Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 27 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 379 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 27. Ioraciuische Wvä.cuschrist. Seite 379. heiratet, die mit ihren Kindern aus erster Ehe zum Judentum übergetreten ist. Die ersten Juden, die vor mehr als zwanzig Jahren nach Nagasaki gekommen, waren zum überwiegenden Teil Flüchtlinge aus Rußland und Rumänien. Die japanische Regierung hatte bekanntlich schon vor 40 Jahren allen Ausländern vollständige Freiheit und unbehinderte Religionsübung gewährleistet, und die Bekenner der verschiedensten Konfessionen haben in diesem von Heiden regierten Reich niemals irgendwelche Belästigung erfahren. Die japanische Verfassung, wie die der meisten zivilisierten Länder, gestattet den ausländischen Einwohnern nicht, in das Heer einzutreten; die in Japan lebenden Juden sind deshalb darauf beschränkt, ihre Dankbarkeit für das Adoptivvaterland in Spenden für die Opfer des Krieges und in eifriger Teilnahme an der Pflege von Verwundeten zu betätigen. St. Petersburg, 27. Juni. (Die Ausdehnung des jüdischen Ansiedlungsgebiets.) Der Nachricht von der beabsichtigten Erweiterung des den Juden zugänglichen Ansiedlungsgebiets wird im Ausland eine weit höhere Bedeutung beigelegt, als sie in Wirklichkeit hat. Denn die Aenderung der betreffenden Vorschriften würde nur theoretisch ein Aenderung zum Besten der Juden darstellen, tatsächlich sind die meisten der jetzt freizugebenden Ortschaften schon vorher von einer nicht geringen Anzahl von Juden bewohnt gewesen. Die Regierung ist jetzt bestrebt, den unter den schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen am schwersten leidenden Juden neue Arbeitsgebiete zu erschließen, um sie dadurch — wenigstens für die Dauer des Krieges — von der Auswanderung zurückzuhalten; es könnten ja möglicherweise Reservisten unter den Auswanderern sein! Aber die Erschließung der westlichen Grenzgebiete dürfte den gewünschten Erfolg nicht haben, weil die dazu gehörigen ärmlichen Dörfer und Landstädtchen keine Arbeitsgelegenheit für die große Menge der Arbeitslosen bieten können. Die einstige Vertreibung der jüdischen Bewohner aus diesen Distrikten hat große Werte zerstört, die sich so schnell nicht wieder aufbauen lassen. Schon seit vielen Jahren sind die einsichtigen unter den regierenden Ministern bestrebt gewesen, die Verordnungen aufzuheben, die den Juden die Ansiedlung innerhalb 50 Werst von der Grenze verboten haben. Diese Verordnungen waren seinerzeit in der Absicht erlassen worden, den sehr umfangreichen Schmuggel zu hintertreiben. Aber trotz der Vertreibung der Juden aus den Grenzdistrikten hat der Schmuggel nicht abgenommen, so daß bereits die Finanzminister Reitern und Bunge und der Unterrichtsminister Durnowo die Aufhebung dieser Maßregel befürwortet haben. Der jetzt von Herrn von Plehwe ausgearbeitete Abänderungsvorschlag fußt auf den entsprechenden Berichten dieser Minister und führt aus, daß die Gesetze gegen den Schmuggel einer vollständigen Revision bedürfen, weil sie in ihrer jetzigen Gestalt meist auf unschuldige Leute angewendet werden. Man sagt, daß der Generalgouverneur von Wilna, Kowno und Grodno, Fürst Swiatopolk-Mirsky, sich an maßgebender Stelle in energischster Weise für die vollständige Abschaffung der Maigesetze ausgesprochen hat. Fürst Swiatopolk- Mirsky gilt für einen Staatsmann ersten Ranges und steht wegen seines vornehmen hochsinnigen Charakters in Regierungskreisen in höchstem Ansehen. Personalnachrichten und kleine Mitteilungen. Der bekannte Philanthrop Adolph Lewisohn in New Port hat der Columbia Universität 250 000 Dollars zur Errichtung einer Schule für Mi neu bau zur Verfügung gestellt. Vakanzen. Eberstadt bei Darmstadt. Sem. geb. Rel.