Stimmungen und Ahnungen beherrschen ließ? Er lachte sich selbst aus und wandte sich zu seinen Kameraden. Wenn Alfred geahnt hätte, wie sehr dringend zur nämlichen Zeit sich seine Mutier mit dem Fürsten Leuchtenburg beschäftigte! Die Tribünen waren, wie Alfred vorausgesagt hatte, mit dem elegantesten Publikum besetzt. Posthuma lauschte dem Geplauder ihrer Tochter, die alle Welt, namentlich die hübschen Frauen und Mädchen der besseren Gesellschaft, kannte, von vielen gegrüßt wurde und von der und dieser die interessantesten Dinge zu erzählen wußte. Lotte Robinsohn, die wegen der beschränkten Vermögensverhältnisse ihres Großvaters sehr zurückgezogen leben mußte, schwamm in Entzücken, all die vornehmen Damen zu sehen, ihre eleganten Toiletten zu bewundern, die Militärmusik zu hören und vor allem, was für Lotte den Gipfel des Vergnügens bedeutete, mit den Stahls den Tag zu verbringen. Sie hing an Posthuma und deren Kinder mit abgöttischer Zärtlichkeit, und diese Liebe wuchs wie eine rätselhafte schöne Blume unter Unkraut und Dornen; denn Robert Herz hatte weder Gift noch Galle gespart, seine Enkelin gegen die Stahls aufzuhetzen. Die Folge davon war, daß sich das junge Mädchen ihm innerlich immer mehr entfremdete und um so glühender, mit dem ganzen Trotz und Enthusiasmus der Jugend sich an die vielgeschmähten Verwandten schloß. Die Stahls erschienen ihr als die schönsten, besten und klügsten Menschen. Wie gewandt war Luise, wie schelmisch, wie interessant! Und in Alfred sah sie das Ideal ihrer Mädchenträume. „Lotte", neckte Posthuma, „du kannst unmöglich alle die Namen und Details behalten, die deine Cousine dir hier von den Anwesenden gibt. Ich an deiner Stelle würde mir Notizen machen." „O Tante!" rief Lotte bewundernd, „welch erstaunliches Gedächtnis, welche Beobachtungsgabe besitzt Luise! Sie kennt alle Menschen." „Nein", widersprach Luise, „alle Menschen kenne ich nicht! Wer mag die schöne Dame sein, uns vis-L-vis — die Brünette in weißen Spitzen, mit weißem Seidenhut in Straußenfedern? Dort in der ersten Reihe, mein Gott — sie muß euch doch auffallen. Sicher eine Aristokratin von reinstem Wasser." „Trifft zu", lächelte Lotte, „Luise kennt sich aus. Was gibst du mir, wenn ich dir Namen und Rang deiner Aristokratin nenne?" „Du, Lottchen, du?" (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich kür den redaktionellen Teil: M. A. Klausner, für den Inseratenteil: Arthur Schalem in Berlin. Druck und vertag von Arthur Schalem, Berlin 6., Roßstraße 3.

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