-L., K., Sch. (ledig), 800 Mk. Geh., 300—400 Mk. Nebeneink. Meld. an Herrn Max Kahn. — Mannheim. Akad. geb. L., Ansangsgeh. 1600 Mk. Meld. an Herrn Machol Straus. — Culm, Westpr. Hilfst, für hohe Feiert., 150 M. Honorar. Meld. an Vorst. — Duisburg. Rabbiner. Meld. an Herrn E. Löwe. Feuilleton. Lin Frauenleben. Biographischer Roman von C. Bei'g. (Fortsetzung.) „Dann erkundigt Euch bei den Foulds dort! Meint Ihr, die hätten wir auch gekauft?" rief Röschen wütend. „Das ist ja nicht Dummheit mehr, das grenzt schon an Verfolgungswahn! Und Sie, Robinsohn, Sie wollen ein Jurist sein! Heiraten Sie nur Lili, das müssen Sie jetzt, sollen sie nicht ganz und gar zum Schurken werden. Ich gönn Ihnen den Kiesel statt des Diamant. Und mög Ihr Lohn nicht Ihre Strafe werden. Denn der wackere Herz hat mcht nur Postels Glück zerstört; auch sein eigenes Kind jagt er ins Elend hinein. Sie mögen ein ganz tüchtiger Justiz-Kommissar sein, aber — es soll dies bei Leibe kein Vorwurf gegen den Toten sein — die Erbschaft nach Ihres Vaters Tode war doch mal sehr gering. Und Lili hat nichts, nicht einen Groschen." „Oho", kreischte Herz, „schaut es da hinaus?! Da sollt Ihr mich noch von ganz anderen Seiten kennen lernen. Habe ich es nicht schwarz auf weiß von Emil, daß er Lili dieselbe Mitgift wie Posthuma geben muß, und daß er sich mit dem Ehrenwort verpflichte, diese Schenkung niemals rückgängig zu machen?" Die Doktorin erwiderte seinen triumphierenden Blick mit mitleidiger Geringschätzung: „Du tonntest Dich gar schmählich verrechnet haben. . . . Wie nun, wenn Postel garnicht mehr heiraten mag?" „Das mache einem Andern weiß. Euer Geld wird ihr schon einen Mann besorgen, den Posthumas Vergangenheit nicht stört!" Frau Röschen tat, als hätte sie diese Bosheit garnicht vernommen; hatte sie doch noch den tötlichen Pfeil für ihren Gegner im Hinterhalt! Zudem stand Robinsohn auf und erklärte, mit so viel Fassung als ihm der Doktorin Vorwürfe und niederschmetternde Eröffnungen noch gelassen hatten: „Herr Herz, wenn anders ich noch Lilis Gatte werden soll, so darf weder von einer Unterstützung durch Herrn Stahl, noch von seiner Mitgabe für meine Frau die Rede sein." „Wird's auch nicht" sagte die Doktorin trocken, „sparen Sie sich die großen Worte! Lili erhält von Emil ebenso wenig eine Mitgift wie Posthuma. Paß gut auf, mein lieber Herz! Postel heiratet einer, der sie nimmt, wie sie ist, und hätte sie auch keinen Heller in der Tasche"; und sich an dem Schrecken des verblüfften, schönen Robert weidend, fuhr sie mit boshaftem Lächeln fort: „Wer weiß? Einst wird Posthuma vielleicht den Jntriguen ihres Stiefvaters noch dankbar sein; denn es ergeht ihr wie weiland König Saul: sie zog aus, um einen Esel zu suchen und hat dafür ein Königreich gefunden." Ohne Gruß, ohne Wort weiter rauschte sie hinaus und ließ sowohl Herz wie Robinsohn in der brennendsten Neugier und Bestürzung zurück.